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Atelier der Menschlichkeit

Kein Unterricht, keine Wissensabfrage. In Bergedorf ist ein Raum entstanden, in dem Menschen mit Demenz und ihre Partner oder Angehörige frei, kreativ, grenzenlos gestalten können. Seit April 2017 treffen sie sich im offenen Atelier im Haus im Park. Im Kulturzentrum der Körber-Stiftung  finden sie Zeit und Raum zur Begegnung mit Farben, Material, sich selbst und der Kunst. Die zwei erfahrenen Kunsttherapeuten Michael Ganß und Barbara Schaefer begleiten ihre Arbeiten. Herr und Frau Meier haben sich auf die Kreativwerkstatt eingelassen und sind Stammgäste geworden. Ein Bericht über Künstler und solche, die sich nicht als Künstler bezeichnen. Aber auch: eine Ermutigung an alle, die den Pinsel in ihren Farbkopf und Gedankentopf tunken wollen.

Kochgott! Superfrau! Künstler?

»Ich bin keine Künstlerin. Er ist es.«, sagt Frau Meier. Und fügt hinzu: »Er war es.« Dann zählt sie auf, was er früher alles machte, zum Beispiel Möbel herstellen oder fantastisch kochen. Die Teilnehmer des offenen Ateliers sitzen im Café des Haus im Park. Es werden nur noch Getränke serviert, Herr Meier wollte eigentlich Eis essen. »Die Gäste kamen und er ging in die Küche«, fährt Frau Meier fort. »Es war für alle selbstverständlich zu warten, denn was er in der Küche zauberte, war Gaumengenuss, hohe Kunst, Kochkunst.« Herr Meier legt seine Hand auf die seiner Frau, grinst und klärt die Zuhörer auf: »Sie ist eine Superfrau.«

Drei Stunden zuvor. Der Kochgott trottet langsam Richtung Atelierraum und wird von den Künstlern Michael Ganß und Barbara Schaefer freudig begrüßt. Seine Superfrau ist irgendwo hängen geblieben, quatscht noch am Eingang. Es ist Dienstag, 14.28 Uhr. Gleich beginnt das offene Atelier in Bergedorf. Das Ehepaar Meier ist hier Stammgast. Als Frau Meier schließlich eintritt und die zweite Begrüßungsfanfare ertönt, schweifen die Blicke bereits neugierig durch den Raum.  Die Fingerspitzen kribbeln und irgendwo in der Magengrube zwickt die Aufregung. Vier Tische stehen im Quadrat zueinander. Am Raumende häufen sich auf einem weiteren Tisch Acryltuben und Papierschnipsel, leere Kaffeekapseln und bunte Knöpfe, ein riesiger Tonklops, Filzstifte, Aquarellfarbe, gelbes Band, Zeugs, Krams, Gedankenfutter. Das Arrangement ähnelt einem Buffet. Allerdings werden hier keine Sahnetorten serviert, sondern Kunsthäppchen. Es ist einladend, die Gäste bekommen Hunger. Doch bevor irgendjemand zuschlagen kann, wendet sich Michael Ganß vom Materialaperitif ab.

 »Wollen wir?« Zustimmendes Gemurmel, die Teilnehmer verlassen den Raum, der Künstler führt alle zu einem Gemälde ins Foyer. Während sich jeder positioniert, setzt, stellt, werden die Neuen in der Gruppe aufgeklärt. Das offene Atelier beginnt immer mit einer gemeinsamen Bildbetrachtung. Weite Farbflächen, Konturen und Umrisse im ausgewählten Werk laden ein, dass der Eine darin eine Personengruppe erkennt, der Andere hingegen die Umrisse einer Stadt. Frau Meier wiederum entdeckt auf der Leinwand einen Hut. Die Stimmung ist gelöst; niemand muss, jeder kann reden. Die Gedanken sind frei, sie fliehen vorbei, durch den Kopf und manchmal aus dem Mund. Das schafft einen perfekten Ausgangspunkt für die kommende, freie Arbeit im Atelier. Denn die gemeinsame Besprechung des fremden Werkes verdeutlicht:  Eine »richtige« oder »falsche« Wahrnehmung gibt es in der Kunst nicht.  Auch Herr Meiers verwundertes »Wofür?« findet seinen gleichberechtigten Platz in der Runde.

Das offene Atelier - fester Termin, kuriose Zeitzone

Das »Wofür?« flattert mit, als die gesamte Gruppe wieder in den Atelierraum schreitet. Herr Meiers Ausrufe, sein »Wofür?« und das ausdrucksstarke »Mannomann!«,  takten die Stunden im Atelier; wie ein sehr eigenwilliger Minutenzeiger, der seine Uhr neu ausrichtet. Die Wörter haben ihre Berechtigung in dieser kuriosen Zeitzone, in der sich jeder Teilnehmer ungezwungen bewegen kann – Krankheit hin oder her. Denn wenn das Ziffernblatt durcheinander ist oder einfach wegfällt, entfaltet sich die Kunst wie von selbst. Das weiß vor allem Michael Ganß. Seit den 80er Jahren gestaltet der Kunsttherapeut und Gerontologe bereits künstlerische Räume, in denen Menschen mit Demenz ihre Gedanken, Gefühle und Fragestellungen artikulieren können.  Während des offenen Ateliers in Bergedorf bestärkt er alle Teilnehmer, mit Farbe und Form zu experimentieren. »Es geht mir hier nicht um Beschäftigung. Auch nicht um das Produzieren von schönen Dingen. Es geht vielmehr um die Heranführung an das künstlerische Tun«, erklärt der Künstler. Zentral sei dabei das An-die-Hand-Geben eines Ausdrucksmittels.

Nicht jeder Gast weiß im Atelier immer sofort, was er oder sie ausprobieren möchte. Michael Ganß und Barbara Schaefer unterstützen dann, das Eigene zu finden und umzusetzen. Wegweisend kann der Wunsch nach einer Farbe, ein Impuls zu einer Bewegung oder ein inneres Bild sein. Im sicheren Bauch des Ateliers können die Teilnehmer ihren Pinsel in den ureigenen Farb- und Gedankentopf tunken. Der menschlichen Palette sind plötzlich keine Grenzen gesetzt und eine Auseinandersetzung jenseits von Krankheit, jenseits von Sprache entsteht. 

Kunst als Freiraum – wo Eigensinn und Leichtsinn flirten

So kommt der Kunst an diesen Dienstagen zwischen 14.30 Uhr und 17.30 Uhr eine entscheidende Rolle zu: Sie ist der Freiraum. An diesem Ort können sich alle vollkommen frei artikulieren - ohne bestimmten Gesetzen folgen zu müssen. Plötzlich flirten Eigensinn und Leichtsinn miteinander, das Spiel mit den Möglichkeiten kichert über die Realität. In einem solchen künstlerischen Tun spielt die Diagnose Demenz keine Rolle mehr. Beide Partner arbeiten gleichberechtigt an ihren Kunstwerken. So unterschiedlich die Gedanken und Lebensumstände eines jeden gerade sind, so divers gestalten sich die wöchentlichen Kunstexkurse. Herr Meiers Pinsel zum Beispiel fliegt an diesem Nachmittag zielgerichtet über das Blatt Papier. Langsam erhebt sich aus den Farben und Strichen ein Schiff. Rauch pafft aus seinem Schornstein, Wasser und Wellen schwappen um den Pott. Ehe sich die anderen Teilnehmer versehen, ist auf dem Papier eine Bewegung nach oben festgehalten, die Herrn Meier nahezu die nasse Brise ins Gesicht pustet. Dennoch ist er mit dem Resultat nicht zufrieden, die Schiffsspitze ist nicht in Ordnung: »Schrotti. Klappt gar nicht heute.« Während seiner Hand bereits ein Motiv entsprungen ist, grübelt seine Ehefrau noch. Sie weiß heute einfach nicht, was sie möchte. Sie sei ja keine Künstlerin, betont Frau Meier.

Im Atelier ist es ruhig, plötzlich wird geredet. Frau Meier erzählt von Stoff- und Schürzenmalerei, vom Skypen und Computern. Ab und an stehen die Teilnehmer auf. Frau Meiers farbenfrohes Gemälde zieht Nachbarblicke hypnotisch an. Auf den anderen Tischen verwandeln sich Papierschnipsel in Treibgut, Tonklumpen werden zum Leben erweckt, eine Tonfigur entfacht gar eine rege Gender-Diskussion: »Das ist ein Mann!« -  »Nein, eine Frau.« - »Ich erkenne das an der Haltung.« - »Aber schau dir das Gesicht an!« Immer wieder geht jeder zurück an den eigenen Platz und versinkt ins eigene Werk. In einem solchen Moment erkundigt sich Künstlerin Barbara Schaefer nach den Lieblingswörtern aller Beteiligten. Nicht jedem fällt darauf eine Antwort ein. Frau Meier aber liebt die »Enkelkinder«. Auch Herr Meiers ist pfeilschnell, sein Wort knackig: »Glück«. Zustimmendes Gemurmel. »Stimmt, Glück. Klingt schön.« Aus einem Aquarell faltet Barbara Schaefer ein kleines Buch, in dem sie alle Lieblingswörter notiert.

Als Michael Ganß am Schluss der Atelierstunde die Künstler aus ihrer Blase holt, setzen sich die Teilnehmer noch einmal zusammen. Wie zu Beginn schaut sich die Gruppe wieder Kunstwerke an. Dieses Mal steht jedoch nicht das fremde Gemälde aus dem Foyer im Mittelpunkt, sondern die eigene Kunst, die in den letzten Stunden im Inneren, im Atelier, entstanden ist.  Die Diskussion um die männlich-weibliche Tonfigur entfacht erneut. Herr Meiers Schiffsrauch wird hinterhergeträumt. Frau Meiers buntes Gemälde erinnert Michael Ganß an ein Gerhard-Richter-Bild.  Das taktende »Wofür?« taucht auch wieder an die Oberfläche. Wieder ist es Herr Meier, der das Aufbruchssignal gibt. Im Café des Haus im Park schweben die Farbmelodien noch über den Köpfen, Pinselstriche pochen durch die Herzen, Acrylberge und Tonhügel erheben sich in den Hinterköpfen. »Ich bin keine Künstlerin. Er ist es.«, sagt Frau Meier. Und fügt hinzu: »Er war es.« Es werden nur noch Getränke serviert, Herr Meier wollte eigentlich Eis essen. Als alle aufstehen, Schals um die Hälse geworfen und Handtaschen aufgehoben werden,  wird Herr Meier gefragt, welches sein Lieblingseis sei. Er sagt: »kaltes«. Und zwinkert verschmitzt. In dem Augenblick wird klar, wieso Herr Meiers Lieblingswort »Glück« lautet, wieso seine Frau und er Künstler sind – obwohl sie selbst daran zweifeln. Lebenskünstler.

Alexandra Brucker


Das offene Atelier findet 14tägig statt, der Einstieg ist jederzeit möglich. Weitere Infos finden Sie im Programmheft des Haus im Park (PDF).

Kontakt

Constanze Claus
Programmleiterin
Kulturimpulse für Hamburg
Kulturvermittlung

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 186
E-Mail claus@koerber-stiftung.de

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