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  • Inka Schneider (NDR), Peter Maertens, Miriam Maertens, Kai Maertens, Michael Maertens (v.l.)
  • - Meldung

    »Mitten im Leben…«

    Die neue Veranstaltungsreihe von Hamburg Leuchtfeuer und Körber-Stiftung trägt den Titel »Mitten im Leben…«. Zum Auftakt traf NDR-Moderatorin Inka Schneider die Schauspieler-Familie Maertens im Hamburger Thalia Theater zu einem sehr persönlichen Gespräch über vier außergewöhnliche Leben.

    Es ist nicht leicht, über ein Familienleben zu sprechen, zu dem große Umbrüche und die Angst vorm Tod ebenso gehör(t)en wie Zusammenhalt und Neubeginn. Doch Vater Peter Maertens und die Kinder Miriam, Kai und Michael boten in der Sonntags-Matinee einen sehr persönlichen Einblick, wie sie sich den Schicksalen und Herausforderungen des Lebens stellen mussten.

    So erfuhr das Publikum von Routinen und Schwachstellen einer der großen Theaterfamilien in Deutschland, die geprägt ist von Zusammenhalt, behütender und zugleich strenger elterlicher Begleitung und auch der Rolle des Vaters als starkes berufliches Vorbild.

    Bei aller Einigkeit und Harmonie machten die vier aber keinen Hehl daraus, dass es auch in ihrer Familie Turbulenzen gibt: Bei ihnen werde stets Klartext gesprochen, was auch heißen könne, dass es sehr laut wird, auch mal Teller fliegen. Und das nicht nur hinter verschlossenen Fenstern – »italienische Verhältnisse« eben.

    Über die größte Herausforderung, die die Familie bis heute begleitet und die das Leben aller Familienmitglieder prägt, mochte Tochter Miriam lange nicht sprechen. Geboren mit der Krankheit Mukoviszidose wurde für sie eine Lebenszeit von fünf Jahren vorausgesagt. Doch die Familie nahm die Herausforderung an und stellt sich dieser Prognose entgegen. Miriam: »Ich wusste, es stimmt etwas nicht. Ich habe mich aber nie krank gefühlt.«

    Reden wollte sie über ihre Krankheit nicht – sie wollte leben. Sie wollte so sein wie andere, überall mitmachen, auf Klassenfahrten gehen. Der Bruder fuhr mit, sorgte dafür, dass sie regelmäßig inhalierte. Die ganze Familie unterstützte sie in dem starken Wunsch, ein normales Leben zu führen. Doch immer wieder geriet sie in lebensbedrohliche Zustände. »Einmal kam der Tod nah und ich wollte schon mitgehen. Doch ich habe mich anders entschieden.«

    Mit der kraftgebenden Stärke der ganzen Familie kann sie bis zum 42. Lebensjahr durchhalten – dann machte ihre Lunge nicht mehr mit. Schließlich erhielt sie eine neue Lunge durch eine Transplantation. Wieder war die Familie an ihrer Seite, Bruder Kai wich acht Wochen lang nicht von ihrem Bett. Miriam ist sich sicher: »Ohne die Unterstützung durch meine Familie hätte ich das nicht geschafft.«

    Heute hat Miriam ihre Haltung zum Sprechen über ihre Krankheit geändert. Die Schauspielerin ist überzeugt, dass sie ihre Erfahrungen an andere weitergeben muss, um diesen auch etwas von der Kraft zu vermitteln, die sie gerettet hat. Sie plädiert für eine offene Auseinandersetzung und betont dabei, wie wichtig Humor ist, um angesichts der Diagnose nicht zu verzweifeln und lebensmüde zu werden.

    2018 veröffentlichte sie ihr Buch »Verschieben wir es auf morgen«, in dem sie sehr persönliche Einblicke gibt, wie sie einen Umgang mit der lebensbedrohlichen Erkrankung gefunden hat. Mit diesem ehrlichen Selbstporträt nutzt Miriam Maertens ihre Prominenz, um das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen und anderen Mut zu machen, sich offen über ihre Erfahrungen auszutauschen.

    Mit der Kulturreihe »Mitten im Leben…« regen Hamburg Leuchtfeuer und die Körber-Stiftung an, die Themen Tod und Leben in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Für das Thema Tod fehlen gesellschaftlich gültige Verhaltenscodes – an ihrer Stelle steht oftmals noch Sprachlosigkeit. Aber mit den alternden Babyboomern werden sich  zukünftig viele Menschen, sei es durch den Tod der eigenen Eltern oder durch den Eintritt ins Rentenalter mit der Endlichkeit befassen müssen. Hier Möglichkeiten der Auseinandersetzung und des Austauschs zu geben, ist das Ziel sowohl der Körber-Stiftung als auch von Hamburg Leuchtfeuer.

    Die nächste Veranstaltung findet am 7. Mai in der Hamburger Kunsthalle statt. Mit erzählerischer Kraft entwirft Judith Schalansky in ihrem Buch »Verzeichnis einiger Verluste« ein Verzeichnis des Verschollenen.

     


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