X

»Was damals neu und gewöhnungsbedürftig war, ist schon längst Teil unserer Sehgewohnheit geworden!«

Vom Wertewandel und einer Kulturrevolution ist häufig die Rede, wenn über die gesellschaftlichen Veränderungen gesprochen wird, die durch die 68er ausgelöst wurden. Während etwa im Theater neue politische Ausdrucks- und Organisationsformen ausprobiert, die Musik zum Taktgeber des Protests und die Kunst Mittel der (Selbst)Liberalisierung wurden, nimmt das damals immer noch junge Medium Film eine besondere Stellung ein. Es wird experimentelles Werkzeug zur Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen – »eine Art Seismograph«, wie Kunst- & Filmhistorikerin Anja Ellenberger sagt. Im Interview zu den Kurzfilmabenden »68 Pop und Protest – Experiment! I + II« spricht sie über den Zeitgeist der neuen Filmschaffenden und deren Einfluss auf Ästhetik, Gesellschaft und Kultur damals wie heute. 

Frau Ellenberger, was hat Sie daran gereizt, im Rahmen der Ausstellung „68 - Pop & Protest“ im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zwei Kurzfilmprogramme zu 1968 zu kuratieren?

Ich beschäftige mich seit längerem mit der Zeit der 1960er im Film. Das intensivierte sich dann nochmal durch meine Auseinandersetzung mit der Hamburger Filmmacher Cooperative, die Ende 1967 nach dem Vorbild der US-amerikanischen Filmmakers‘ Cooperative gegründet wurde und 1968 die inzwischen legendäre 1. Hamburger Filmschau Veranstaltete. Helmut Herbst, der Mitbegründer der Coop war und in den 1960ern mit seinem Animationsstudio cinegrafik regelmäßig für den NDR arbeitete, kontaktierte mich, weil er fand, dass es Zeit war, sich mehr diesem Teil der Hamburger Film- und letztendlich auch Fernsehgeschichte zu widmen. Das lenkte meinen Blick noch einmal stärker auf dieses Jahrzehnt, in dem so viele Gegensätze aufeinanderprallten und sich durch Mode oder Popkultur genauso wie durch politische Konfrontationen wie den Vietnamkrieg oder die Auseinandersetzung in der alten BRD mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zogen und zunehmend auch die Gräben zwischen den Generationen vertieften.

Was ich daran so spannend fand, ist, wie das eigentlich vorher eher träge Medium Film dank neuer, handlicherer Kameras zunehmend zu einer Art Seismograph gesellschaftlicher, politischer und ästhetischer Entwicklungen wurde. Junge Filmemacher*innen und Künstler*innen nutzten die Möglichkeiten, die sich hier eröffneten, um sich neben formalen Experimenten auch Themen jenseits des gesellschaftlich goutierten Mainstreams zu widmen. Einige davon erkannten frühzeitig, dass das Massenmedium, das es zu erobern galt, eigentlich nicht mehr das Kino war, sondern das Fernsehen werden würde!

Gibt es einen oder mehrere Aspekte, welche die Filme der beiden Abende von »68 Pop und Protest – Experiment!« miteinander verbinden?

In meiner Auswahl habe ich versucht, einen kleinen Einblick in das Spektrum ästhetischer Innovationen, aber auch der Themen zu geben, die die Künstler*innen beschäftigten. So sehr auch die 1960er Jahre in den westlichen Staaten durch wachsenden Konsum und Wohlstand gekennzeichnet waren, so sehr zeigen die ausgewählten Filme, dass Filmemacher*innen darüber hinaus nach den Randgestalten der Gesellschaft Ausschau hielten, Geschlechter- und Rollenverhältnisse in Frage stellten etc. Außerdem gewähren die Spots, die das cinegrafik-Studio für den NDR drehte, einen Blick zurück auf eine Zeit, als der Glaube daran, dass Fernsehen ein Aufklärungsmedium werden könne, noch sehr stark war.

1968 gilt ja vielen als westdeutsches oder westeuropäisches Phänomen. Ihre Filmauswahl zeichnet dagegen ein anderes Bild.

2012 stand das große Jubiläum rund um das Oberhausener Manifest an, in dem 1962 eine Gruppe junger Westdeutscher ‚Papas Kino‘ für tot erklärt hatte. Damals schauten alle auf die filmischen Aufbruchsbewegungen der 1960er Jahre. Ich fragte mich, wie es damit wohl hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘ aussah, immerhin gibt es in dieser Zeit nicht nur im Westen gesellschaftliche und politische Veränderungen. Wie ließ sich das im Kurzfilm nachvollziehen? Gemeinsam mit meinem Co-Kurator Claus Löser entstand daraus ein ganzer Kurzfilmschwerpunkt, den wir 2012 beim Filmfest Dresden vorstellten.

Diesen Filmen auch in den beiden Hamburger Programmen Raum zu geben, war mir wichtig. An der zeitgenössischen Rezeption bzw. Zensur zeigt sich sehr deutlich, wie sehr der Film zu dieser Zeit noch Instrument staatlicher Kontrolle bis hin zu Repression sein konnte. Mit dem, wie sie gestaltet waren aber, offenbart sich auch eine unglaubliche Lust am kreativen Umgang mit dem Bewegtbild! Und man sieht Parallelen zu den Entwicklungen im Westen im Ästhetischen wie im Politischen, wenn man bedenkt, dass es 1968 auch in Polen studentische Demonstrationen gab, der Prager Frühling niedergeschlagen wurde oder es im damaligen Jugoslawien zu Liberalisierungen kam.

Betrafen die Veränderungen, die Aufbrüche und Innovationen eher die Ästhetik des Filmemachens oder auch die Strukturen der Filmbranche?

Wie man’s nimmt: einerseits stehen Gründungen wie die der Hamburger Filmmacher Cooperative exemplarisch für die Suche nach neuen Inhalten und neuen ästhetischen Formen. Andererseits war die Coop auch ein Ort für Filmproduktion und Distribution. Nur, dass sich hier sehr schnell die Grenzen des Experiments zeigten, da letztendlich kaum jemand Geld damit verdienen konnte. In der Folge aber führten die hier begangenen neuen Wege dazu, dass Filmleute staatliche Unterstützung einforderten, um auch weniger kommerzielle Filme drehen zu können – die Institutionalisierung der Filmförderung, wie wir sie heute kennen, sind Produkt dieser Zeit. Auch unseren kommunalen Programmkinos und unsere Festivallandschaft fußen darauf, nicht nur dem Filmkommerz zu frönen, sondern Film als Kunst und wichtiges kritisches Organ zu zelebrieren.

Wodurch zeichnet sich das Politische in den Arbeiten aus? Worin zeigt es sich?

1968 ist das Jahr, in dem neben den obligatorischen Karl May-Verfilmungen und Schulmädchen-Reports auch Produktionen wie MORGENS UM SIEBEN IST DIE WELT NOCH IN ORDNUNG und dergleichen hoch im Kurs der Zuschauer*innengunst standen. Allein davon abzuweichen erscheint vor allem im Rückblick nahezu radikal! Beispielsweise zeigen junge Frauen statt schlüpfriger Filmzoten einen selbstbewussten Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität. Junge Filmschaffende thematisieren zu der Zeit die Bruchstellen im politischen und gesellschaftlichen System.

Auf welches Echo stieß der neue Film: War es ein Nischenphänomen, ein Szenephänomen? Und inwieweit hat sich das Kino und unser Blick dadurch verändert?

Zeitgenössisch blieben viele der Filmexperimente Randphänomene. Schaut man auf die heutige Kino- und Fernsehlandschaft, ließe sich vermuten, dass sich eigentlich nichts verändert hat. Aber tatsächlich zeigen die ausgewählten Filme, wie viel sich inzwischen gesellschaftlich, aber auch in unserem ästhetischen Empfinden gewandelt hat. Selbst wenn dem experimentelleren Film häufig der Zuschaueransturm versagt bleibt, schauten und schauen andere Filmschaffende sehr genau hin, wenn sich irgendwo auch nur der Anklang einer Innovation auftut. Und vieles was damals in der Ästhetik, den Inhalten oder der Narration neu und gewöhnungsbedürftig war, ist für uns schon längst Teil unserer Sehgewohnheit geworden!
 

Kontakt

Kai-Michael Hartig
Leitung Bereich Kultur

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 182
E-Mail hartig@koerber-stiftung.de

to top