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Munich Young Leaders 2014 Blog

Cathryn A. Clüver und Fulya Özerkan, zwei Teilnehmerinnen der Munich Young Leaders 2014, bloggen in den kommenden Tagen über ihre Eindrücke von der 50. Münchner Sicherheitskonferenz und der 6. Tagung der Munich Young Leaders.

(Read the English journal here.)

2. Februar - 15 Uhr

Zum Schluss ein Fazit: Surreal war es. Irgendwie müssen wir uns alle noch ein bisschen kneifen und können nicht wirklich glauben, dass wir bei der 50. Sicherheitskonferenz nicht nur dabei sein durften, sondern wirklich mittendrin. Der Schlafentzug der letzten Tage tut sein Übriges und lässt den traumartigen Zustand anhalten. Müde, aber glücklich und dankbar, sehen wir auf den Fotos aus, die wir bei unserem letzten Mittagessen machen. Viele Eindrücke nehmen wir mit, noch mehr Fotos, aber auch Freundschaften. »Die 50. Sicherheitskonferenz hat wirklich außerordentliche Menschen zusammengebracht, deren Lebenswerk es war, eine friedlichere, sicherere Welt zu schaffen. Ich freue mich, dass ich als Teil der Munich Young Leaders bei diesem wirklich historischen Ereignis dabei sein durfte«, fasst Jessica aus den USA zusammen. Dana aus Palästina war beeindruckt von der Themenvielfalt - keine, auch noch so komplizierte, Diskussion wurde ausgespart. Sie nimmt viel Neues mit nach Hause. Aber, so sagt sie, nicht nur wir haben gelernt, sondern wir haben den »alten Herren« auch was beigebracht - über »diversity« und nickt in Richtung einer Kleingruppe, die aus einem Ägypter, einer Afghanin, einer Deutschen, einer Türkin und einem Iraner besteht und gerade letzte Abschlussfotos macht. Zwei Männer, zwei Frauen - alte Welt, neue Welt - alles ausgeglichen, quasi. Und weiter so. Wann ist die nächste Reunion?

 

2. Februar - 8 Uhr

Die Augen sind noch kleiner als am gestrigen Samstag, die Frisuren sitzen auch nicht mehr so genau, aber trotz der zweiten kurzen Nacht sind wir alle pünktlich zur Abfahrt in der Hotelhalle, auch wenn es noch nicht ganz viertel nach sieben ist. Wir haben ein 60-Augen-Gespräch mit dem iranischen Außenminister Zarif, von dem wir in diesem Format nicht berichten können. Nur so viel sei gesagt: Der Mann sagt mehr mit seinem Schweigen als andere in ganzen Sätzen. Wir bleiben gespannt auf seine Kommentare bei der öffentlichen Podiumsdiskussion.

2. Februar - 1 Uhr

Ein Uhr? Wir sind noch wach? Ein kleiner Kreis kann es nicht lassen und diskutiert auch nach der "Night Owl"-Session zu Big Data in der Empfangshalle des Hotels weiter. Ein paar MYL-Alumni haben sich dazugesellt. Und dann kommt ganz unvorhergesehen und ganz ohne großen Sicherheitsapparat der hier ranghöchste Amerikaner durch die Drehtür - und irgendwie direkt auf uns zu. Es mag am langen Tag liegen oder an der Macht und den Möglichkeiten, die John Kerry ausstrahlt, aber zu einem wirklichen Gespräch sind wir nicht mehr fähig. Stattdessen strahlen wir auf den obligatorischen Fotos um die Wette, die er geduldig erträgt. Wir können ihm nur noch viel Glück wünschen für die vielen Verhandlungen, die vor ihm liegen - in Genf/Montreux zu Syrien, in den nächsten Stunden in Israel - denn schon in wenigen Stunden geht seine Maschine nach Tel Aviv - da ist er schon im Aufzug verschwunden.

1. Februar - 22 Uhr

Der bayerische Abend mit deftigem Essen und Alphornbläsern hilft auch noch die letzten Grenzen in unserer Gruppe zu überwinden: Zwischen indischen, iranischen und amerikanischen Teilnehmern entwickelt sich eine spannende Diskussion über den interessengeleiteten Ansatz amerikanischer Außenpolitik. Warum sollen manche Staaten Nuklearwaffen besitzen und andere nicht? Wann sind Interessen real, wann vorgeschoben? Wir haben diese Fragen nicht gelöst, aber wenigstens einen kleinen Beitrag geleistet: Wir haben miteinander, statt übereinander geredet.

(Gastbeitrag von Daniela Haarhuis)

1. Februar - 20 Uhr

Moooment... wir haben eine Pause? Wir können es kaum glauben und versammeln uns peu à peu an Franck's Bar von der wir wissen, dass hier die wirklichen Deals gemacht werden. Wir machen keine Deals, wir stellen weitere Fragen - können wir ja jetzt gut. Hier lerne ich, wie mein israelischer Kollege mit sechs Jahren aus der damaligen Sowjetunion nach Israel kam und wie der dortige Empfang prägend wurde für seine spätere berufliche Laufbahn: Dem Land, das ihn und seine quasi mittellose Familie in seine Mitte geholt hatte, wollte er später dienen - aus Dankbarkeit und aus Pflichtgefühl. Bei einem Bier lernen wir beide dann von unserem Mitstreiter Nicholas, wie man in Singapur zum Star-Athleten avancieren kann: Fünfkampf, Fechten - dieser Mann kann Sport, Politik und Radiomoderation. Igal und ich können dann wohl einpacken. Aber im Ernst: Es sind diese Momente, die Busfahrten und die Drinks am späten Abend in der Empfangshalle unseres Hotels, die uns so schnell zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen lassen. Wir ahnen jetzt schon: Nach nur vier Tagen wird der morgige Abschied bestimmt schwer.

1. Februar - 19 Uhr

Nachdem wir es tatsächlich geschafft haben, das extrem sehenswerte Panel der sechs sicherheitspolitischen Weisen kurzzeitig zum Schweigen zu bringen (die 1. Frage, die uns Munich Young Leaders zusteht, war von mehreren Kollegen gut vorbereitet worden), jagt ein "Bilateral" (äh... 60-Augen-lateral) das nächste. Leider verpassen wir deshalb das von Wolfgang Ischinger als "sensationell" beschriebene Panel zur Ukraine, in dem Oppositionsführer Klitschko und Außenminister Kozhara sich ihre komplett unterschiedlichen Auffassungen der ukrainischen Realitäten an den Kopf werfen. Dafür haben wir mitunter produktivere Diskussionen: Der singapurische Verteidigungsminister ist dermaßen offen mit seinen Äußerungen, dass wir aus diesem Gespräch mehr mitnehmen als aus der Podiumsdiskussion vom Morgen. Er nimmt sich viel Zeit, hört aufmerksam zu, und so ist es kein Wunder, dass wir später in der singapurischen Tagespresse auftauchen. Später sind sich fast alle einig: Das war eine der besten Diskussionen vom Samstag. Mit Elizabeth Sherwood-Randall, der Koordinatorin für Sicherheitspolitik, dem Kampf gegen Massenvernichtungswaffen und Rüstungskontrolle im Weißen Haus, machen wir im Gespräch quasi eine Weltreise. Fazit: Vom "global Zero" bei Nuklear- und Chemiewaffen sind wir noch weit entfernt.

1. Februar - 17 Uhr

Vor dem "historischen" Panel rechne ich ganz kurz: Ich bin acht Monate nach der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki geboren, die Kissinger verhandelt und Giscard d'Estaing als französischer Staatspräsident unterzeichnet hat. Als ich als Tochter eines Deutschen und einer Amerikanerin geboren wurde, konnten meine Eltern sich nicht erträumen, dass ich in einem wiedervereinigten Deutschland, in einer erweiterten NATO, in einer großen, modernisierten Europäischen Union (statt nur einer Gemeinschaft) leben könnte - all das ist das Lebenswerk der sechs Männer auf diesem Podium. Unvorstellbar und irgendwie sehr bewegend. Als Generation sind wir extrem dankbar.

1. Februar - 15 Uhr

In einer lebhaften Runde mit dem französischen Außenminister beweisen wir, dass die französische Sprache lebt und (von uns) gelebt wird und lassen uns von Laurent Fabius erklären, dass eine "nullpolare" Welt alle internationalen Akteure auf den Teppich (der Verantwortung) rufen muss. Jeder von uns, der nach seinen Ausführungen zu Frankreichs Verantwortung(en) in der internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik (Stichwort Libyen, Mali, Zentralafrikanische Republik), in der globalen Umweltpolitik (Stichwort COP21), in Europa (Stichwort Deutsch-Französisches Tandem, Weimarer Dreieck und Europäische Finanzpolitik) eine Frage stellt, leitet diese auf Französisch ein. Ein Hoch auf unsere Sprachkenntnisse. Fabius erläutert die Unterschiede zwischen den französischen Militäreinsätzen in Mali und der Zentralafrikanischen Republik und scheut auch nicht vor der Frage zurück, wie diese Einsätze dem Wahlvolk verkauft werden. Er zeigt sich offen, gut gelaunt und es ist klar: Wir schmeicheln ihm mit unseren nachhaltigen Bemühungen bei der Sprachakrobatik. Er lobt uns: Die letzte Frage wird gleich ganz auf Französisch beantwortet - on se comprend.

1. Februar - 13 Uhr

Es ist leer, zu leer. Gerade bei der Podiumsdiskussion, in der es um die Zukunft - um die neuen Akteure in der internationalen Sicherheitspolitik - gehen soll, scheinen die Architekten der "Transatlantic Renaissance", die eben noch in den morgendlichen Diskussionen beschworen wurden, merklich abwesend. Die wirkliche geopolitische Zukunft aber sitzt hier, und kontroverse Statements kommen auch: "Demokratie", sagt die Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses des chinesischen Nationalen Volkskongresses Fu Ying mit Blick auf die Entwicklungen im Nahen Osten, "kann auch scheitern - Kommunismus kann Erfolg haben." Im Hinblick auf die Spannungen zwischen China und Japan im Ostchinesischen Meer verwies sie auf die unzureichende Vergangenheitsbewältigung. Anders als zum Beispiel die Westdeutschen hätten die Konfliktparteien in ihrer Region sich nie aktiv mit dem Vermächtnis des zweiten Weltkriegs auseinandergesetzt. Diese mangelnde Aussöhnung habe zur Folge, dass ständige Spannungen nicht auszuschließen seien, so Fu Ying. Bis Japan sich "endlich" von der existierenden geschichtlichen Bürde lossagen könne, werde es für das Land unmöglich sein, sich produktiv in der regionalen Sicherheitspolitik zu engagieren, fuhr Fu Ying fort. Da ging im halbleeren Saal - insbesondere bei uns - doch die ein oder andere Augenbraue hoch. Leider hatte der japanische Außenminister den Blick nach vorne gerichtet, so dass wir nicht feststellen konnten, ob er bei diesen Äußerungen eine Miene verzog. Nicht überraschend: Er weist diese Vorwürfe in seinem Kommentar nach der Podiumsdiskussion scharf zurück, sagt aber sonst wenig, was wir nicht schon gehört hätten: Japan bleibt stabiler Partner, will ASEAN noch mehr unterstützen und ausbauen. Japan und die USA bleiben starke Pfeiler in der regionalen Sicherheit. Aber auch mit Russland könnte man in 2+2-Gespräche treten.

Munich Young Leaders 2014

Aber wieder zu Fu Ying: Im Übrigen würde der Vergleich zwischen Europa im Jahre 1914 und Asien 2014 aber hinken: 1914, so die Parteifunktionärin, war gekennzeichnet vom imperialistischen Hunger der frisch industrialisierten Länder Europas. Indien und China hätten diese Ansprüche 2014 nicht, wenngleich hier das wohl konstanteste Wirtschaftswachstum zu finden sei. Der Nationale Sicherheitsberater Indiens, Shivshankar Menon, wies gleich zu Anfang seiner Ausführung auf eine "grundsätzliche Umstrukturierung der globalen Weltordnung" hin. Multilateralismus und Regionalismus seien neue Phänomene der integrierten und globalisierten Weltwirtschaft und hätten zwangsläufig Auswirkungen auf die Sicherheitsstruktur. Gleichzeitig entstehe durch neue Instabilitäten in bestimmten Regionen ein neues Phänomen: die Globalisierung von Sicherheitsfragen. Im asiatisch-pazifischen Raum brauche man daher eine neue Sicherheitsarchitektur, die von Inklusivität gekennzeichnet sein müsse. Da können wir ihm angesichts der Statements von Fu Ying nur Glück wünschen - das sieht nach einem extrem langwierigen Prozess aus. Zumindest wird hier über neue Institutionen und über die Veränderungen alter westlicher Institutionen gesprochen. Später beim "historischen" Panel mit den Architekten der westlichen Sicherheitsstruktur ernten wir bei einer ähnlich anmutenden Frage erst nur nervöses Schweigen, bis Henry Kissinger antwortet, dass es sich genau bei dieser Frage um die wirkliche Herausforderung des 21. Jahrhunderts handele - aber wir schweifen ab. Unter uns (wir sitzen weiterhin erhöht auf dem Balkon des Ballsaals) ist Lindsey Graham, der republikanische US-Kongressabgeordnete, gerade latent genervt und möchte vor allem, dass die Chinesen beweisen, dass sie bereit sind, sich den globalen Anforderungen zu stellen. "Helft uns mit Syrien, helft uns mit dem Iran", sagt er und fügt implizit hinzu: Dann können wir euch auch Ernst nehmen und als Partner sehen.

 

1. Februar - 12 Uhr

Die Amerikaner – merkt man gleich – haben sich gut abgesprochen (und brauchen daher auch nur eine Website für ihre Reden). Aalglatt, aber deswegen nicht weniger aufrichtig, präsentieren Außen- und Verteidigungsminister ihr Bekenntnis zur »transatlantischen Renaissance«. Wieder wird betont, wie wichtig sowohl wirtschaftliche wie politische Beziehungen sind: Das Transatlantische Freihandelsabkommen, da ist sich Außenminister Kerry sicher, wird für die Wirtschaft das, was die NATO für die Sicherheit des transatlantischen Verhältnisses war. Damit schwört er auch die eigentlichen Verhandlungsteams ein, die sich gerade in Brüssel und Washington mit dem Kleingedruckten schwertun. Beide betonen, wie Steinmeier einige Stunden zuvor, wie wichtig das nahtlose Ineinandergreifen von Diplomatie und militärisch eingerahmter Sicherheitspolitik ist. Beide sind überzeugt von der Dauerhaftigkeit des transatlantischen Verhältnisses – keiner von beiden geht so richtig auf die Wunde ein, die nach dem NSA-Skandal im Herzen gerade der Deutschen klafft. Und Hagel zeigt sich noch in anderer Weise etwas realitätsfern, als er Henry Stimson aus einem Brief von 1947 zitiert: »Foreign affairs are now our most intimate domestic concern.« Die Amerikaner, so sagt er, wissen um die Weisheit in Stimsons Ausführungen. Das sieht das Pew Research Center ganz anders: Ende Januar sorgte es mit einer Umfrage für Wirbel, die bewies, dass 52% aller Amerikaner nach langen Kriegsjahren im Irak und in Afghanistan möchten, dass sich die USA von der Weltbühne zurückzieht. In einer »zero polar world«, die uns der französische Außenminister Fabius beim Mittagessen beschreibt, wird das aber wohl kaum möglich sein.

1. Februar - 11 Uhr

Samstag ist der Tag der »Heavyweights« – anders lässt es sich nicht beschreiben. Während die eigentliche Arbeit in den heißumkämpften »bilateral«-Sälen des Bayerischen Hofs stattfindet – hochrangige Treffen, von denen man zwar wenig hört, deren Bilder aber dennoch ständig auf Twitter auftauchen – wartet das Saalpublikum immer noch gespannt auf die Zitate, die diese Sicherheitskonferenz zum Novum werden lassen sollen. Und sie kommen, die außergewöhnlichen Zitate – nur hat zu dem Zeitpunkt das halbe Publikum den Raum verlassen. Sie kommen, als es um die Zukunft der neuen Weltsicherheitsarchitektur geht und um die Rolle Chinas, Indiens und Japans. Zunächst aber warnt der UN-Generalsekretär vor »einer Landschaft voller Unbeständigkeit, aber auch voller Möglichkeiten.« Der Konsolidierung von Wachstum und Wohlstand, Entwicklung und Befriedung auf der einen Seite stehen auf der anderen Seite die unerfüllten Erwartungen vieler Menschen gegenüber. Die UN, so verspricht er, sucht hier nach neuen Impulsen und immer wieder nach ganzheitlichen Ansätzen. Wenn die internationalen Einsatztruppen Afghanistan im Frühjahr wie geplant verlassen, versichert er, bleibt die UN weiterhin vor Ort. Neben den vielen Krisenherden, die in jeder offiziellen Rede ihr Echo finden – Syrien, Zentralafrikanische Republik, Mali – setzt der Generalsekretär auch ungewöhnlichere Akzente, betont sorgfältig, wie wichtig integrierte Sicherheitsansätze sind und wie Klimawandel, Jugendmassenarbeitslosigkeit und Diskriminierung zu Konflikten führen können, die ganze Regionen schwächen können. Es scheint, als habe er sich hier mit Altkanzler Helmut Schmidt abgesprochen, der später am Nachmittag das rasche globale Bevölkerungswachstum und die damit einhergehenden Probleme hervorheben wird – aber dazu später mehr. In der darauffolgenden Podiumsdiskussion gehen diese Warnungen aber eher unter – treffen dort dann doch wieder eher traditionelle Sicherheitskonzepte aufeinander, denn wenn es um die Ukraine geht, klingt es beinahe wieder wie im Kalten Krieg. NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen beklagt die »kalte Kooperation« zwischen Russland und der NATO und vermisst bei den Diskussionen um die Ukraine »konstruktives Engagement«. Da kann der russische Außenminister nur die Miene verziehen, denn er sieht in den Solidaritätsbekundungen vieler EU-Politiker an die Maidan-Besetzer grundsätzliche Widersprüche und lässt durch den Übersetzer ausrichten: »Why are many prominent EU politicians actually encouraging such actions although back home they are quick to severely punish any violations of the law?« »Was haben immer gewalttätiger werdende Straßenschlachten mit Demokratieverbreitung zu tun?«

1. Februar - 10 Uhr

Wolfgang Ischinger ruft zur Elefantenrunde: Heute Morgen geht es um die Zukunft Europas, des transatlantischen Verhältnisses und der westlichen Verantwortung gegenüber den globalen Krisenherden. Bundesaußenminister Steinmeier mahnt, dass Diplomatie, dass Dialog immer zuerst und voll ausgereizt werden müsse, bevor über militärisches Eingreifen nachgedacht werden könne. »Der Einsatz von Militär darf immer nur Ultima Ratio sein – aber militärische Zurückhaltung heißt nicht eine Kultur des Heraushaltens.« Er unterstreicht damit implizit, wie sehr seine Sichtweisen und die der neuen Verteidigungsministerin ineinandergreifen. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon unterstreicht, dass wir neben den globalen Krisenherden – im Nahen Osten, in Afrika, in der Ukraine – auch auf die »leisen«, auf die schleichenden Konflikte achten müssen. Er weist, wie viele vor und nach ihm auf dieser Konferenz, darauf hin, dass Wirtschaftspolitik und Außenpolitik nicht voneinander zu trennen sind. Wirtschaftliche Unterentwicklung kann explosive Folgen haben: In der Jugendarbeitslosigkeit auf der ganzen Welt sieht er eine tickende Zeitbombe. Auch die Zukunft der Ukraine findet in den Statements des außenpolitischen Panels immer wieder Resonanz. Herman van Rompuy widerspricht der Kritik, Europäer seien naiv, wenn sie auf die Anziehungskraft des europäischen politischen und wirtschaftlichen Systems setzten. Der russische Außenminister, Sergey Lavrov, argumentiert, Europa unterstütze hierbei in der Ukraine die falschen Mächte. Es besteht hier also noch dringender Gesprächsbedarf.

1. Februar - 8 Uhr

Es lässt sich nicht leugnen: So richtig frisch sehen wir heute Morgen nicht aus. Viele von uns haben sich von der »Night Owl«-Session zu Syrien den Schlaf und den Optimismus rauben lassen, andere haben bis spät in die Nacht die Fragen des letzten Tages weiterdiskutiert. Beim Frühstück mit dem israelischen Verteidigungsminister, Mosche Ya'alon, greifen wir die Themen noch einmal auf: Welche Auswirkungen haben die internationalen Verhandlungen mit dem Iran auf Israels Sicherheit? Können Israel und die Türkei diplomatische Fortschritte machen und wie lange wird es noch dauern, bis ein israelischer Botschafter in Ankara ankommt? Welche Auswirkungen hat der von der US-Regierung angekündigte »Pivot to Asia« auf Israels Sicherheit? Hat Israel vor, die Produkte seiner florierenden Verteidigungsindustrie nach Asien zu exportieren? Und abschließend noch mal die ganz einfache Frage, die uns alle weiterhin beschäftigt: Kommen die Verhandlungen zu einer Zwei-Staaten Lösung wirklich voran? Wir hätten ruhig noch eine Stunde weiterdiskutieren können, aber der deutsche Außenminister ruft.

31. Januar - 21 Uhr

Man weiß nicht so genau, wo man anfangen soll an einem Tag voller Eindrücke und Fragen, die nachhängen und denen man in Gesprächen weiter nachhängen möchte: Es geht um das sich nach Wünschen des Bundespräsidenten und der Verteidigungsministerin rasche Verändern der Rolle Deutschlands auf der internationalen Bühne. Um einen nachhaltigen Durchbruch in den zwar besser verlaufenden, aber dennoch im Detail zähen Verhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern und einer Sanduhr der Amerikaner, die rasant die neun Monate herunterzuzählen scheint, die sich der eben in München angekommene amerikanische Außenminister als Rahmen und als Frist für einen Durchbruch gesetzt hat. Es geht in einer abendlichen Diskussionsrunde mit der Präsidentin der International Crisis Group und konfliktgewohnten früheren Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien, Louise Arbour, um Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit und um das Überleben der Wertegemeinschaft in der internationalen Politik. Vor allem aber geht es am ersten Tag der Sicherheitskonferenz scheinbar darum, gehört zu werden. Wir, die Munich Young Leaders, fühlen uns schnell berufen, in den Narrativen, in den Argumenten Schwächen zu finden, nachzuhaken, aufzumerken. Wir sind zum Mitreden gekommen.

31. Januar - 15 Uhr

Die Sicherheitskonferenz beginnt in Erinnerung an den Gründer, Ewald von Kleist, der 1963 die Wehrkundetagung ins Leben rief, mit einer Schweigeminute. Kaum ist diese aufgehoben, können wir aus unserer Perspektive vom Balkon des Sitzungssaales die eminence grise der globalen Außen- und Sicherheitspolitik voll wahrnehmen: Viele ergraute – vor allem – Männerköpfe. Bei uns in der ersten Reihe hingegen: nur Frauen. Wolfgang Ischinger erinnert in seiner Eröffnungsrede daran, dass sich die Themen der Sicherheitskonferenz in den 50 Jahren ihres Bestehens deutlich geändert haben, mahnt aber, dass wir auch nach Ende des Kalten Krieges »den Zusammenhalt der Wertegemeinschaft« brauchen. Die Rede des Bundespräsidenten greift diese Themen auf und unterstreicht die Wichtigkeit eines Forums wie der Sicherheitskonferenz – aber lässt auch den gemeinen Marktplatz nicht aus. Er fordert: »Schwierige Themen müssen öffentlich diskutiert werden.« Und das Deutschlands Verantwortung und Rolle in der Welt kein ganz einfaches Thema ist, liegt auf der Hand. Das Deutschland ein »normales« Land sein soll – die Frage, die wir nach dem Fall der Mauer vielfach gestellt haben – ist für unsere ausländischen Munich Young Leaders-Kollegen fast normal. Die Amerikaner unter uns warten sowieso schon lange – ungeduldig – auf einen aktiveren deutschen Part. Wir Deutschen sind beeindruckt davon, wie der Bundespräsident Patriotismus neu definiert und dabei nie die neuen Verantwortungen des Landes aus den Augen verliert. Manch einer überlegt sich sogar, ob er nicht doch noch in die Politik geht, als der Präsident unterstreicht: »Es ist kein gutes Zeichen, wenn jüngere Mitglieder des Bundestages das Gefühl haben, die Beschäftigung mit Außen- und Sicherheitspolitik sei nicht karrierefördernd.« Das können wir so ja nicht stehen lassen. Die nächste Wahl, Kollegen, ist in vier Jahren.

31. Januar - 13 Uhr

Einen besseren ersten Gesprächspartner, der sich noch nie vor einem Wortgewitter oder einem Streitgespräch gescheut hat, hätten wir uns mit dem palästinensischen Chefunterhändler, Dr. Saeb Erekat, nicht wünschen können. Offen, energisch und geduldig beantwortet er unsere scheinbar endlosen Fragen. Sein Eröffnungsstatement hören wir einige Stunden später bei der Podiumsdiskussion mit seinem israelischen Gegenpart, der früheren Außenministerin Tzipi Livni, fast im Wortlaut noch mal: »Keiner profitiert vom Erfolg von John Kerry so sehr wie die Palästinenser und keiner wird mehr verlieren, wenn er versagt.« Da stellt sich die Frage nach der Verantwortung für diese Mammutverhandlung. »Nein«, wiegelt er ab, natürlich läge diese noch in den Händen der Israelis und der Palästinenser und nicht der Amerikaner. Die Zwei-Staaten-Lösung werden später am Nachmittag wieder beide Seiten beschwören und von der jeweils anderen Seite dafür unterschiedliche Eingeständnisse fordern, das können wir jetzt schon voraussehen – dass diese Debatte aber ein optimistisches Ende finden wird, noch nicht. Wir wollen seine Perspektive zur Iranverhandlung hören, sind interessiert an der politischen Zukunft der Hamas und wollen auch konkret wissen, wie neue EU-Regelungen Palästinensern in besetzten Gebieten helfen und was passieren muss, um wirtschaftlichen Fortschritt in diesen Regionen voranzutreiben. Es wird eingewandt, dass man doch zwei Narrative zulassen, diese historisch einordnen und dann kreativer über die Zukunft nachdenken müsse. Erekat steht uns geduldig Rede und Antwort, zieht aber am Ende unserer Diskussion aber ein eher gemischtes Fazit. Wir sind erleichtert, dass wir das Thema wenige Stunden später wieder aufgreifen

30. Januar - 19 Uhr

Stimmengewitter – Japanisch, Chinesisch, Deutsch, English, Russisch – begrüßt uns am Münchener Flughafen: Mitten im bayerischen Voralpenland treffen sich vom Jetlag verlangsamte junge Sicherheitspolitiker, um miteinander zu diskutieren und voneinander zu lernen, Perspektiven auszutauschen und sich vor allem für die zukünftige Arbeit inspirieren zu lassen. Syrien, Irak, Iran, die indischen Parlamentswahlen im Frühjahr, die Zukunft Afghanistans – es gibt nicht viel, was optimistisch stimmt – dennoch werden diese »leichten« Themen schon gleich beim ersten Kaffee angesprochen. Die Munich Young Leaders sind gekommen, um sich selber, aber auch die parallel am Flughafen anreisende Weltpolitiker-Elite, auf die Probe zu stellen und schrecken auch vor kritischen Fragen nicht zurück. »Es ist schon wie ein globales Dorf«, schildert Gowhar Geelani, Journalist aus Kaschmir, seine ersten Eindrücke, während er sich mit einem Tee bewaffnet nach einem freien Platz umsieht. »Veranstaltungen wie diese geben einem die Möglichkeit sich richtig ehrlich zu unterhalten und sich vor allem mehr über Konflikte vor Ort zu informieren.« Ich selbst lasse mir von ihm erklären, welchem Druck indischstämmige Politiker in Kaschmir ausgesetzt sind, die planen, sich an der Parlamentswahl in Indien zu beteiligen. Am späten Nachmittag geht es per Buskonvoi nach Wildbad Kreuth, in die verschneite Bergidylle. Hier treffen wir auf fünf Jahrgänge »Young Leader«-Alumni – frühere Außenministerinnen, Journalisten, Entwicklungshelfer, Diplomaten – und lassen uns erklären, wie wir das Meiste aus den kommenden Stunden und Tagen auf der Sicherheitskonferenz machen. Beim Bier erklären Kölner und Bayern den Amerikanern und Chinesen die Unterschiede zwischen Kölsch und einem »zünftigen Augustiner« und an einem anderen Tisch geht es erst um Weinbauregionen in Armenien, dann im nahtlosen Übergang um das angespannte Verhältnis mit der Türkei. Beim Frühstück am nächsten Morgen befragt Völkerrechtlerin Daniela den Kollegen aus Kaschmir zu Frauenrechten in Indien. »Was gelernt?« »Definitely«, sagt sie, die deutsche Anwältin. »Genau!« antwortet er. Funktioniert doch schon gut, die interkulturelle Kommunikation.

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