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  • Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

  • - Meldung

    Zum Umgang mit Diktaturerfahrung im Familiengedächtnis

    Das Schweigen beenden und sich mit vermeintlichen Tabuthemen auseinandersetzen, die jahrelang im Familiengedächtnis wie ausgelöscht waren – viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Geschichtswettbewerbs verfolgen in ihren Beiträgen dieses Anliegen.

    Zum Rahmenthema »Anders sein. Außenseiter in der Geschichte« haben sich viele Jugendliche mit Diktaturerfahrungen im Familiengedächtnis beschäftigt.

    Die 16-jährige Finja Marie untersuchte ausgehend von den Biografien ihres Großvaters und ihrer Großtante ein lange verschwiegenes Thema: das Schicksal der unehelichen Kinder von SS-Männern. Sie stellt fest: »Ich glaube, die für alle Betroffenen schlimmste Erfahrung bestand darin, mit dem Gefühl bzw. dem Wissen zu leben, dass etwas sehr Gravierendes vor ihnen verheimlicht wurde.« Es zeigt sich, dass das Sprechen über Kriegserinnerungen und Folgewirkungen des Krieges ein bis heute in vielen Familien sensibles Thema ist. Im privaten Bereich überwiegen oftmals noch immer das Schweigen, die Lüge oder das Vergessen. Diese Psychologie des Verdrängens versuchen die Schülerinnen und Schüler zu »durchbrechen«, indem sie Fragen stellen und Nachforschungen anstellen. Für viele scheint das Schweigen dabei zunächst nur schwer nachvollziehbar und unverständlich. Erst die konkrete Auseinandersetzung mit den Erfahrungen ihrer Großeltern oder weiterer Familienmitglieder führt dazu, dass auch sie die Entwicklung der Gesellschaft besser nachvollziehen können. Finja Marie fügt ihrem Fazit an: »Diese Kinder von damals sind heute Eltern und Großeltern. Vielleicht haben ihre Erinnerungen und Erfahrungen dazu beigetragen, dass die Gesellschaft offener und ,anders‘ als damals geworden ist und ich heute in der Enkel- bzw. Urenkelgeneration davon profitieren kann.«

    Doch ausgehend von einzelnen persönlichen Familienschicksalen stellt sich auch die Frage, wie der Staat mit Diktaturerfahrungen und Erinnerungskultur umgeht beziehungsweise umgegangen ist. Für einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer war vor allem die Frage interessant, wie die DDR und die Bundesrepublik mit diesem Thema umgingen. Die 17-Jährige Katharina stellt nach ihrer Analyse der Situation von Halbwaisen in der Nachkriegszeit fest: »Tatsächlich wurde bis Mitte der 1950er Jahre die Erfahrung des Krieges aus kindlicher Perspektive kaum thematisiert. In der DDR wurde die Situation der vaterlosen Halbwaisen nicht einmal explizit öffentlich angesprochen, während in der Bundesrepublik, wenn auch nur vereinzelt, kirchliche, sozialwissenschaftliche und pädagogische Fachzeitschriften das Schicksal der Halbwaisen und ihrer Mütter thematisierten.« Die Schülerin stellt heraus, dass in beiden deutschen Staaten zentrale Fragen warten mussten, um in den Fokus der Aufarbeitung der Diktaturerfahrung zu gelangen. Gleichzeitig skizziert sie bereits Unterschiede im Umgang mit der Erinnerungskultur zwischen beiden Staaten.

    »Von enormer Bedeutung ist, dass wir diese Vergangenheit nicht vergessen dürfen.« Mit diesen Worten schließt die 19-jährige Pina ihren Beitrag, in dem sie schwerpunktmäßig den Umgang mit ausländischen Gastarbeitern thematisiert. Die Appelle »Nicht vergessen« und »sich erinnern« lassen sich in vielen der Beiträge finden.

    Mehr als 5.000 Kinder und Jugendliche haben sich mit 1.563 Beiträgen am diesjährigen Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zum Thema »Anders sein. Außenseiter in der Geschichte« beteiligt. Die Beiträge spiegeln dabei das zentrale Anliegen des Wettbewerbs wider: Anhand persönlicher Erfahrungen und Schicksale im familiären Umfeld wagten sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer an bisherige Tabuthemen, analysierten diese in ihrem historischen Kontext und schlossen mit einem kritischen Blick auf die Erinnerungskultur im staatlichen und familiären Bereich. Dabei gingen sie auch der Frage nach, welche Bedeutung die Beschäftigung mit der Geschichte des DDR-Staats und den NS-Verbrechen zukünftig haben soll und beziehen selbst Stellung dazu.


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