X

Reportage vom 15.11.2012

Hoch hinaus mit dem ersten Hamburger MINT-Tag

Mike hält dem Neuankömmling im Gymnasium Osterbek eine Windel vors Gesicht. »Da sind 500 Gramm Wasser drin!«, ruft der Zehnjährige begeistert. Schulleiter Ulrich Cain bestätigt kurz darauf nach einem Blick auf die Waage: »Es sind sogar 540 Gramm.« Die Kinder lernen anhand eines Beispiels aus ihrem Erfahrungshorizont etwas über die Absorptionsqualität verschiedener Stoffe, erklärt er. Die 4. Klässler der Grundschule Eenstock, die anlässlich des MINT-Tages zu Besuch im Chemielabor des Gymnasium Osterbeks sind, hantieren dazu eifrig mit Messzylindern und probieren aus, wie viel Wasser das Windelmaterial aufnehmen kann. Eine Gruppe bringt gar 1400 Gramm auf die Waage. »In so einer prall gefüllten Windel hat aber kein Baby mehr Platz«, lacht Cain. Doch wie kann eine Windel überhaupt 1,4 Liter Wasser absorbieren? Zur Veranschaulichung schneidet Cain eine Windel auf und legt das Material unter die Mikroskop-Kamera, die einzelnen Fasern werden sichtbar. Nun gibt er einen Tropfen Wasser hinzu, der prompt und gut sichtbar von den Fasern aufgenommen wird. Aber wie? Das begreifen die Kinder ganz buchstäblich indem sie selbst zu Faser und Wassermolekülen werden. »Die erste Reihe ist jetzt unsere Faser, die zweite sind lauter kleine Wasserteilchen und die halten sich nun an ihren Faser-Mitschülern fest – seht ihr, nun seid ihr gebunden«, erklärt Cain. Als Zugabe, »weil wir gerade in einem Chemielabor sind«, lässt er noch Gummibärchen verschwinden. Cain erhitzt Kaliumchlorat in einem Reagenzglas, das Salz wird flüssig. Als er dann zwei Gummibärchen hinzugibt, entsteht eine vielfarbige Flamme. »Ist das cool!« kommt es von den Kindern und Naphtali weiß sogar die Lösung. »Da ist Zucker drin.« »Richtig«, lobt Cain und gibt den Kindern noch ein paar Gummibärchen mit auf den Weg. Die haben nämlich so ihre eigenen Ideen, wie man Gummibärchen ganz leicht verschwinden lassen kann…

Lautes Klopfen weist im Gymnasium Farmsen (GyFa) den Weg. Siebtklässler hämmern eifrig auf Metallplatten ein. »Wir stanzen Buchstaben und fertigen Namenschilder an«, erklärt die 13-jährige Snerle. Die Schüler demonstrieren am MINT-Tag ihre Fertigkeiten im Umgang mit Metall und Elektrik, die sie im Rahmen einer Schul-Kooperation mit Vattenfall gelernt haben. Biegen und Schneiden von Metall, Abisolieren von Leitungen und vieles mehr steht während des Praktikums in den Räumlichkeiten des Energieversorgers auf dem Programm. »Aber es geht auch darum, den betrieblichen Alltag kennen zu lernen und einen kleinen Eindruck der wirtschaftlichen Hintergründe zu bekommen«, erläutert Vattenfall-Ausbilder Raymond Frolik, der seine hämmernden Schützlinge stets im Blick hat. Fliegende Styroporbälle erwarten die Besucher im nächsten Raum, in dem sich alles um Aerodynamik dreht. Die federleichten Kugeln tanzen auf dem nach oben gerichteten Luftstrom eines Föns und demonstrieren den Bernoulli-Effekt: Je schneller Luft strömt, desto niedriger wird der Druck. Und wo sich Unterdruck entwickelt, entsteht ein Sog, der den Ball immer wieder in die Mitte des Luftstroms zieht. Wieder einen Raum weiter sitzen Schüler über Laptops gebeugt und entdecken die Welt mit Google Earth. Es gilt verschiedene Luftaufnahmen europäischen Hauptstädten zuzuordnen – und natürlich auch den Standort der eigenen Schule zu orten. Und dann ist da noch der Raum, der sich dem Fahrzeugbau widmet. Verschiedene Antriebe für selbstgebaute Fahrzeuge werden ausprobiert: Gummibänder, Luftballons oder Segel, kombiniert mit Lungenkraft: »Kräftig pusten«, ermuntert Lehrerin Christina Müller ihre Schüler und schon sausen die bootsähnlichen Konstruktionen über den Tisch.

Etwas mehr muss sich da schon Selina, 12, einfallen lassen, um ihren selbstgebauten Roboter in Bewegung zu bringen. »Gerade fahren kann er schon. Nun versuche ich ihn so zu programmieren, dass er Schlangenlinien fährt«, erklärt sie. Programmieren hat sie in einem Robotikkurs in Zusammenarbeit mit der TUHH gelernt, erzählt sie. Aber dann muss sie sich wieder konzentrieren. In Kürze werden verschiedene Grundschulklassen erwartet und denen möchte sie etwas bieten können. »Das ist das tolle am MINT-Tag. Die Schüler haben Spaß daran, ihre Experimente anderen vorzuführen. Bessere Botschafter für naturwissenschaftliche Fächer können wir uns gar nicht wünschen«, betont Wolf-Dieter Blass, Fachleiter Biologie und Koordinator NW am GyFa.

An der Gyula Trebitsch Schule ist für den MINT-Tag gar die Feuerwehr angerückt. Zwar wird ausgiebig mit Feuer und Explosiva experimentiert, doch besteht dabei keineswegs Grund zur Brandbekämpfung. Vielmehr hilft die Feuerwehr bei einem Fallexperiment. »Die Drehleiter wird ausgefahren und die Schüler lassen aus verschiedenen Höhen – 3, 10 und 25 Meter – je einen Ball und einen Tonklumpen fallen«, erläutert Schulleiter Martin Brause. Zum einen wird die Fallgeschwindigkeit gemessen, zum anderen erleben die Schüler anschaulich was Aufprallgeschwindigkeit bedeuten kann. »Von Tonklumpen, die aus 25 Metern herab gesaust kommen, bleibt nicht viel übrig. Ein Wagen, der mit 25 km/h auf einen Fußgänger prallt, führt bereits zu erheblichen Schäden, von höheren Geschwindigkeiten gar nicht zu reden.«
Ebenfalls mit Höhe sind die Schüler um Mathe- und Chemie-Lehrer Marco Lange beschäftigt. Sie haben aus einfachen Bestandteilen eine Druckluftrakete gebaut. Luft drückt sich von Luft ab, lautet die Grundannahme und so pumpen die Schüler kräftig Luft in eine auf einem Stab steckende leere Plastikflasche. Marie hält die Flasche so lange sie kann, doch dann wird der Druck zu groß, die Flasche schießt in die Luft. »Das war nix«, entscheidet Lange. »Wir wollen doch eine gerade Flugbahn erreichen, also gleich noch mal.« Mit dem nächsten Versuch ist er zufrieden und geht zum nächsten Experiment über. »Nun wollen wir Wasser als Rückstoß ausprobieren.« Tatsächlich, die zu einem Drittel mit Wasser gefüllte Flasche erreicht eine deutlich höhere Flughöhe – allerdings wird es reichlich nass für alle Unvorsichtigen, die zu nah dran stehen…

Auch in der Sporthalle stehen die Chancen gut, durchnässt, angekokelt oder verqualmt zu werden. »Magic Andy«, alias Dr. Andreas Korn-Müller, bringt mit Science Comedy die Stimmung zum Siedepunkt. Gekonnt schüttet er Substanzen hin und her, die von einer grellen Farbe zu nächsten wechseln während Musik aus den Lautsprechern dröhnt. Feuer ist natürlich auch mit im Spiel und Dampf, der bis zur Decke schießt. »Lust auf Cola?«, fragt er sein begeistertes Publikum. »Dann nennt mir mal die Zutaten.« Wasser, Zucker und Koffein, schallt es zurück. Wasser hat er gleich bei der Hand, gibt Zucker hinzu und mit der nächsten Zugabe färbt sich die Flüssigkeit tief schwarz. »Wer möchte probieren?« Jede Menge Finger schießen in die Luft. »Echt jetzt? – Nee, ist doch total eklig! Aber schnuppern dürft ihr«, sagt er und hält einer Schülerin die Flasche unter die Nase. Die nimmt einen tiefen Atemzug und prallt zurück. Chemikalien riechen nun mal etwas scharf. Das Geheimnis? »Wenn ihr Wasser mit Stärke und Jodsäure mischt und dann Natriumhydrogensulfit hinzufügt, ´verwandelt` sich die farblose Lösung augenblicklich zu schwarz«, teilt er seinen Zuhörern mit.

Von der Chemieshow geht`s zum »1. Tonndorfer Mäusefallenrennen«. Dabei nutzen die Schüler die Energie einer Mäusefalle und wandeln Spannungsenergie in Bewegungsenergie um. »Wer es schafft, die Federspannung möglichst optimal auf die Achse seines Gefährts zu übertragen, der sollte die größte Strecke schaffen«, erklärt Mathias Burghardt, Koordinator Physik an der Gyula Trebitsch Schule. Als das Rennen gestartet ist zeigt sich schnell: Größe schlägt Schick. Die nostalgisch anmutenden, großen Schallplatten bringen einfach mehr Länge als die schillernden, aber deutlich kleineren CDs, die je nach Konstruktion als Räder dienen.

Zum »2. Schüler-MINT-Kongress« lädt das Friedrich-Ebert-Gymnasium am MINT-Tag. Neben einem eindrucksvollen, zum Teil gar englischsprachigen Vortragsprogramm spannen die Schüler mit 33 Präsentationsständen einen weiten MINT-Bogen. Es werden Planetensysteme vorgeführt, mit optischen Täuschungen oder Blitz und Donner experimentiert und Leonardo-Brücken gebaut, also Konstruktionen, die ganz ohne Kleber, Nägel oder Schrauben auskommen. Anna-Laura Martens, 18, und Gislinde Fischer, 17, haben sich an einem Flettner-Rotor-Schiff versucht: »Damit es nicht zu schwer wird, haben wir Waben-Holz verwandt und die Schwimmkörper sind aus Styropor«, erklärt Anna-Laura. Viel Spaß habe es gemacht – »Wann baut man schon mal ein Rotor-Schiff?« Ob sie nun allerdings auch beruflich eine naturwissenschaftliche Karriere einschlagen wollen, darüber sind sich die Beiden noch nicht sicher. Das ist bei Jens Budde anders. Der frischgebackene TUHH-Student präsentiert den ´Jugend-forscht`-Stand und demonstriert an einem Mini-Biogasreaktor den Wettbewerbsansatz der Schule. »Die Idee war, Biogas ohne den Verbrauch von Nutzpflanzen zu erzeugen. Wir haben dazu allein Abfälle aus unserem Schulgarten genutzt«, erklärt der 19-Jährige.
Das Exponat von Nikolaus fällt im Vergleich zum Biogasreaktor eine Nummer kleiner aus, ist aber nicht minder bemerkenswert. »Ich habe aus einer Obstkiste, Folie und Reißzwecken ein Gewächshaus gebaut, komplett mit eigener Licht- und Wasserversorgung«, erklärt der Elfjährige. Seine Konstruktion funktioniert, schon kann er Kresse, Bohnen und Salatsprossen präsentieren. »Es ist unglaublich, wie motiviert alle sind. Und unsere Angebote sprechen auch immer mehr Mädchen an«, freut sich Kerstin Gleine, Leiterin MINT. Auch die Harburger allgemein fühlen sich angesprochen, rund 700 Besucher tummeln sich in der Ebert-Halle.

Ebenfalls bestens besucht sind die Mathewerkstatt, der Feuerzauber und die schuleigene Miniphänomenta in der Grundschule Scheeßeler Kehre. »Auf rund 20 Experimentierstationen an denen die Kinder ihren Forschergeist spielerisch ausleben können, bringt es unsere Miniphänomenta jetzt schon – alle von Eltern und Großeltern gebaut«, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Birgit Mojen stolz. Hier können die Kinder das Geheimnis von Flaschenzügen oder Solarmühlen erkunden, sich am Klopfophon musikalisch austoben oder an der Kugelrallye mit Laufgeschwindigkeiten experimentieren. Das Engagement der Angehörigen hat sich gelohnt, die Kinder sind kaum von den Stationen wegzulocken. Nur mit viel Überredungskunst ist die achtjährige Katja zum Gehen zu bewegen, Fynn, ebenfalls acht, argumentiert hingegen: »Ich kann noch nicht weg, ich hab das Allercoolste noch nicht probiert.« Und was ist das Allercoolste? »Die Stromstation!« Mathelehrerin Yvonne Stein erklärt, wie`s funktioniert: »Angezeigt wird die Leitfähigkeit von Zink, Kupfer, Aluminium und Edelstahl und indem die Kinder ´Hand auflegen` erleben sie, dass ihr eigener Körper Strom leitet.« Ein letzter, sehnsüchtiger Blick zurück und Katja und Fynn verlassen den Raum. Sie sind sich einig: »Der MINT-Tag hat unheimlich Spaß gemacht.«

to top