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Munich Young Leaders 2017 – Blog

(Read the English journal here.)

Elena Lange-Bratanova [elb] und Christian Klein [ck], zwei der Munich Young Leaders 2017, schildern ihre persönlichen Eindrücke von der 53. Münchner Sicherheitskonferenz und den Diskussionen der Munich Young Leaders in diesem Blog. Die beiden werden von Ottilia Anna Maunganidze und Manu S Pillai unterstützt, die für unseren englischen Blog schreiben. Eine Liste aller twitternden Munich Young Leaders 2017 können Sie hier abonnieren.

Montag, 20.02.2017, 10:00 Uhr

(elb) Was wird für mich von der Münchner Sicherheitskonferenz bleiben?

Die Reden von Merkel und Pence; Guterres Botschaft an die Welt; unser Gespräch mit der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen; die Stimme der sehr beeindruckenden chinesischen Außenpolitikerin Fu Ying; und vor allem die Begegnung mit den MYL und MYL Alumni.

Frau Merkel hat klare und deutliche Worte gefunden. Sie hat verstanden, dass man Staatsmännern wie Putin und Trump mit einer Sprache der Stärke begegnen muss. Fünf Botschaften fand ich prägend:

  • Für gemeinsame multilaterale Strukturen kämpfen, weil kein Staat die Herausforderungen der Welt im Alleingang bewältigen kann. Klare Absage an den »ich zuerst«-Ansatz einiger Länder.
  • Das Grundprinzip der territorialen Integrität muss erhalten bleiben. Inkonsequenzen in diesem Bereich bedeuten Gefahr für unsere Rechtsordnung.
  • Nicht der Islam ist Ursache des Terrors, sondern ein fehlgeleiteter Islam.
  • Eine freie und unabhängige Presse ist eine Säule der Demokratie.
  • Gemeinsam die Welt besser machen, dann wird sie für jeden einzelnen von uns auch besser.

Frau Merkel hat mit ihrem letzten Satz den wichtigsten Auftrag an uns alle erteilt. Wir haben es in der Hand, an einer besseren Welt zu arbeiten. In dem Moment, in dem wir davon ausgehen, dass wir die Kontrolle über die Beeinflussung der Dynamik in der Welt verlieren, sind wir erledigt. Ich habe die Rede Merkels als einen dringenden Aufruf zum Handeln verstanden.

Eindeutig waren die Männer in der Mehrheit bei der Konferenz. Das ist für sicherheitspolitische Kreise typisch. Unter den MYL waren dagegen über 50% Frauen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich dieser Trend fortsetzt. Vielleicht werden sich dann auch die Diskussionen und die Ansätze verändern. Frau Merkel und Frau von der Leyen machen es uns vor.

Unsere lebendigste Diskussion war mit der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Frau von der Leyen hat eine sehr starke und für sich einnehmende Präsenz. Sie hat uns inspiriert, begeistert und wertvolle Ratschläge an die Hand gegeben:

  • Frauen sollen Frauen bleiben und sich nicht in der Männerwelt assimilieren.
  • Mut und Courage auf dem Weg nach oben. Bereit sein, Angebote anzunehmen, wenn sie kommen. Falls man wartet, bis man sich bereit fühlt, ist es dann oft zu spät.
  • Mentoren suchen.

Wie geht es nach München weiter? Wir sollen auf unseren internationalen Kontakte aufbauen, auch wenn wir unsere nationalen Demokratien verteidigen. Denn unsere Länder sind voneinander abhängig.

Sonntag, 19.02.2017, 10:00 Uhr

(ck) MSC 2017 - Ein Gedanke. Wenn die Aussage des amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence, dass sein Land weiterhin fest zur NATO stehe, eine bedeutende Pressemeldung darstellt, dann sagt dies viel über den aktuellen Zustand der westlich-transatlantischen Welt aus. Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Treueschwur sicher kaum beachtet worden. Warum auch Eulen nach Athen tragen? Doch in 2017 herrschen Verwirrung und Unsicherheit ueber den politischen Kurs der Vereinigten Staaten - besonders im Kreis der engsten Partner. ‎Das Zeitalter der (westlichen) Selbstverständlichkeiten scheint beendet.

Samstag, 18.02.2017, 10:00 Uhr

(elb) Erste Sitzung im Plenum im Festsaal des Bayerischen Hofes. Als MYL bei der MSC zu sein fühlt sich für einen an Sicherheits- und Außenpolitik Interessierten so an, wie das Champions League Finale als Fussballfan statt vorm Fernseher im Stadion zu erleben.

Man braucht nicht einmal einen ganzen Tweet, es reicht auch ein Wort, um die Diskussionen am ersten Tag der MSC zusammenzufassen: Verunsicherung. Die große Frage auch im Vorfeld der Konferenz war, wie sich die neue US-Regierung in außenpolitischen Fragen positionieren wird. Zumindest verglichen mit den Worten des amerikanischen Präsidenten waren die Äußerungen der amerikanischen Delegation auf der MSC wohlwollend für uns Europäer. Es bleibt offen, wie belastbar die Aussagen der amerikanischen Delegation sind. Ein Satz von John McCain wird bleiben: »Ja, es sind gefährliche Zeiten, aber sie dürfen Amerika nicht abschreiben – und wir sollten einander nicht abschreiben.« Die Hoffnung lebt noch.

Die zweite Podiumsdiskussion hat sich heute mit der Frage beschäftigt, ob der Westen überleben wird. Die Welt hat sich nach den Aussagen der Penalisten verändert, befindet sich in einer Übergangsphase. Wie das Neue konkret aussehen, die "post order" sein soll, wurde aber nicht benannt. Anne Applebaum hat es auf den Punkt gebracht, wir brauchen neue Kategorien, wir sollten nicht, das was in der Welt heute passiert versuchen mit unseren alten Begriffen zu beschreiben.

Treffen mit Anne Applebaum

Für mich war es heute die eindrucksvollste Begegnung. Anne Applebaum ist eine Denkerin, die es in einer Stunde geschafft hat, tief in die strukturellen Probleme, die die Welt heute beschäftigen einzusteigen und Lösungsansätze anzubieten. Am 4. März 2016 schrieb sie eine Kolumne in der Washington Post mit dem Titel: "Is this the end of the West as we know it?"

Keiner traue sich festzustellen, dass Trump die größte Bedrohung für den Westen sei, twitterte Anne Applebaum noch kurz vor unserem Treffen. Trump misstraue den traditionellen Medien und habe auf Twitter eine neue Art öffentlicher Sphäre geschaffen. Menschen leben heute in sehr unterschiedlichen Realitäten, wo sie ihre Neuigkeiten aus Facebook abrufen und an einen bestimmten Satz von Tatsachen glauben. Andere, die in einer anderen Realität leben, kennen ganz andere Fakten. Das unterminiert die Demokratie.

Freitag, 17.02.2017, 23:00 Uhr

(ck) MSC 2017 - Der erste Tag. Gesprächsthemen für die Münchner Sicherheitskonferenz gehen nie aus. Interessengegensätze, Krisen, neue Methoden der Destabilisierung und Bedrohungen auf allen Kontinenten. Viele unterschiedliche Herausforderungen gleichzeitig. Wie auf Kennans Bauernhof.

In diesem Jahr riskiert »der Westen« in München einen tiefen Blick in den Spiegel. Der Brexit und die neue amerikanische Administration machen diese Selbstreflexion erforderlich, soll doch dem Trend zum Ausscheren entgegengetreten werden. Wie geht es weiter mit den Organisationen EU und NATO? Wie steht es um »den Westen« als Wertegemeinschaft? Der britische Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee hat treffend festgestellt, dass »Institutionalisierung der Preis für die Beständigkeit« sei.‎ Dies gilt für Organisationen wie auch für eine geteilte Vorstellung vom Umgang miteinander. Hier drängt sich eine grundsätzliche Frage auf: Was hält eine (Werte-)Gemeinschaft zusammen? Sind es nur die Sympathien für die anderen Gemeinschaftsmitglieder? Sind es handfeste Interessen am übergeordneten Gemeinschaftsziel? Beides kann sich Lauf der Zeit ändern. Müssen sich daher die Mitglieder der Gemeinschaft oder muss sich die Gemeinschaft den Mitgliedern anpassen? Eine Partnerschaft setzt immer eine gewisse Kompromissfähigkeit voraus. Wer kompromisslos durch die Welt gehen will, muss sehr durchsetzungsstark sein. Ansonsten wird die sprichwörtliche »blutige Nase« zum Dauerzustand. Ist man alleine stärker als in einer Gemeinschaft oder erlangt man erst durch eine Gemeinschaft Stärke? Und: Wie kann eine Welt funktionieren in der alle Staaten für sich ein »Wir zuerst!« (first) fordern? Hatten wir das nicht schon (hinter uns)? Fragen über Fragen... ‎Die MSC ist der »place to be« über diese Fragen zumindest (laut) nachzudenken.

Freitag, 17.02.2017, 13:00 Uhr

[elb] Erster Tag der MSC. »Wenn die MSC der Super Bowl ist, ist das MYL-Programm der Bonus des Super-Bowls« (Chair Nora Müller). In diesem Geiste fing es für die MYL schon um 8:30 Uhr an. Wir sind »en route« nach Armenien, Norwegen und Estland. Die Diskussionen kreisen um die Rolle Russlands bei der Lösung des Nagorno Karabakh-Konfliktes; das Gefühl der Nachbarländer von Unsicherheit und Bedrohung.

Die Frage des indischen MYL Manu Pillai: »Kann Europa nicht nur sich selbst verteidigen, sondern auch die Idee von Europa?« ist für uns Europäer eine gute Erinnerung daran, dass Europa für viele Teile der Welt mehr als Institutionen, mehr als Brüssel und Bürokratie ist, sondern eine erstrebenswerte, aufregende Idee.

Freitag, 17.02.2017, 07:00 Uhr

[ck] Munich Young Leaders 2017 - Verständnis für eine komplexe Welt entwickeln. Der amerikanische Diplomat George F. Kennan vergleicht in seinen Memoiren die internationale Politik mit der Arbeit auf einem Bauernhof: Immer muss etwas repariert oder ausgetauscht werden, immer ist irgendwo ein Gatter offen, ein Stier läuft frei herum, ein Kätzchen sitzt in einem Baum fest oder wird von einem Hund gejagt, Werkzeug fehlt, es muss gesät oder geerntet werden. Viele unterschiedliche und unvorhergesehene Ereignisse treten gleichzeitig auf. Jeder Tag bietet somit nervenaufreibende Herausforderungen. ‎Gerade mit Blick auf die aktuelle Weltlage eine sehr passende Metapher. Einen Einblick in diesen internationalen »Bauernhof« werden in den nächsten drei Tagen die Munich Young Leaders erhalten: Vom Morgengrauen bis ins Dunkel der Nacht wird diese international zusammengesetzte Gruppe aus Politikern, Beratern und Wissenschaftlern die Münchner Sicherheitskonferenz begleiten. Ein abwechslungsreiches und intensives Wochenende steht bevor.

Donnerstag, 16.02.2017, 23:00 Uhr

[elb] Morgen beginnt die 53. Münchner Sicherheitskonferenz. Christian und ich werden in den kommenden Tagen über unsere Gespräche, Eindrücke und Erkenntnisse berichten. Die Erwartungen, dass es eine historische Konferenz wird, sind sehr hoch. Die Erinnerungen an die 50. Münchner Sicherheitskonferenz sind präsent. Hier wurde vor drei Jahren die neue Rolle Deutschlands in der Welt definiert; von dem »Münchner Konsensus« ist die Rede.

In München kommen nicht nur gegenwärtige Minister, Kommissare und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zusammen, sondern auch junge, aufstrebende Menschen. Zum neunten Mal sind die Munich Young Leaders dabei, eine Gruppe von 25 jungen, neugierigen, meinungsstarken Menschen aus der ganzen Welt. Was wird von der Gruppe erwartet: neue Ideen einzubringen, Engagement zu zeigen und einen Unterschied in der Welt zu machen. Dafür bieten die Körber-Stiftung und die Münchner Sicherheitskonferenz eine Plattform für großartige Gespräche, neue Freundschaften und drei ereignisvollen Tage mit kurzen Nächten.

Schon der erste Abend im italienischen Restaurant Il Giro vino & cucina war gefüllt mit Gesprächen über wachsenden Populismus in Europa, den Umgang mit der Türkei, welche Rolle Trump bei den Wahlen in drei europäischen Staaten spielt und wie wir eine gerechte Migrationspolitik gestalten können. Und auch dieser Abend war geprägt von der Tradition der Körber-Stiftung: Menschen zusammenzubringen, die sonst nicht miteinander reden würden. An meinem Tisch diskutierten eine Südafrikanerin, eine Chinesin, eine Iranerin, eine Deutsch-Bulgarin und eine Niederländerin. Was für eine Bereicherung!

Ich freue mich auf drei unvergessliche Tage!

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