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Interview

Moderne Geschichtsvermittlung in Minsk

Der belarussische Historiker Aliaksandr Dalhouski sprach am Rande des Körber History Forums mit der Journalistin Gemma Pörzgen über die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus im europäischen Kontext, Stalinismus als »weißen Fleck« in der Erinnerungskultur und den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Belarus.

Aliaksandr Dalhouski ist wissenschaftlicher Referent in der Minsker Geschichtswerkstatt »Leonid Lewin« des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks.

Welche Rolle spielt die Geschichtswerkstatt in Minsk für die Erinnerungskultur?

Die Geschichtswerkstatt spielt eine wichtige Rolle. Wir beschäftigen uns mit dem Holocaust und befinden uns an einem historischen Ort auf dem Territorium des Minsker Ghettos. Wir stehen in enger Zusammenarbeit mit deutschen Historikern und haben aktuell eine Wanderausstellung »Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung« zusammen mit der Stiftung »Denkmal für die ermordeten Juden Europas« in Berlin und Historikern aus Wien, Prag und Terezin entwickelt. Darin geht es darum, zu verstehen, was in dem Vernichtungslager Malyjn Trostenez in der Nähe der Hauptstadt Minsk während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg geschah. Noch vor wenigen Jahren war so ein Projekt kaum vorstellbar. Jetzt war das staatliche Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk als Kooperationspartner beteiligt.

Wie wichtig ist so eine europäische Zusammenarbeit?

So eine Kooperation ermöglicht es, an die europäische Erinnerungskultur anzuknüpfen und bedeutet einen wichtigen Wissenstransfer. Wir lernen dabei viel über moderne Museumspädagogik. Traditionell gestalten wir in Belarus so eine Ausstellung eher noch auf sowjetische Art, mit Medaillen und Waffen, eben militaristisch. Als Historiker lerne ich in der Zusammenarbeit viel über moderne Geschichtsvermittlung, bei der die Erzählungen von Zeitzeugen und ein biographischer Zugang eine größere Rolle spielen. Wenn man sich mit den Menschen und ihren Schicksalen beschäftigt, kommt es auch zu einer stärkeren Differenzierung der Opfer. Das waren nicht nur Juden, sondern auch geisteskranke Menschen oder Sinti und Roma. Über diese Opfer haben wir in Belarus kaum gesprochen.

Wie geht weiter?

Die Wanderausstellung war bereits in Hamburg und Minsk zu sehen und reist jetzt weiter. Parallel wurde ein Online-Zeitzeugenarchiv in der Geschichtswerkstatt eingerichtet, das sich den verschiedenen Opfergruppen widmet. Finanziert wird das vom Auswärtigen Amt in Berlin. Auch bei dem aktuell laufenden Geschichtswettbewerb für Schüler und Studenten zum Thema Vernichtungsorte in Belarus geht es um diese verschiedenen Opfergruppen. So stehen nicht nur die Helden der Nationalgeschichte im Vordergrund, sondern auch die Opfer bekommen eine Stimme.

Nun gilt Belarus eigentlich als autoritärer Staat. Offenbar gibt es aber trotz  ideologischer Grenzen einen gewissen Freiraum für Ihre Arbeit und die Kooperation mit ausländischen Historikern?

Ich bin stolz, dass ich eine so positive Erfahrung gemacht habe. Einfach ist es nicht. Inwieweit unser Beispiel repräsentativ ist, kann ich schwer einschätzen. Obwohl es nach wie vor verschiedene Ideologieabteilungen gibt, die hin und wieder als Zensoren auftreten,  existieren für unsere Arbeit gewisse Nischen. Allerdings kann ich mir eine vergleichbare Wanderausstellung zu stalinistischen Verbrechen oder zum Thema Menschenrechte in Belarus schwer vorstellen.

Wie kommt Ihre Arbeit in Belarus an, vor allem bei jungen Leuten?

In gewisser Weise wird die Geschichte neu entdeckt. Ich habe selbst diese Erfahrung gemacht. Früher habe ich mich vor allem mit Jahres- und Opferzahlen befasst, nicht aber mit einer  kritischen Geschichtsbetrachtung. Es gab die vereinfachte Darstellung von sowjetischen Opfern und bösen Deutschen. Wir versuchen die Geschichte des Holocaust in der offiziellen Geschichtsschreibung und in der erinnerungspädagogischen Arbeit in Belarus zu verankern.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben das jüdische Leben in Belarus komplett vergessen, obwohl es ein wichtiger Bestandteil unserer eigenen Kultur war. In Folge des Holocaust und der Sowjetisierung ist das  verschwunden. Heute gibt es ein neues Interesse für das jüdische Leben vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Das könnte auch ein wichtiger Schwerpunkt der Geschichtswerkstatt werden.

In diesem Jahr ist die Russische Revolution hundert Jahre her. In Russland weiß die Kremlführung nicht so richtig, was sie mit diesem Gedenkjahr anfangen soll. Wie ist das in Belarus und gibt es Gedenkfeierlichkeiten?

Zur sowjetischen Zeit war das der wichtigste Feiertag, noch wichtiger als der Tag des Sieges am 9. Mai. Das ist heute völlig anders. Der Feiertag ist gleich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Belarus verschwunden. Die junge Generation kann mit der Russischen Revolution und ihren Führern nur noch wenig anfangen. Es gibt zum Jubiläum keine neuen Geschichtswerke in den Buchhandlungen und ich weiß auch nichts von offiziellen  Feierlichkeiten, außer einer Kranzniederlegung vor dem Lenin-Denkmal. Unter der Herrschaft von Präsident Aleksandr Lukaschenka gab es zwar durchaus Tendenzen der Resowjetisierung, aber dabei ging es mehr um den Großen Vaterländischen Krieg und das Kriegsende am 9. Mai. Das wird auf bestimmte Weise  nationalisiert, sodass der belarussische Anteil an dem Sieg über Hitler-Deutschland stark im Vordergrund steht. Die Oktoberrevolution von 1917 spielt dagegen fast keine Rolle.

Die Geschichtswerkstatt Minsk wurde 2003 als Gemeinschaftsprojekt der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte »Johannes Rau« in Minsk, des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund und dem Verband der jüdischen Gemeinden und Organisationen in Belarus gegründet. 2015 wurde sie in »Geschichtswerkstatt Leonid Lewin Minsk« umbenannt. Der aktuelle Geschichtswettbewerb für Schüler und Jugendliche, den die Geschichtswerkstatt anlässlich der Sonderausstellung einmalig organisiert, lehnt sich in Methodik und Systematik an die Geschichtswettbewerbe des EUSTORY-Netzwerks an.


Weitere Informationen zum Körber History Forum 2017 
Weitere Informationen zum EUSTORY-Netzwerk


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