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Nachbarschaftshilfen in Zeiten von Corona

Thema des zweiten Stadtlabors Online waren »Nachbarschaftshilfen«. Doris Rosenkranz, Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg, stellte ihre Forschungsergebnisse vor und diskutierte mit kommunalen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern aus der Verwaltung.

Nachbarschaftshilfe erforschen

In der Krise beschäftigt die Teilnehmenden des Stadtlabors, von wem Nachbarschaftshilfen erbracht und unter welchen Bedingungen sie angenommen werden – gerade von Älteren. Kann und darf die Kommune hier unterstützend und vermittelnd eingreifen? Zumindest ist es an den Kommunen, Anlässe zu schaffen.

Doris Rosenkranz ist Soziologin und Professorin an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Nürnberg. In ihrer 2019 zusammen mit ihrer Kollegin Sabine Fromm, ebenfalls Professorin an der TH Nürnberg, veröffentlichten Studie »Unterstützung in der Nachbarschaft. Struktur und Potenzial für gesellschaftliche Kohäsion« erforschte sie, unter welchen Bedingungen Hilfe geleistet und angenommen wird. 

Der Blick nach Nürnberg lohnt sich, da hier erstmals in Deutschland auch das Potenzial informeller nachbarschaftlicher Unterstützungen bevölkerungsrepräsentativ für eine Kommune untersucht wurde, das bisher bei Studien  zum institutionalisierten Engagement nicht erfasst wurde. Die vorgestellten Forschungsergebnisse sind insbesondere in der derzeitigen Pandemie zentral, denn »Nachbarschaft« erfährt starke Aufmerksamkeit und wird auch im Hinblick auf die demografischen Entwicklungen und eine immer älter werdende Gesellschaft nicht an Bedeutung verlieren.

Informelle Nachbarschaftshilfe wird praktiziert

Doris Rosenkranz und Sabine Fromm fanden heraus, dass Nachbarinnen und Nachbarn in Nürnberg, unabhängig von Einkommen, Bildungsniveau oder Milieu, hilfsbereit sind. 71 Prozent der befragten Nürnbergerinnen und Nürnberger gaben an, Menschen in ihrer Nachbarschaft fürsorgeorientiert oder sachorientiert zu unterstützen. Diese Form der Hilfe wird informelle Nachbarschaftshilfe genannt – es ist privates Engagement, das weder durch Vereine noch Verbände organisiert ist. Beispiele für informelle Nachbarschaftshilfen sind das Annehmen von Paketen, Blumen gießen im Urlaub oder die Begleitung zum Arzt.

Je minimaler die Hilfe, desto eher wird sie angenommen

Wichtigste Bedingung für das aktive Helfen in der Nachbarschaft: Die Befragten wünschen sich, dass der zeitliche Aufwand überschaubar ist. Wann wird umgekehrt Hilfe angenommen? Hilfen aus der Nachbarschaft werden insbesondere dann angenommen, wenn eine Möglichkeit besteht, Gegenleistungen erbringen zu können. Diese Reziprozität ist ein wichtiger Faktor gerade bei Älteren und kann möglicherweise als Erklärung dafür gesehen werden, dass in der Corona-Pandemie die Älteren das Unterstützungsangebot in der Nachbarschaft selten(er) annehmen.

Die Bereitschaft zu helfen ist vorhanden: Nicht nur in Nürnberg, sondern auch in anderen Kommunen. Von Flensburg bis Kaufbeuren erleben die Teilnehmenden des Stadtlabors Online eine große zivilgesellschaftliche Hilfsbereitschaft. Sie berichteten von informellen Nachbarschaftshilfen in Form von Telefonketten oder Balkon- und Klatschveranstaltungen während der Coronakrise.

Was Kommunen tun können

Doch was können die Kommunen tun, um sicherzustellen, dass diese Hilfsbereitschaft auch anhält? Sie können Anlässe für Begegnungen schaffen, damit Menschen ins Gespräch kommen. Zu Coronazeiten ist dies schwierig und die Begegnungen sind meist auf digitale Angebote beschränkt. Hierbei sei zu beachten, dass die Angebote von Älteren nicht gleichermaßen genutzt werden können.

Heidi Lyck, Fachbereich Soziales und Gesundheit der Stadt Flensburg, unterscheidet zwischen »Onlinern« und »Nonlinern« – also insbesondere den Älteren, die die technischen und digitalen Grundvoraussetzungen besitzen und denen, die aufgrund mangelnder Ausstattung digital abgehängt werden. Auch Susanne Jungkunz, Leitung der Stabsstelle Strategische Sozialplanung der Stadt Oldenburg, stimmt zu. Ihrer Ansicht nach könne der digitale Raum nicht den persönlichen Handschlag ersetzen.

Reale Begegnungsorte im Blick haben

Trotz Krise muss das Rad jedoch nicht neu erfunden werden, es gilt vielmehr, bestehende Angebote und Anlässe für Begegnungen zu nutzen und digital anzupassen. Alfred Riermeier, Leiter des Jugend- und Familienreferats der Stadt Kaufbeuren, sagt hierzu: »Wir müssen die realen Begegnungsorte im Blick haben und starten, sobald es wieder möglich ist.«

Die Coronakrise kann auch ein Anlass sein, informelle Nachbarschaftshilfen sichtbarer zu machen. Doris Rosenkranz berichtete, dass es viele Helfende gäbe, die sich ihres Engagements noch gar nicht bewusst sind, wenn sie zum Beispiel für ihre Nachbarinnen und/oder Nachbarn einkaufen – diese Form des Engagements stärker sichtbar zu machen und damit auch mit Anerkennung zu versehen, sei eine kommunale Aufgabe der Zukunft, so die Professorin

Das Stadtlabor demografische Zukunftschancen ist ein Projekt im Programm Alter und Kommune der Körber-Stiftung. Es wurde ins Leben gerufen, um die für Demografie Verantwortlichen in deutschen Kommunen in den Austausch zu bringen. Das Stadtlabor Online ersetzt die Workshops, die die Teilnehmenden sonst in unterschiedlichen Städten zusammenführen. Auch digital stehen Expertenimpulse und kollegialer Austausch zu gutem Leben im Alter im Vordergrund.

 


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