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Mein Blick

»Die Kunst soll mich berühren«

Das Projekt MEIN BLICK der Hamburger Kunsthalle und der Körber-Stiftung lädt Hamburgerinnen und Hamburger dazu ein, sich aktiv an der Arbeit der Kunsthalle zu beteiligen und den persönlichen Blick auf die Kunst in Ausstellungsprojekten sichtbar zu machen. Nicole Keller, eine der Teilnehmerinnen von MEIN BLICK, erzählt im Interview von ihrer Begegnung mit der Kunst.

Frau Keller, wann waren Sie vor dem Start von MEIN BLICK zuletzt in der Kunsthalle?

Das ist circa ein gutes Jahr her: Ich war bei einer Führung des Denkmalvereins nach der Sanierung der Kunsthalle. Als ganz normale Besucherin aber war ich zuletzt vor drei oder vier Jahren dort.

Im Rahmen von MEIN BLICK waren Sie nun vor wenigen Wochen wieder zu Gast in der Kunsthalle. Gemeinsam mit Ihrer Gruppe haben Sie sich ganz unvermittelt und unkommentiert ein bestimmtes Gemälde angesehen, »Odysseus und Kalypso« von Max Beckmann. Wie war das für Sie?

Das Bild von Beckmann war mir fremd, ich kannte es nicht und es hat mich auf den ersten Blick eher abgestoßen. Die Stimmung, die es vermittelte, wirkte abweisend und unharmonisch. Wäre ich nicht mit Gruppe zusammen gewesen, wäre ich wahrscheinlich schnell weitergegangen. Wir jedoch haben uns vor das Bild gesetzt und angefangen, es genauer zu betrachten. Der Fragebogen der Kunstvermittlerinnen war dabei eine gute Hilfe, bzw. ein roter Faden, sich dem Werk mit seinem ganz persönlichen Blick zu nähern, sich selbst zu hinterfragen: Was sehe ich eigentlich?

Die Situation erinnerte mich zunächst stark an die Schule: ein Bild betrachten und Fragen beantworten. Dabei ging es aber immer nur um diese eine vermeintliche Wahrheit. Was sehe ich? Was hat sich der Künstler dabei gedacht? In der Schule gab es immer nur die eine richtige Antwort. In der Gruppe von MEIN BLICK war dem nicht so: Jetzt ging es darum, wirklich nur die persönlichen Antworten der Teilnehmer zu finden und das fand ich total spannend.

In der gemeinsamen Betrachtung kamen verschiedene Eindrücke der Teilnehmenden zusammen. Hat Ihnen das geholfen oder eine andere Blickweise eröffnet, als wenn Sie nur allein vor dem Bild gesessen hätten?

Absolut. Jeder hat sich individuell mit dem Werk auseinandergesetzt, Empfindungen zugelassen. Dadurch bin ich tiefer in die Geschichte des Bildes eingestiegen, habe sozusagen immer mehr gesehen. Zum Beispiel war mein erster Eindruck des Bildes, dass der Mann auf dem Bild – für mich die Darstellung eines totalen Machos – ganz klar eine Geschlechterrolle definiert. Dadurch, dass andere Teilnehmende ihre komplett unterschiedliche Sicht auf dieselbe Szene schilderten, hat sich mein Eindruck gewandelt. Plötzlich konnte meine Zuschreibung des Mannes auch andersherum sein, die Beziehung zwischen ihm und der abgebildeten Frau neben ihm in einem Gleichgewicht stehen.

Im Laufe des Workshops waren die Teilnehmenden aufgefordert, Themen oder Aspekte des Werkes zu benennen, die einen aktuellen Bezug zu ihrem Alltag haben, sie sprachen ja gerade z.B. von Geschlechterrollen. Wie war es für Sie, das Bild, das 1943 entstanden ist, auf Ihren Alltag zu beziehen?

Mich hat dieses Verhältnis der beiden Personen auf dem Bild sehr an das ambivalente Verhältnis der Macht zwischen Freiern und Prostituierten erinnert. Das war eine relativ spontane Assoziation, aber ich denke, aus dem Bild lässt sich generell sehr viel auf heute vorherrschende Geschlechterrollen übertragen.

Die Themen, die die Gruppe herausgearbeitet hat, sollten im nächsten Schritt mittels anderer Bilder oder Kunstwerke aus dem Bestand der Kunsthalle widergespiegelt werden. Sie sollten das betrachtete Werk kommentieren oder reflektieren. Wie sind Sie vorgegangen?

Wir hatten den kompletten Werkkatalog der Kunsthalle zur Verfügung, um nach Anknüpfpunkten zu suchen. Den Katalog habe ich im ersten Durchgang recht schnell durchgeblättert und bin einfach meinem Gefühl gefolgt, anstatt mich didaktisch zu fragen, welche Bilder nun aus unterschiedlichen Gründen passen würden. Meine spontan ausgewählten Werke habe ich dann nochmal genauer hinterfragt: Warum glaube ich, das dort eine Verbindung zu Beckmanns Gemälde besteht. Was ist es jetzt: Nur das formale oder nur das inhaltliche?

Dieser Prozess hat mir großen Spaß gemacht und mich unheimlich inspiriert, zu sehen, wie viele unterschiedliche Assoziationen und Erkenntnisse dieses eine Bild bei mir aber auch bei den anderen der Gruppe ausgelöst hat. Dinge, die ich gar nicht im Blick hatte, oder meine Assoziationen, die wieder andere gerade nicht gesehen haben. Ich fand es spannend zu sehen, wie jeder einen eigenen Zugang zu dem Bild gefunden hat. Darüber hinaus die Möglichkeit zu haben, diese persönlichen Blicke in der Ausstellung darzustellen, ist bereichernd! Dadurch eröffnen wir wiederum anderen Besucher*innen, die vielleicht sonst auch einfach nur vorbeigegangen wären, neue Zugänge zum Werk.

Doch das war letztendlich auch die Schwierigkeit: Was kann man eigentlich alles vermitteln? Was kann man den Besucher*innen zumuten? Jetzt haben wir so viele Erkenntnisse gesammelt, doch was davon können wir als Gruppe den Besucher*innen weitergeben – und wie? Durch diesen Prozess habe ich ein bisschen Einblick in die Arbeit von Kurator*innen bekommen und gesehen, welche Verantwortung sich eigentlich dahinter verbirgt. Sie müssen den Werken gerecht werden und auch den Künstler*innen und gleichzeitig den Blick der Besucher*innen mitdenken. Das ist sicherlich eine deutlich schwierigere Aufgabe, als man das so als Laie sehen oder vermuten würde.

Finden Sie es wichtig, dass die Betrachtenden in einem Kunstmuseum wissen, wann ein Werk entstand, wer es geschaffen hat und unter welchen Umständen? Trägt dies wesentlich zu einem besseren Zugang zur Kunst bei?

Für den ersten Blick, die erste Berührung mit einem Werk: nein. Meiner Meinung nach muss ein Kunstwerk die Besucher*innen erstmal überhaupt irgendwie berühren. Sicher ist das ein Ideal der Kunst, das sich bestimmt auch die meisten Künstler*innen erhoffen. Diese klassische Frage: »Was will uns der Künstler damit sagen?« ist dafür aber gar nicht so wichtig. Vielleicht will der Künstler uns gar nichts Konkretes sagen, sondern einfach nur ein Gefühl festhalten. Im Idealfall löst dieses Gefühl, dieser übermittelte Eindruck etwas bei uns aus und berührt uns. Dazu muss ich als Betrachtende kein Vorwissen haben, denke ich. Aber es hilft natürlich, wenn ich mich eingehender mit dem Werk beschäftigen möchte. Genau das zeichnet das Projekt meines Erachtens aus: Wir haben bei MEIN BLICK die Freiheit, unvoreingenommen wie ein kleines Kind zu sein, gleichzeitig können wir mehr Hintergründe zu einem Werk erfahren und das Werk entsprechend anders reflektieren.

Zum Abschluss eine ganz generelle Frage: Wenn Sie in einem Kunstmuseum sind, was möchten Sie dort erleben?

Die Kunst sollte mich irgendwie berühren. Wenn ich aus einer Ausstellung komme, möchte ich angeregt sein, über das Erlebte zu reden. Das kann sich auf die bildliche oder inhaltliche Ebene beziehen. Bei Ausstellungen, die sich politischen Themen widmen, erhoffe ich mir spannende Diskussionen ausgehend von der Kunst. Im Idealfall schaffen das die Kunstwerke ganz alleine, manchmal ist es aber auch die Kombination der Objekte, das räumliche Umfeld oder die Art und Weise der Präsentation. Neulich war ich zum Beispiel in einer interaktiven Ausstellung, in der Kunstwerke an die Wand projiziert wurden. Die Besucher*innen konnten die Projektionen verändern, indem sie beispielsweise mit der Hand die Wand berührten. Solche Möglichkeiten sind klasse, weil ich als Besucherin in die Kunst einbezogen werde und sie leibhaftig erleben kann. Erlebbar ist glaube ich ein guter Begriff für das, was ich gern im Museum habe: dass Dinge mir nahegebracht werden, dass die Distanz zwischen mir und den Objekten schrumpft, dass ich Kunst anders betrachten kann, als nur in einem Rahmen an der Wand mit einem Schild darunter.

Das Interview führte Constanze Claus, Körber-Stiftung.

Die Ausstellung MEIN BLICK ist vom 25. Januar bis zum 19. Mai 2019 in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Vorab findet am 29. November im KörberForum die Diskussion »Das Museum von morgen« statt, bei der u.a. das Projekt MEIN BLICK vorgestellt wird.

 

 

Kontakt

Constanze Claus
Programmleiterin
Kulturimpulse für Hamburg
Kulturvermittlung

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 186
E-Mail claus@koerber-stiftung.de

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