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Reportagen

Gender Gap in Naturwissenschaft und Technik

Mädchen und Jungen für MINT begeistern, mit diesem Thema startete die dritte Fachtagung des MINTforum Hamburg am 26. März. Rund 120 Lehrkräfte, Wissenschaftler, Wissenschaftsvermittler, Vertreterinnen und Vertreter aus Behörden, Verbänden und Vereinen trafen in diesem Jahr an der TU Hamburg-Harburg zusammen, um sich miteinander auszutauschen zum Thema MINT-Bildung in und außerhalb der Schule.

»In der Bildung ist Vernetzung zentral. Nur so können wir voneinander lernen«, so begrüßte Professor Michael Schlüter im Namen der TU die Tagungsteilnehmer. Schlüter betonte, dass gerade in der MINT-Bildung die Förderung in der gesamten Bildungskette – von der Kita über die Schulen bis in die Hochschule – wesentlich fürs Gelingen sei. Im Anschluss erläuterte die Genderforscherin und Soziologin Ulrike Struwe vom Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit in Bielefeld in ihrem Eingangsvortrag, dass der sogenannte Gender Gap in den MINT-Fächern von der Schule über die Hochschulen bis hin zu den Berufsfeldern zu konstatieren ist.

Genderstereotype Bilder und Verhaltensweisen bei Lehrkräften, Eltern, Arbeitsgebern und – dementsprechend wenig überraschend – bei den jungen Menschen selbst sorgen immer noch dafür, dass der Mädchen- bzw. Frauenanteil in den jeweiligen MINT-Leistungskursen, Studienfächern und Berufen weit hinter dem grundsätzlichen Interessens- und Kompetenzpotential zurückbleiben. Gerade in den Ausbildungsberufen sei ein besonders großer »Graben« zwischen den Geschlechtern offenkundig, so Ulrike Struwe: Unter den ersten zwanzig am stärksten nachgefragten Berufen lässt sich erst auf Platz 20 ein Berufsbild entdecken, dass überhaupt technische Inhalte vermittelt: die »Mediengestalterin Digital und Print«. Struwes Plädoyer: Inhalte und Methoden müssten kritisch hinterfragt werden, inwiefern sie für Jungen und Mädchen gleich ansprechend sind. Der Technikbegriff müsste insgesamt geöffnet werden – Technik dürfe nicht auf unbelebte Mechanik reduziert werden, sondern muss als eine Wissenschaft und Praxis sichtbar werden, die eine wichtige Rolle spielen für die Menschen, das gesellschaftliche Miteinander, die Kultur. Schülerinnen und Schüler brauchen Alltags- und Berufsbezüge. Und sie bräuchten geeignete Role Models, die zeigen, dass technisch interessierte Jugendliche, Studierende, Berufstätige »ganz normale Menschen« sind.

Im zweiten Teil der Tagung konnte das Thema in einem der Workshops weiterverfolgt werden, in dem Praktikerinnen und Praktiker aus Schule, Hochschulen, Verbänden und Betrieben ihre Erfahrungen austauschten. »Ich kann das Prinzip der Pumpe eben nicht nur am Beispiel der Ölpumpe erklären, sondern auch anhand des Herzens«, so Andreas Spangenberg, Physiklehrer am Matthias-Claudius-Gymnasium. Das fänden Mädchen viel spannender und Jungen fühlten sich von dem Technik-Mensch-Bezug ebenfalls angesprochen. Spangenberg nimmt mit seinen Neuntklässlerinnen an dem Mädchenprogramm mint:pink der Initiative NAT teil, das den Schülerinnen viele praktische Einblicke und eigene Aktivitäten in Laboren und Unternehmen ermöglicht.

Dortje Schirok vom Schullabor Light & Schools ist davon überzeugt, dass auch in koedukativen Gruppen Mädchen und Jungen für Naturwissenschaft und Technik begeistert werden können: Das Schullabor-Angebot »LC-Display selbstgemacht« interessiere beide Geschlechter gleichermaßen, Jungen und Mädchen basteln und bauen an einem eigenen kleinen Display und erfahren dabei, welche Physik eigentlich hinter einem LCD steckt, welches für jedes Handy eine Rolle spielt. »Unser Anliegen ist es, das Bild der Physik mitzuprägen, indem wir alltagsnahe Themen anbieten und zeigen, wieviel Kreativität und Spaß mit Physik verbunden ist.« Physik: nicht öde-dröge-trocken, sondern bunt und lebendig. »Ein wesentliches Ergebnis unseres Workshops: Gerade im koedukativen Kontext müssen wir ein stärkeres Augenmerk auf die Auswahl der Themen lenken, sie müssen alltagsrelevant sein, ihr Sinnkontext für die Gesellschaft muss deutlich werden. Dann erreichen wir Mädchen und Jungen besser«, so Christiane Stork von der Körber-Stiftung, die den Workshop moderierte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops nahmen das Plädoyer für Alltagbezug und Sinnkontext der Themen als Vorhaben für ihre Arbeit mit nach Hause.

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