Ruhrgebiet besser machen: Viele Ideen entwickelt

Über 1.200 Ideen haben 636 Bürginnen und Bürger in Bottrop, Herne und Oberhausen beim Beteiligungsprojekt Ruhrgebiet besser machen entwickelt. Die Körber-Stiftung hatte gemeinsam mit der Essener Brost Stiftung und nebenan.de die Menschen der drei Städte aufgefordert, ihre Wünsche für noch mehr Lebensqualität zu äußern. Die Resonanz in der ersten Phase war groß: Bei 35 Veranstaltungen in Gaststätten und Schulen wurde zwischen Januar und März lebhaft diskutiert, wie beispielsweise durch mehr Begegnungsorte der Zusammenhalt gestärkt oder die Mobilität verbessert werden könnten. Dann kam die Coronakrise und die Präsenzveranstaltungen wurden in den digitalen Raum verlagert.

Ideenbotschafterinnen und -botschafter sind wichtig

Eine wichtige Rolle bei Ruhrgebiet besser machen spielten 15 Ideenbotschafterinnen und -botschafter, die im Vorfeld der Kneipen- und Schulgespräche gesucht und für die Moderationsaufgabe vorbereitet wurden. Alexandra Niehls und Peter Jötten, beide bekennende und engagierte Oberhausener, waren sofort motiviert. »Ich habe mich gleich am nächsten Tag beworben«, erzählt Jötten, der sich ein ganzes Berufsleben lang für seine Nachbarn eingesetzt hat. Er kümmerte sich beim Paritätischen Wohlfahrtsverband um die unterschiedlichsten Hilfsangebote. Hier hat auch Alexandra Niehls ihre Wurzeln: »Ich habe zwei kleine Kinder und möchte, dass Oberhausen für sie schön bleibt und an manchen Ecken vielleicht noch schöner wird«, begründet sie ihr Engagement für das Projekt.

Hannes Hasenpatt von der Körber-Stiftung, der das Format »Meine Stadt besser machen« bundesweit koordiniert, sprach mit den Beteiligten des Projekts über ihre Erfahrungen.

Ein wesentlicher Bestandteil unserer Projektreihe »Meine Stadt besser machen« ist die aufsuchende Beteiligung in Kneipengesprächen. Erzählen Sie uns etwas von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wer engagiert sich für das Ruhrgebiet?

Jötten: Es sind natürlich auffallend viele Menschen der Generation 50+. Klar, die haben ein größeres Zeitpotential als diejenigen die im Job stehen und sich um die Familie kümmern.  Ansonsten geht die Teilnahme quer durch alle Schichten, wie ich das im Ruhrgebiet auch nicht anders vermutet habe und es sind viele Menschen dabei die sich in diversen Bereichen ehrenamtlich engagieren.
Wer sich in der Stadt engagiert ist schnell von der Idee des Projekts überzeugt. Gefallen hat mir natürlich, auf Menschen zu treffen, die nicht nur kritisieren wollen, wie das häufig in den Politgesprächen der Fall ist, sondern die mit konkreten Ideen kommen, um ihre Stadt besser zu machen.

Was ist Ihnen als Besonderheit bei den Kneipengesprächen aufgefallen?

Niehls: Bemerkenswert finde ich die konstruktive Gesprächsatmosphäre. Die Leute kommen nicht, um über Defizite in ihrem Alltag zu nörgeln, sondern um konkrete Vorschläge zur Verbesserung zu machen.

Jötten: Wir hatten ursprünglich zum lockeren Einstieg in die Diskussion einen mit Augenzwinkern formulierten Arbeitsauftrag: »Stellen Sie sich vor, Sie wären der König des Ruhrgebietes, und könnten ohne Rücksicht auf Finanzen ihre Wunschprojekte umsetzen.« Das haben wir inzwischen gestrichen, weil die Teilnehmer sofort an der Realität arbeiten wollen und nicht an Luftschlössern.

Wie bereits im Rahmen unseres Projekts Hamburg besser mache gibt es auch im Ruhrgebiet bei den Kneipengesprächen Thementische und jeder Tisch hat einen Sprecher sowie Schriftführer. Welche Rolle spielt das schriftliche Festhalten?

Niehls: Das Protokoll ist extrem wichtig. Die Gäste gehen mit dem guten Gefühl aus den Gesprächen, dass kein Gedanke verloren geht. Und dass wir die Verantwortlichen zum Beispiel in Politik und Verwaltung schwarz auf weiß mit dem Bürgerwillen konfrontieren werden.

Jötten: Viele haben bereits negative Erfahrung mit Behörden gemacht. Sie berichten von Eingaben oder Anrufen bei der Stadt, auf die es keine Rückmeldung gab. Jetzt wird über das Projekt hinaus Öffentlichkeit hergestellt, die Verantwortlichen müssen sich zumindest mit den Vorschlägen der Bürger auseinandersetzen.

Wann wäre für Sie das Projekt Ruhrgebiet besser machen ein Erfolg?

Jötten: Wenn es gelänge, selbst im Kleinen Verbesserungen zu erreichen. Nehmen wir als Beispiel die Marktstraße, die von vielen Bürgern als trostlos gestaltet kritisiert wird. Hier könnten schon ein paar Bänke Abhilfe schaffen.

Niehls: Ich wünsche mir, dass über das Projekt Nachbarn wieder zusammenrücken. Mir ist aufgefallen, dass einige Menschen schon mehrfach zu den Kneipengesprächen gekommen sind. Die haben sich gefreut, wieder neue Leute kennengelernt zu haben.

Jötten: Es wird der Stadtgesellschaft wahnsinnig positive Impulse geben, wenn die Leute feststellen, dass aus den Gesprächen tatsächlich etwas entstanden ist. Und die Teilnehmer nachher sagen können: Wir haben dazu beigetragen!

Als Körber-Stiftung wollen wir die Projektreihe Meine Stadt besser machen in weiteren Städten durchführen. Welche Tipps möchten Sie zukünftigen Ideenbotschafterinnen und -botschaftern mit auf den Weg geben?

Jötten: Schön wäre es natürlich, feste bestehende Gruppen zu erreichen, die im sozialen Bereich bereits aktiv aber gehandicapt sind um z.B. mit den Gruppen der Rollstuhlfahrer, der Sehbehinderten etc. an Ideen zur Barrierefreiheit einer Stadt zu arbeiten. Aber auch im Vorfeld darüber nachzudenken, wie es gelingen kann auch jüngere Menschen anzusprechen. Von daher fand ich die, Idee mit dem Projekt in die Schulen zu gehen, richtig gelungen. Jugendtreffs bieten sich ebenfalls an. Und das Wichtigste: einfach mit viel Freude und Neugier an das Projekt herangehen, sich auf die Teilnehmer einlassen und selber die Intention haben, seine Stadt besser zu machen.

Jasmin Sandhaus, Sie haben in unserem gemeinsamen Projekt viele Menschen aus verschiedensten Teilen des Ruhrgebiets aktiviert, sich einzubringen, auch unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen. Welche Zielgruppen konnten angesprochen werden und auf welchen Wegen? Wie ist es gelungen, Diversität herzustellen?

Sandhaus: Obwohl die Bevölkerung im Ruhrgebiet vermutlich so divers ist wie fast nirgendwo sonst in Deutschland, sind auch wir mit dem Problem konfrontiert worden, dass man einige Bevölkerungsgruppen einfacher erreicht als anderen. Doch gerade die Bevölkerungsgruppen, die in klassischen Beteiligungsformaten oft unterrepräsentiert sind, lagen uns besonders am Herzen, auch weil sie oftmals nochmal ganz anders auf ihre Stadt schauen und dementsprechend ganz andere, aber ebenso wichtige Ideen mitbringen.

Am wichtigsten war in diesem Zusammenhang der Grundsatz, nicht darauf zu warten, dass die Menschen zu uns kommen, sondern selbst dort hinzugehen. So waren wir in verschiedenen Schulen unterwegs, im Kommunalen Integrationszentrum oder im Betreuten Wohnen für Menschen mit Behinderung und haben dort wichtige und neue Ideen für die jeweilige Kommune sammeln können. Zudem haben wir mit zahlreichen Multiplikatoren zusammengearbeitet – auch viele unserer Ideenbotschafterinnen und -botschafter, wie eben Alexandra oder Peter, haben Zugänge hergestellt.

Wie bereits im Rahmen des Projekts Hamburg besser machen wurde auch für das Ruhrgebiet eine digitale Beteiligungsplattform aufgebaut. Welche Rolle spielt bei dem Projekt die Verbindung von »online« mit der Plattform und »offline« in Form von Kneipengesprächen?

Sandhaus: Eine ganz wichtige – gerade auch mit Blick auf die Zielgruppe. Gerade ältere Menschen fühlen sich eher bei persönlichen Formaten wohl, die vielleicht auch noch in der eigenen Stammkneipe stattfinden. Ideen auf einer Website einzureichen – das ist ihnen vielleicht eher fremd. Gleichzeitig gibt es viele jüngere Menschen – Digital Natives – für die eine Website der ideale Weg ist, Ideen beizutragen.

Zudem ermöglicht die Website uns größtmögliche Transparenz. Alle Ideen, egal ob online oder beim Gespräch eingebracht, finden sich auf der Website. So stellen wir sicher, dass nichts verloren geht und alle Bürgerinnen und Bürger die Ideen jederzeit einsehen und kommentieren können. Im Kontext der aktuellen Corona-Krise bekommt das Digitale nun ja noch einen größeren Schwerpunkt als zunächst geplant. Anstelle der eigentlich geplanten Ideenwerkstätten in den drei Kommunen werden nun virtuelle Webinare stattfinden. Das bietet uns Gelegenheit off- und online noch enger zu verzahnen und zeigt vielleicht auch, inwieweit solche Elemente Potenzial haben, weitere Zielgruppen zu erreichen – z.B. auch in den noch geplanten Meine Stadt besser machen-Projekten.

 

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

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E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Natalia Brühl
Programm-Managerin
Forum Offene Stadt; Meine Stadt besser machen

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 225
E-Mail bruehl@koerber-stiftung.de

Hannes Hasenpatt
Programmleiter
Demokratie

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 158
E-Mail hasenpatt@koerber-stiftung.de