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Nachrichten-Archiv
  • Vera Shutin (2. v. l.) mit Mitschülerinnen und Mitschülern vor der ehemaligen Synagoge in München, die heute eine Sing- und Musikschule ist
  • Vera Shutin
  • Vera Shutin (3. v. r.) mit Mitschülerinnen und Mitschülern vor dem Jüdischen Stadtmuseum in München
  • Interview

    »Raum für Trauer«

    Vera Shutin geht in die 9. Klasse des jüdischen Gymnasiums in München. Vor zwei Jahren drehte sie zusammen mit Mitschülerinnen und Mitschülern den Film »Spuren im Sand«, der sich mit der Geschichte eines hebräischen Gymnasiums zwischen den Jahren 1946 und 1951 in München beschäftigt. Für ihren Beitrag wurde die Gruppe beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2018/19 mit einem Landessieg ausgezeichnet. Sally Wichtmann hat mit Vera anlässlich des Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar gesprochen.

    Vera, wie kamt ihr auf die Idee, einen Film über die Geschichte des hebräischen Gymnasiums in München zu drehen? 
    Uns war von Anfang an klar, dass es in unserem Projekt um jüdisches Leben nach dem Zweiten Weltkrieg gehen soll. Mit dem hebräischen Gymnasium haben wir uns gleich zu Anfang unserer Recherche beschäftigt, es dann aber als Thema zwischendrin verworfen und dann doch wieder aufgegriffen – denn wir stellten fest, dass viele Wege auf das hebräische Gymnasium zurückführen. Das liegt unter anderem daran, dass der ehemalige Standort der Schule mitten im Zentrum jüdischen Lebens in München lag. 

    Und wie seid ihr vorgegangen, als das Thema dann feststand? 
    Anfangs haben wir Szenen gedreht, die mit dem eigentlichen Thema gar nicht unbedingt etwas zu tun haben. Wir haben so getan, als wären wir diese Kinder und würden auf diese Schule gehen: Sie sind damals oft mit der Tram in ihre Schule gefahren – deshalb haben auch wir die Tram benutzt, um uns in das Geschehen reinzudenken. Wir sind den Schulweg abgegangen, bis hin zum alten Gebäude, wo die hebräische Schule einmal war. Wir haben dann die Leute vor Ort befragt, wobei uns unsere Schulleiterin und auch unsere Lehrerin geholfen haben. Unser Besuch im jüdischen Stadtmuseum am Jakobsplatz war hilfreich, um mehr über das Leben der jüdischen Menschen in München vor dem Holocaust herauszufinden. Wir haben uns die ganze Zeit über viele Fragen gestellt: Wer lebte damals in München? Wer ist nach München gezogen? Und schließlich auch: Wer hat den Holocaust überlebt? Wir haben nach diesen Menschen gesucht. Dazu waren wir auch im Café Selig, das ist ein Café für Holocaust-Überlebende, und haben dort mit Leuten geredet, die uns ihre Geschichte erzählten. 

    Was war es für ein Gefühl, sich so intensiv mit dem Leben der Schüler und Schülerinnen des hebräischen Gymnasiums zu beschäftigen? 
    Wir haben uns ja nicht auf einzelne Schülerinnen oder Schüler bezogen, aber es war trotzdem sehr intensiv. Es war so, als ob man die Kinder, die dort zur Schule gegangen sind, verstehen könnte. Schließlich gibt es viele Gemeinsamkeiten: Auch wir haben Hebräisch im Unterricht. Die Schüler und Schülerinnen des hebräischen Gymnasiums waren, wie ich, in einem Klassenverbund, hatten Freunde, waren jüdisch, hatten gemeinsame Erlebnisse – auch wenn diese Erlebnisse nicht immer gut waren. Denn zwischen den jüdischen und nicht-jüdischen Menschen in München herrschte nach dem Krieg lange eine große Distanz. Man muss sich vorstellen, dass sie wahrscheinlich alle vom Krieg traumatisiert waren. Die jüdische Gemeinschaft blieb deshalb eher unter sich.

    Gibt es eine Erkenntnis, die ihr aus dem Filmprojekt mitgenommen habt? 
    Viele Menschen in München wissen gar nicht, dass es schon einmal eine jüdisch geprägte Schule in der Stadt gab. Auch mir war das nicht so klar. Deshalb war für mich die größte und bedeutsamste Erkenntnis, dass unsere Schule und das ehemalige hebräische Gymnasium viel stärker miteinander verbunden sind, als ich dachte. Das erste Gymnasium eröffnete unmittelbar nach dem Krieg. Die Schülerschaft bestand vor allem aus Juden und Jüdinnen aus Osteuropa, die als »Displaced Persons« in München gestrandet waren. Die Schule war damals eine Besonderheit, weil sie als eine der ersten jüdischen Bildungseinrichtungen nach dem Krieg die Vermittlung einer jüdischen Identität als wichtiges Ziel verfolgte. Viele an der Schule wollten aber langfristig in Israel leben. Nach der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 verlor die Schule deshalb eine Menge ihrer Schülerinnen und Schüler. 1951 schloss das Gymnasium seine Pforten. Meine Schule, das jüdische Gymnasium München, steht zwar nicht am selben Ort wie das alte hebräische Gymnasium, aber auch wir beschäftigen uns viel mit jüdischer Kultur. Unsere Schule knüpft dadurch an die Tradition des hebräischen Gymnasiums an. 

    Am 27. Januar wird der Opfer des Holocaust gedacht, wie wichtig ist dir dieser Tag?
    Ich finde Gedenktage sind sehr wichtig, weil man sich an diesen Tagen an die Vergangenheit und auch an die Fehler der Vergangenheit erinnert. Wenn man diese Fehler vergisst, kann man sie in der Zukunft wieder machen. Gedenktage sind außerdem nicht nur für Menschen wichtig, die sich daran erinnern sollen, sondern auch als Gedenken an verlorene Familienmitglieder und als Raum für Trauer.

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