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Nachrichten-Archiv
  • Begegnung mit einer Zeitzeugin<br />(Foto: Philippa Hill)

  • Johanna, Antonio und Moritz im Gespräch mit Ulrich Waller<br />(Foto: privat)

  • - Meldung

    Deutsch-italienische Geschichtsaufarbeitung in der Toskana

    Deutsche und italienische Jugendliche beschäftigten sich in Castelnuovo Berardenga in einem GeschichtsCamp mit den von deutschen Soldaten 1944 verübten Massakern in der Toskana. Die Jugendlichen trafen dabei auch Überlebende und Nachkommen der Opfer und Täter.

    Der 19-jährige Antonio ist sich sicher: »Das Theater hat ganz eigene Mittel, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen«. Über ihre Erfahrungen bei der Premiere des ganz besonderen Theaterprojekts sprachen drei junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines deutsch-italienischen EUSTORY GeschichtsCamps noch einmal mit Ulrich Waller, dem künstlerischen Leiter des St. Pauli-Theaters in Hamburg.

    Dieses Treffen bildete den vorläufigen Schlusspunkt ihrer intensiven Beschäftigung mit der Geschichte der Verbrechen der Wehrmacht und der Waffen-SS in der Toskana zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Jugendlichen hatten zusammen mit Einwohnern des Ortes San Gusmé in der Toskana die Premiere des Stücks »Albiccoche rosse« (Blutige Aprikosen) besucht, das Herr Waller zusammen mit einem kleinen Team von deutschen und italienischen Dramaturgenkollegen entwickelt und auf dem dortigen Dorfplatz aufgeführt hatte. Die deutsch-italienische Gemeinschaftsproduktion entstand vor Ort mit Laienschauspielern und beschäftigte sich mit der historischen Situation der Deutschen und Italiener in der Toskana Ende des Zweiten Weltkriegs. Es endete mit der Rezitation von Augenzeugenberichten des Massakers vor Ort, die so dort bisher noch nicht gehört worden waren.

    Die Annäherung an die gewalttätige Geschichte mit den Mitteln des Theaters war in der Toskana in diesem Sommer nur ein Element einer ganzen Reihe von Aktivitäten in der Region anlässlich des 70-jährigen Gedenkens an die Massaker in Norditalien.

    Die Körber-Stiftung hatte für deutsche und italienische Jugendliche in Castelnuovo Berardenga das GeschichtsCamp »Toskana 1944-2014: Kriegsverbrechen von Wehrmacht und SS im Familiengedächtnis und in der deutsch-italienischen Erinnerungskultur« veranstaltet. Die Jugendlichen beschäftigten sich mit den von deutschen Soldaten im Jahre 1944 verübten Massakern in der Toskana. Im Rahmen des GeschichtsCamps hatten sie intensive Begegnungen mit Zeitzeugen: Überlebende sowie Kinder von Opfern und Tätern der Massaker in der Toskana. Diese befragten sie zu ihren Erlebnissen und zum Umgang damit vor dem Hintergrund des offiziellen Gedenkens in Italien und Deutschland.

    Bei ihrer Exkursion nach San Pancrazzio und nach Civitella, wo 1944 Massaker stattgefunden hatten, kam es zu bewegenden Szenen, als die Jugendlichen am historischen Ort des Massakers ungeplant mit Nachkommen von italienischen Opfern sowie einem Sohn eines deutschen Täters zusammentrafen. Diese trafen sich das erste Mal und verbrachten den Tag zusammen, sprachen über Erlebnisse und Erinnerungen. Insgesamt trafen die Jugendlichen fünf Italiener, die die Massaker als Kind überlebt hatten. Die Begegnungen haben für alle Beteiligte deutlich gemacht, wie sehr die Ereignisse von 1944 über die Generationen weiterleben, zum Teil vollkommen unbewältigt, und wie sie Einfluss auf das Leben in der Gegenwart haben.

    Die Jugendlichen besuchten auch einen parallel stattfindenden deutsch-italienischen Historikerkonvent, bei dem Fachleute aus beiden Ländern den Forschungsstand sowie Ergebnisse der binationalen Historikerkommission zur deutsch-italienischen Kriegsvergangenheit zum Ende des Zweiten Weltkriegs diskutierten. Die Historikerin Kerstin von Lingen, Teilnehmerin des Konvents, hatte sich Zeit genommen und beim GeschichtsCamp anhand von Feldpostbriefen eine historische Einführung in die komplexe Kriegssituation in der Toskana 1944 nach dem Sturz von Mussolini gegeben.

    Als Schlusspunkt ihrer Seminarwoche besuchten die Jugendlichen die Theaterpremiere, über die nun einige von ihnen noch einmal mit Ulrich Waller sprechen konnten. Eine Dokumentation über das Theaterprojekt soll Ende des Jahres im St. Pauli-Theater gezeigt werden, der Termin wird noch festgelegt.

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