+
Munich Young Leaders
  • - Meldung

    Eindrücke aus Moskau: »Die Staatsmedien steuern die Unzufriedenheit der Bevölkerung gekonnt gen Westen«

    Elena Chernenko ist Sonderkorrespondentin der Moskauer Zeitung »Kommersant« und Mitglied des Munich Young Leader Netzwerks. Im Interview spricht sie über die Auswirkungen der Sanktionen auf die russische Gesellschaft und die schwierigen Arbeitsbedingungen für Journalist:innen nichtstaatlicher Medien.

    Kurz nach der Invasion initiierte Elena Chernenko einen offenen Brief gegen den Krieg, den mehr als 400 Journalistinnen und Journalisten unterzeichnet haben. Elena Chernenko ist Mitglied des Munich Young Leader Netzwerks.

    Wie hat sich Ihr Leben seit dem 24. Februar verändert?

    Es hat sich sehr vieles verändert. Die meisten Menschen haben so eine Wende nicht erwartet, ich persönlich auch nicht. Noch Mitte Februar hat mich der Moderator einer Gesprächsrunde für Journalisten gefragt, wie hoch ich die Wahrscheinlichkeit einschätze, dass es NICHT zu einem Krieg kommt. Ich habe gesagt: »9 von 10«. Die Ereignisse der letzten Monate schienen mir damals eher wie eine diplomatische Schachpartie, bei der Russland auch ziemlich viel vom Westen zu gewinnen schien – vor allem im Bereich der Rüstungskontrolle. Aber am 24. Februar hat Russland das Schachbrett einfach umgekippt und jetzt sind wir Teil eines geopolitischen Prozesses, von dem keiner die Regeln kennt.

    Wie reagieren die Menschen in Ihrem Umfeld?

    Viele Menschen in meinem Umkreis sind genauso überrascht und schockiert von alle dem wie ich. Es gibt aber auch Leute, die die Politik der Regierung unterstützen, weil sie meinen, der Westen hätte Russland in die Ecke getrieben und mit seiner schlecht durchdachten Ukrainepolitik den Krieg provoziert. Allerdings verstehen auch viele dieser Unterstützer der Regierung nicht, wie es weitergehen soll.

    Wie hat sich die Arbeit von Journalist:innen verändert?

    Die Arbeit der in Russland gebliebenen Journalist:innen nichtstaatlicher Medien ist viel schwieriger geworden. Vor allem nachdem das neue Gesetz »gegen Falschnachrichten« eingeführt wurde, welches es praktisch unmöglich macht, das russische Militär zu kritisieren. Über 30 Medien wurden seitdem entweder blockiert oder geschlossen.

    Inwieweit wirken sich die Sanktionen des Westens auf den Alltag der Menschen aus? In Moskau, aber auch in ländlichen Regionen?

    Ich kann nur die Situation in Moskau bewerten. Lebensmittel und andere Waren (unter anderem Medikamente) sind teurer geworden, einige internationale Firmen haben das Land verlassen und deren Geschäfte sind geschlossen. Viele Kinopremieren und Konzerte wurden abgesagt. Aber ich glaube, dass wir die Wirkungen der Sanktionen erst später so richtig zu spüren bekommen werden. Bisher hat sich nicht sehr viel verändert.

    Wie erklärt sich die Bevölkerung die Sanktionen und die Isolation Russlands durch die internationale Gemeinschaft, wenn staatlich geführte russische Medien die Hintergründe und Entwicklungen rund um den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verheimlichen?

    Im Fernsehen sagt man, der Westen versuche, Russland in die Knie zu zwingen und die Sanktionen seien ein Instrument dafür. Deswegen müsse man alles geduldig hinnehmen, nach einer Weile würde die Wirtschaft schon irgendwie ihre Wege finden, unter anderem auch mit staatlicher Hilfe. Das sei der Preis für eine souveräne Außenpolitik. Viele Leute glauben das auch.

    Sehen Sie eine Chance, dass durch die Sanktionen aus der Bevölkerung ein derartiger Druck auf das Regime entstehen kann, der Putin tatsächlich gefährlich werden könnte?

    Ich schreibe zwar kaum über die Situation im Land, aber momentan sehe ich keine Anzeichen für solch einen Trend. Die Staatsmedien steuern die Unzufriedenheit der Bevölkerung gekonnt gen Westen, er sei schuld an allem. Ein Teil der Bevölkerung scheint sogar froh darüber zu sein, dass Oligarchen ihren Reichtum verlieren, da gibt es richtig Schadenfreude.

    Welchen Einfluss haben Proteste oder auch Aktionen wie die von Marina Owsjannikowa, die mit einem »Kein Krieg«-Schild, hinter die Nachrichtensprecherin von Channel 1 trat? Wie wurde dieser Vorfall in der russischen Öffentlichkeit kommentiert?

    Natürlich wurde die Aktion groß diskutiert, aber bei weitem nicht nur im positiven Sinne. Ein Redakteur vom Channel 1, Kirill Kleimenov, hat sie in seinem Kommentar »Verräterin« genannt. Und das ist jetzt auch die Definition, die gegen alle angewandt wird, die mit dem was geschieht, nicht einverstanden sind. Wladimir Putin hat sogar von einer Selbstreinigung der Gesellschaft gesprochen, was vielen Angst gemacht hat, weil niemand so richtig versteht, wie weit so ein Prozess gehen kann. In einem Monat sind mehr als 15000 Demonstranten festgenommen worden, einige kamen mit einer Geldstrafe davon, aber es gibt auch Haftstrafen.  

    Wie blicken Sie auf die Zukunft Russlands?

    Ziemlich düster momentan. Mein Russland ist das Russland der WM-2018. Ein offenes, freundliches, herzliches und kreatives Land, wo sich alle willkommen und sicher fühlen.    

    Wie bewerten Sie die Reaktion der Bundesregierung auf den russischen Angriffskrieg?

    Was die Versuche von Bundeskanzler Scholz angeht, auf Präsident Putin einzuwirken, so glaube ich kaum, dass diese erfolgreich sein werden.  Ich finde es wichtig und richtig, dass die Bundesregierung sich deutlich gegen die Hetze gegen Russen und russischer Kultur in Deutschland ausspricht. Solche Anfeindungen im Alltag oder das »cancelling« von Kulturerbe können meiner Meinung nach durch nichts gerechtfertigt werden. In diesem Sinne fand ich es bedeutend, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Konzert »Für Freiheit und Frieden« organisiert hat, bei dem Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland, der Ukraine, Russland und Belarus teilnahmen und unter anderem auch russische Musik gespielt wurde.

    Was würden Sie den Menschen in Deutschland sonst noch gern mitteilen?

    Dass viele Menschen in Russland auch mit großer Sorge und wenig Verständnis die dramatische Situation in der Ukraine verfolgen. Dass sie um die Opfer (und zwar aller Seiten) trauern und sich sehnlichst Frieden wünschen.

    Dieses Interview wurde vor der Entdeckung des Massakers von Butscha geführt und enthält deshalb keine Fragen danach.


    to top