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Munich Young Leaders 2015 Blog

(Read the English journal here.)

Johanna Bussemer [jb] und Martin Heipertz [mh], Teilnehmer der Munich Young Leaders 2015, schildern ihre persönlichen Eindrücke von der 51. Münchner Sicherheitskonferenz und den Diskussionen der Munich Young Leaders in diesem Blog. Die beiden wurden von Joshua Walker und Xu Ting unterstützt, die für unseren englischen Blog geschrieben haben.

 

8. Februar 2015 - 13 Uhr

[jb] Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Das von Martin schon beschriebene Frühstück mit dem Verteidigungsminister von Singapur hat dazu beigetragen, die bedrückte, Ukraine-bedingte Grundstimmung von gestern etwas zu verdrängen. So weise, witzig und bescheiden möchte ich in seinem Alter auch mal sein.

Dann Kofi Annan. Ich kann nicht verheimlichen, dass ich immer noch, trotz des Scheiterns vieler seiner Initiativen - zuletzt natürlich schmerzlich bei Syrien – viel Ehrfurcht für diesen Mann empfinde, der wie kein anderer für meine Generation lange die Hoffnung auf eine andere Welt verkörperte.

Dann tut er mir auch noch den persönlichen Gefallen, nachdem auch er natürlich ein bedrückendes Bild von der Weltlage gezeichnet hat, eins meiner Gramsci-Lieblingszitate heranzuziehen: Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren ist. Doch wieder ein bisschen Hoffnung. Wenn auf die vielen guten Worte hier Taten folgen.

Aktuell die Diskussion „Is this the end of the Middle East (as we know it)?“, und erst haben wir uns sehr gefreut, dass tatsächlich Minister aus Israel, Katar und Palästina gemeinsam auf dem Podium sitzen. Aktuell entgleist die Diskussion allerdings etwas. Auch wieder nur Rechtfertigungen für die verhärtete Position beider Seiten. Ich schwanke also wieder zwischen Hoffnung und Realität. Der Streit dieser beiden Wahrnehmungen wird wahrscheinlich für das Erlebnis Sicherheitskonferenz das Entscheidende bleiben.

Drei unglaublich vollgepackte, spannende Tage in einer schwierigen Zeit. Für alle leiten sich daraus unaufschiebbare Aufgaben ab. Vor allem: miteinander reden. Möglichst anders, als wir es auch hier insbesondere im Bezug auf Russland und die NATO erlebt haben. Ich wünschte, wir hätten als Gruppe dafür noch ein bisschen Zeit.

Vielen Dank an Körbers für alles, was Ihr in diesen vier Tagen für uns wieder vorbereitet, organisiert, ermöglicht, mitgedacht und dabei noch mit uns gelacht habt!

 

8. Februar 2015 - 10 Uhr

[mh] Am Sonntagmorgen schneit es über München. Vor meinen (ja: etwas müden…) Augen ein friedliches Bild: Die Silhouette der Frauenkirche im Schneegestöber. Hoch über der Stadt frühstücken die Munich Young Leaders gemeinsam mit dem Verteidigungsminister Singapurs, Dr. Ng. Er liefert eine brillante tour d’horizon über die globale Sicherheitslage.

Als Europäer schämt man sich fast, daß wir wieder einmal die ganze Welt in Atem halten, obwohl Asien doch auch einen Berg von Problemen vor sich hat. Wir aber: Abnehmendes Gewicht und zunehmende Instabilität – so war das wohl nicht geplant gewesen bei Ende des Kalten Krieges.

Mein stärkster Eindruck, als ich kurz darauf zum Flughafen fahre, rührt noch vom Vorabend her. Wir hatten ein Abendessen mit dem russischen NATO-Botschafter Grushko, und mit immer größerem Befremden stelle ich fest: Die Kommunikation zwischen den Verantwortlichen aus Rußland und dem Westen scheint in hohem Maße zusammengebrochen zu sein. Nichts als gegenseitige Schuldzuweisungen und die Unterstellung finsterster Absichten, ob berechtigt oder nicht. Gleichzeitig völliges Unvermögen an Empathie und Aufnahme des Standpunkts der Gegenseite. Das gegenseitige Verständnis ist dahin, auf beiden Seiten.

Auf einmal glaube ich zu verstehen, wie es vor einem Jahrhundert zum großen Krieg kommen konnte, den doch keiner wollte. Ein Gefühl, so eisig wie das Wetter draußen. Die Münchner Sicherheitskonferenz war also wohl nie so wichtig wie jetzt. Wir müssen jeden Versuch unternehmen und uns auf allen Ebenen bemühen, wieder den Draht zueinander zu finden.

Ich bin Herrn Botschafter Ischinger und seinem Team sehr, sehr dankbar für diese großartige Konferenz und ganz besonders der Körber-Stiftung, die mir die Teilnahme ermöglicht hat. Mit meinen Altersgenossen bei den Munich Young Leaders durfte ich wundervolle Menschen aus aller Welt kennenlernen. Soweit es an uns liegt, bin ich nicht bange um die Kommunikation und Zusammenarbeit. Jetzt aber brauchen wir alle ein Wunder und unsere Vorgänger in hoher und höchster Verantwortung eine glückliche Hand und guten Willen.

Melde mich ab, macht es gut.

Martin

 

7. Februar 2015 - 19 Uhr

[mh] Auf die wichtigsten Reden der Konferenz – Merkel, Lawrow und Biden – folgt ein sehr emotionaler, verzweifelter Poroschenko aus Kiew. Er hält die Pässe russischer Soldaten in die Höhe, die auf seinem Territorium aufgegriffen wurden; als Beweis für das direkte Eingreifen Moskaus.

Seine dringende Bitte um Waffen verbindet er mit dem Hinweis darauf, daß die Ukraine schließlich auch im Vertrauen auf die internationale Gemeinschaft ihre Nuklearwaffen abgegeben habe. Daraus leite sich für den Westen jetzt schon allein moralisch die Verpflichtung ab, das Land nicht im Stich zu lassen.

Johanna sieht mich bei 0:1 in dieser Frage, dabei bin ich selber immer weniger sicher und inzwischen völlig ambivalent. Ich stelle bloß fest, daß wir uns in einer Logik des Kalten Kriegs wiederfinden, in der nur Abschreckung und reaktive Härte Erfolg verheißen.

Vizepräsident Biden bringt die Lage auf den Punkt, indem er sagt, daß es nicht mehr um den „Reset“-Knopf in unserem Verhältnis zu Rußland geht, sondern um ein „Re-assert“, d.h. die Wiederherstellung der Grundlagen unserer Friedensordnung. Wir müssen sicherstellen, dass Putin für seine Aggression einen Preis zahlt, der auch aus seiner Sicht zu hoch ist.

Als Ökonom kann ich nur beipflichten, dass dieses Kräftemessen nicht militärischer Natur sein kann. Beide Länder steuern sehenden Auges in den Staatsbankrott. Doch dieser Aspekt kommt bei der Konferenz bisher gar nicht zur Sprache.

 

7. Februar 2015 - 16.30 Uhr

[jb] Samstagnachmittag - wir hören gerade Biden. Heute ist der Tag der Giganten. Eine gut gelaunte und erstaunlich humorvolle Kanzlerin. Ihre Aussage ist eindeutig: weder Waffenlieferungen noch eine militärische Lösung für die Ukraine.

@Martin 1:0 für mich.

Mit Russland gemeinsam will sie das Problem lösen. Erst mal so weit so gut. Da kann man nicht meckern. Aber dann wird es, wie so oft, etwas undurchsichtig. Denn natürlich soll nicht nur Russland mit von der Partie sein, sondern auch ganz Europa an einem Strang ziehen und es soll voll und ganz im Rahmen der NATO. Hm, frage ich mich, und erinnere mich an unseres erstes Treffen heute Morgen mit Alexander Vershbow von der NATO. Man wolle sich jetzt wieder auf das Problem Russland konzentrieren, sagte er. Nicht ausschließlich, aber doch mit einem klaren Schwerpunkt. Wie soll das denn jetzt mit Merkels gemeinsamem Vorgehen zusammenpassen?

Deutlicher wird der Widerspruch jedoch, als wir Lavrov hören. Er reicht der Kanzlerin keine Hand, all ihrer Angebote zum Trotz. Leider fokussiert er in seiner Rede stark darauf, die Fehler des Westens in Bezug auf die Ukraine aufzuzählen. Mit Manchem hat er recht. Stärker wäre er jedoch gewesen, wenn er ein Feld aufgemacht hätte, das Handlungsspielräume ermöglicht hätte.

Als Teile des Publikums lachen, weil er argumentiert, dass es bei der deutschen Wiedervereinigung noch nicht mal eine Volksabstimmung wie im Falle der Krim gegeben hätte – ein cleveres, aber im Vergleich auch hinkendes Argument – reagiert er beleidigt. Wir haben von dem eigentlich großen und respektablen Diplomaten Lavrov echt schon Besseres gesehen. Schade.

 

7. Februar 2015 - 9.30 Uhr

[mh] Guten Morgen München, guten Morgen gefährdete, unsichere Welt!

Nach immerhin gut drei Stunden Schlaf hallt der vergangene Tag noch stark in mir nach. Wir hatten eine Cyber-Attacke auf die Konferenz, nur um die Sache mit der hybriden Kriegskunst noch einmal zu veranschaulichen.

Für die physische Sicherheit wenigstens ist hier aber bestens gesorgt, und ich will an dieser Stelle allen Damen und Herren der Polizei herzlich danken, die draußen in der eisigen Kälte ihren Dienst verrichten. Hier drinnen gab es für uns Munich Young Leaders derweil ein Frühstücksgespräch mit Alexander Vershbow, stellvertretendem Generalsekretär der NATO.

Beim Zuhören werde ich zum Rußlandversteher und denke wie Johanna und Amos Gilad gestern, daß wir wirklich auf ein Wunder angewiesen sind. Konflikt entsteht aus Angst, Mißtrauen und Aggression. Wenn an allem Unglück immer nur die anderen schuld sind, ist eine Verständigung noch weit entfernt.

Aus dem Konflikt in der Ukraine wird ein Konflikt um die Ukraine, hat gestern jemand gesagt. Wie schnell fallen wir auf beiden Seiten in die alten, imperialen Muster der Vergangenheit zurück – letztlich nur, weil jeder stärker als der andere sein will, um sich zu schützen.

Ich fände es wichtig, dass wir in solcher Situation zwar das Nötige tun, um unsere Sicherheit zu gewährleisten, aber daß wir dabei geistig nie aus dem Auge verlieren, wie fatal ein jeder solcher Schritt zu der dem Konflikt inhärenten, dynamischen Logik beiträgt. Diesen Teufelskreis jederzeit zu durchbrechen, sobald die Gelegenheit sich bietet, muß immer das übergeordnete Ziel bleiben. Daher müssen etwaige Eskalationsstufen unbedingt reversibel sein und ganz klar als defensive Reaktion definiert und kommuniziert werden.

Das geht mir jedenfalls durch den müden Kopf, während ältere Herrschaften das Podium besetzen und alle auf Angela Merkel aus Moskau warten…

 

6. Februar 2015 - 19 Uhr

[jb] Leichte Müdigkeit. Immer unheimliches Gewusel auf den Gängen des Bayerischen Hofes.

Wie immer sind Pausen das Wichtigste auf solchen Konferenzen, weil alle natürlich eigentlich kommen um die anderen zu treffen. Leider haben wir fast keine. Nach einer weiteren Diskussion zur Sicherheitspolitik in Asien (gute Diskussion, aber keine echte Lösung in Sicht), essen wir mit Amos Gilad (Director of Policy and Political Military Affairs, Defense Ministry Israel). Er zeichnet ein düsteres Bild von der derzeitigen Situation im Nahen Osten. Alle im Rahmen der Dekolonialisierung entstandenen Staaten um Israel herum befinden sich im Zerfallsprozess, so Gilad, trotzdem dürfe man nicht aufgeben. Woher er immer noch diesen Humor und den verhaltenen Optimismus nähme, fragt Martin ihn. Es seien immer wieder Wunder geschehen, antwortet er.

@Martin: jetzt kommen wir den Dingen doch langsam näher: Wenn ich Deine fehlende Phantasie für andere Konfliktlösungsmachanismen als Waffenlieferungen im Bezug auf die Ukraine mit Israels Hoffen auf Wunder zusammen denke, dann wird klar: wir brauchen ein völlig neues Set an Instrumenten um den aktuellen Konflikten zu begegnen.

Wolfang Ischinger, der zwischendurch kommt um uns zu begrüßen, sagt auch: Dieses sei eine der wichtigsten Sicherheitskonferenzen, an die er sich erinnern kann. Selten sei eine Verständigung notwendiger gewesen.

Aber steuern die Regierungsvertreter_innen hier darauf zu? Nach einem halben Tag Sicherheitskonferenz würde ich sagen, dass die Töne insbesondere zwischen Russland und Europa dafür noch zu schrill sind.

Aber machen wir uns einfach mal den Optimismus von Gilad zu eigen: vielleicht geschehen ja morgen noch Wunder.

6. Februar 2015 - 17.30 Uhr

[mh] Waffenlieferungen an die Ukraine – ja oder nein? Können wir damit den konventionellen Anteil des „hybriden Kriegs“ beeinflussen, den Moskau dort führt?

@Johanna: Ganz persönlich glaube ich, dass man sich dieser Maßnahme verweigern kann, wenn man die anderen (d.h. die USA) wieder die harten Entscheidungen treffen lässt.

Natürlich intensivieren Waffen einen Konflikt – das ist ihr trauriger Zweck. Aber wenn man von zwei Kombattanten einen gewinnen sehen will, ohne ihm direkt zu helfen, dann bleibt zumindest in meiner Phantasie doch gar keine andere Option.

Weiß jemand, um welche Systeme es konkret gehen soll? Bisher kam das hier nicht zur Sprache; ich lese allerdings schon im Internet, dass die Ukraine bereits eine „Wunschliste“ erstellt hat.

Vielleicht kann man das konditionieren wie damals beim NATO-Doppelbeschluss. Mit anderen Worten: Wir würden die Systeme nur zur Verfügung stellen, wenn Russland sich nicht umgehend wieder an die Waffenstillstandsvereinbarung hält.

Gleichwohl – ich gebe Dir recht, man hat allergrößtes Unbehagen bei dem Gedanken. Ich bin selber überrascht, wie sehr sich der ganze Diskurs auf diesen Aspekt zu verkürzen droht, wo es doch angeblich so eine „hybride“ Situation ist.

 

6. Februar 2015 - 16.30 Uhr

[jb] Lieber Martin, ja, das Thema hat sie (Ursula von der Leyen) sehr eloquent, aber auch leicht kompliziert gesetzt. Reagieren will sie, indem sie aus der europäischen Mitte heraus führt, beschwört dabei die europäische Einigkeit und grenzt sich gleichzeitig von Russland ab. In Bezug auf die Krim und das Völkerrecht sind wir uns ja einig. Das war und ist völkerrechtswidrig. Aber ein Europa, das sich nach Osten verschließt, ist doch schwer vorstellbar…

6. Februar 2015 - 17.00 Uhr: Nachtrag zu Ursula von der Leyen:

Prima gefallen hat mir das schöne und simple Argument, dass in der Ukraine schon genug Waffen sind und man die Situation nicht weiter hochrüsten sollte. Gilt das nicht eigentlich für alle Konfliktregionen der Welt?

 

6. Februar 2015 - 15.30 Uhr

[mh] Liebe Johanna, jetzt muß ich Dir einmal widersprechen. Nicht nur hat Gref – durchaus sympathisch – über Kindergärten gesprochen statt den Donbass. Nein, er hat aus meiner Sicht immerhin durchblicken lassen, wer jetzt handeln und eine Verständigung suchen muß: Die höchste politische Ebene.

Aber wenn ich mich recht erinnere, dann hatten wir vor kurzem eine solche Verständigung. Und diese wird mit jeder Stunde mehr nicht durch den Westen aufgekündigt, sondern durch Moskau – finde ich.

Das Thema ist Schwerpunkt der Eröffnungsrede von Ursula von der Leyen: „Rußland ist so isoliert wie nie zuvor. […] Moskau hat unzweifelhaft eingegriffen in diesen Konflikt.“

Und wir? Stehen einem hybriden Krieg gegenüber – direkt vor der Haustür. Wie damit umzugehen ist, stellt die Frage aller Fragen dar für diese Konferenz.

 

6. Februar 2015 - 14 Uhr

[jb] Gerade erst Mittagessen und schon mitten in den schwierigsten Fragen dieser Zeit: Das Gespräch mit Herman Gref, Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer der Sberbank, dreht sich zuerst um die schwierige ökonomische Situation in Russland. Fehlende Reformen, aber natürlich auch die Sanktionen gegen Russland, seien der Grund. Eine Veränderung innerhalb des Landes könne nur über eine langfristige Veränderung des Bildungssystems herbeigeführt werden. Insbesondere die frühkindliche Erziehung liegt ihm am Herzen.

Aber was machen wir mit der schwierigen Situation jetzt?, fragen wir alle etwas erstaunt. Das gegenseitige Aufbauen von Druck führt nicht nur zu negativen wirtschaftlichen Entwicklungen auf beiden Seiten, sondern auch zu einem Vertrauensverlust. Offene Kommunikationskanäle sind notwendig.

Gref antwortet stark psychologisch: der Vertrauensbruch hinsichtlich der NATO-Osterweiterung, eine fehlende Kultur der Veränderung im eigenen Land, eingefahrene Gewohnheit im Umgang mit den Dingen.

Ja, mit all dem hat er recht. Trotzdem bleibe ich etwas verzagt zurück: wir können doch nicht warten, bis die frühkindliche Bildung Früchte trägt! Wir müssen doch jetzt handeln, um die Distanz und die Konflikte zwischen Russland und Europa zu überwinden.

 

6. Februar 2015 - 12.00 Uhr

Schlag auf Schlag geht es weiter: Kevin Rudd, ehemaliger Premierminister von Australien, stellt noch einmal für alle klipp und klar, dass die euro-atlantische Ära zu Ende ist.

Unsere Welt ist multipolar geworden und der asiatische Pol hat schon jetzt das größte Gewicht, zumindest ökonomisch. Ich widerspreche der These eines europäischen Niedergangs, weil ich überzeugt bin, dass wir Europäer geeint und gestärkt aus der Krise hervorgehen werden.

Aber Rudd hat natürlich recht, dass wir schleunigst lernen müssen, die chinesische Sicht auf Geopolitik zu verstehen. Die Kommunistische Partei verfolgt Prioritäten, auf die wir uns schlichtweg einstellen müssen: Machterhalt, territoriale Integrität, Taiwan, Außengrenzen, Energiepolitik – und vor allem eine epochale ökonomische Transformation.

Und jetzt gibt’s Mittagessen! Mein Hunger ist auch schon größer als die Müdigkeit.

 

6. Februar 2015 - 11.30 Uhr

[jb] Hallo.

Trotz ganz anderer Ausgangslage (denn ganz im Gegensatz zu [mh] bin ich perfekt ausgeschlafen und konnte heute Morgen sogar noch ein paar Runden schwimmen!) Übereinstimmung mit Martins Kernaussagen, aber: in der Diskussion zeigte sich auch deutliche Kritik am westlichen Menschenrechtskonzept oder zumindest dessen Umsetzung. So stellte eine Kollegin zum Beispiel die Frage, ob sich das Engagement des Westens für die LGBT-Rechte in Russland nicht nach der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und den USA nach der Flucht Snowdens nach Russland besonders intensiviert habe. Klartext: Geht es hier wirklich um die Rechte Homosexueller in Russland?

Weitere intensiver diskutierte Punkte waren auch die mögliche Rolle nicht-westlicher Länder beim Umgang mit ISIS und natürlich die Kriegsverbrechen im Nahost-Konflikt.

Hier zeichnet sich ab, was seit langem im Raum steht: die Notwendigkeit einer breiten Diskussion über Menschenrechte und deren Durchsetzung in Zeiten der sogenannten neuen Kriege, bevor der Universalität in Frage gestellt wird!

 

6. Februar 2015 - 11 Uhr

[mh] Guten Morgen aus München!

Der Abend war noch spät geworden, und ich war entsprechend unausgeschlafen, als der Weckruf klingelte.

Doch hellwach beim ersten Thema heute früh: Menschenrechte. Wir hörten einen leidenschaftlichen Vortrag von Kenneth Roth, dem Chef von „Human Rights Watch“.

Seine Kritik an der amerikanischen und europäischen Außenpolitik lautet, dass wir prinzipiell zu wenig Gewicht auf Menschenrechtsfragen legen. Das Thema finde höchstens in Hinterzimmern Raum und werde nicht konsequent im Umgang mit anderen Regierungen verfolgt.

Dabei sei die Verletzung von Menschenrechten durch diese Regierungen nicht nur kein Teil der Lösung unserer primären Sicherheitsprobleme, sondern auf vielerlei Weise sogar ihre Ursache. Kenneth behandelte zahlreiche Beispiele von Syrien und Ägypten bis Ukraine, um sein Argument zu belegen.

Die Debatte der Munich Young Leaders war sehr engagiert. Wir stimmten Kenneth zwar grundsätzlich zu, aber überraschend viele von uns konfrontierten seinen idealistischen Ansatz mit einer heftigen Dosis an Realismus.

Man kann sich die Regierungen schließlich nicht aussuchen, mit denen man zusammenarbeiten muß. Ist die Jugend schon ihrer Ideale verlustig gegangen, oder sind wir wirklich keine Jugend mehr?

Nachdenklich – Euer mh

 

6. Februar 2015 - 1 Uhr

[jb] Auch für mich heißt es ganz frei nach Niklas Luhmann: „Eine ganz normale Unwahrscheinlichkeit“: Ich blogge zum ersten Mal in meinem Leben.

Nach dem schnellen Wechsel aus dem noch hektischen Berlin und einer Bahnfahrt mit meinem Sohn nach München – der am Bahnhof glücklich den Großeltern die Arme sprang, wieder das Wunder gut zusammengestellter internationaler Delegationen: Man setzt sich beim Essen zusammen, hat sich noch nie gesehen und ist gibt gleich so viel zu besprechen:

  • Zunächst wurde ich nach drei Sätzen als halb aus dem Sauerland stammend enttarnt. Das ist mir, die gern auf ihre Herkunft aus West-Berlin verweist, noch nie passiert!
  • Dann die lange und wichtige, bereits von Martin beschriebene Diskussion zum „Labor Balkan“ – wir werden bestimmt darauf zurückkommen.
  • Im Augustiner us-amerikanisch-türkisch-japanisch-iranisch-deutsche Einigkeit darüber, dass eine ständige Verlängerung der Sanktionen gegen den Iran dem Prozess langfristig nicht guttun wird.
  • Dann Japan und die Kernenergie (sehr aufschlussreich!).
  • Auf dem Nachhauseweg die Chancen der „Global Zero“ Campaign in Zeiten der Ukraine Krise. Es sieht nicht gut aus.

Soweit – wir melden uns!

Die Frau mit einer der schönsten E-Mail Adressen Berlins!

http://www.koerber-stiftung.de/uploads/pics/4_MYL_Xu_Tin_Shen_Yamei.jpg

 

5. Februar 2015 - 24 Uhr

[mh] Liebe Leute!

Ein kleiner Schritt für die Menschheit – ein großer für mich: Mein hiermit erfolgender Einstieg in die weltweite Gemeinschaft der „Blogger“. Ich hoffe, Ihr lest das auch…

Ich will Euch fortan nämlich über mein Erleben der Münchner Sicherheitskonferenz 2015 berichten, die morgen losgeht und an der ich als „Young Leader“ auf Einladung der Körber-Stiftung teilnehme.

Heute abend haben wir Munich Young Leaders uns bei einem gemeinsamen Essen kennengelernt und sind uns gar nicht so sicher, ob wir überhaupt „young“ und „Leaders“ sind. Aber wir fanden es super: Unsere Gruppe besteht aus gut 30 Leuten aus aller Welt; lauter interessante Gesprächspartner, die es in ihrem Bereich schon ein bißchen zu etwas gebracht haben und im weiteren Sinne mit Sicherheitspolitik befasst sind.

Ich jedenfalls habe viel erfahren:

  • Die jugendlichen Protestler letztes Jahr in Hong Kong zum Beispiel waren schlecht organisiert und konnten leicht von der Regierung auseinanderdividiert werden.
  • Innerhalb der arabischen Kulturszene ist Ägypten weiterhin tonangebend, aber das Niveau verfällt seit der „Arabellion“.
  • Der Trend, sich eigene Bienenvölker zu halten, scheint global zu sein.
  • Im Balkan haben wir ein „Labor“ unserer Kunst der Staatenbildung – doch wir müssen feststellen, daß wir darin vorläufig gescheitert sind.
  • In Afghanistan aber ist alles noch viel schlimmer, und wir lügen uns in die eigene Tasche, wenn Soldaten in Kampfeinsätze geschickt werden, die wir hier als Entwicklungshilfe verbrämen.
  • Von Australien aus blickt man mit großer Hoffnung auf die neue Führung in Jakarta, die nämlich mutig und unkonventionell vorzugehen scheint.

Unsere Gruppe scheint jedenfalls wißbegierig und mit genügend Erfahrung versehen, um aus eigener Sicht die Debatten der „Großen“ zu verfolgen.

Ich halte Euch auf dem Laufenden.

Ach ja: Die schönsten Email-Adressen in Berlin vergibt offensichtlich die Rosa-Luxemburg-Stiftung… Das war bisher auch nicht so mein Umgang (für die, die mich kennen), aber auch dafür ist eine solche Konferenz ja gut.

Gute Nacht für heute,

Martin

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