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»Musikvermittlung ist ein Marathon, kein Sprint«

Die Oper als Experimentierfeld für Nachwuchskünstler und als Ort für den gesellschaftlichen Austausch. So begreift sich die opera stabile, die Studiobühne der Staatsoper Hamburg. Im Herbst 2015 startete das Kooperationsprojekt »opera stabile – a living lab«, das die Körber-Stiftung gemeinsam mit der Staatsoper Hamburg und weiteren Partnern ins Leben gerufen hat. Neugierig machen, neue Zugänge zur Musik legen und die Staatsoper mit gesellschaftlichen Themen positionieren will das auf drei Spielzeiten angelegte Projekt. Als Projektleiter der Staatsoper Hamburg für die opera stabile arbeitet Christoph Böhmke, erfahrener Kulturmanager und ehemaliger Stipendiat der Körber Masterclass on Music Education, an einer Öffnung des Hauses für unterschiedliche Zielgruppen. Nach zwei Spielzeiten ist es Zeit für eine Zwischenbilanz. Stephanie Lubbe, Programmleiterin Nachwuchskünstler der Körber-Stiftung, sprach mit ihm über neue Wege, um Menschen für die Oper zu begeistern.

Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Da es diese Position zuvor nicht gab, musste ich die Stelle eigentlich erst mal selbst mit Inhalt füllen. Also habe ich in den ersten Monaten die Möglichkeiten ausgelotet. Was kann ich tun? An wen meiner Kollegen in der Oper muss ich mich wenden und wer kann zum Partner werden? Inzwischen ist es selbstverständlich, dass ich auch mit der Musiktheaterpädagogin aufs Engste zusammenarbeite und zu einem Bestandteil des Teams der Dramaturgie geworden bin. Ich verstehe meine Arbeit als Schnittstelle zu den Abteilungen im Haus sowie als Bindeglied zwischen dem Haus und dem Publikum. Es fängt ganz banal bei der Vielzahl der Hausführungen an, die ich mache, und endet bei Projekten wie dem Workshop »Was bleibt von Deinem Zauber, Flöte?«, wo wir mit Menschen unterschiedlichster Herkunft ein Musiktheaterstück selbst erarbeitet haben.

MOJO CLUB, Flashmob auf dem Kiez, was war die verrückteste Idee, die du entwickelt hast?

In der Tat war wohl der Flashmob im Zusammenhang mit der Produktion »MiniBAR« die ungewöhnlichste Aktion, die wir als Staatsoper in den letzten zwei Jahren unternommen haben. Wenn eine Kammersängerin mit einem Mitglied des Opernstudios singend durch Hamburgs verrauchte Kneipen zieht und dabei staunende Nachtschwärmer irritiert aber neugierig zurücklässt, dann haben wir erfolgreich aufgezeigt, dass Musiktheater mehr sein kann als die klassische italienische Oper im Großen Haus vor einem mehrheitlich großbürgerlichen Publikum.

Dass eine solche Aktion für Aufmerksamkeit sorgt, kann ich mir leicht vorstellen, aber bewegt Ihr damit tatsächlich Kneipenbesucher dazu, in die Oper zu kommen?

Musikvermittlung in all ihren Facetten ist nur bedingt evaluierbar und wird nicht kurzfristig im Ticketsale messbar. Musikvermittlung ist eben ein Marathon und kein Sprint. 

Aber du hast sicher den Ehrgeiz auch kurzfristig viele Menschen zu erreichen, die normalerweise nicht zum traditionellen Opernpublikum gehören?

Wir haben jeweils zur Spielzeiteröffnung in 2016/17 und 2017/18 Partizipationsprojekte für die ganze Stadt initiiert. Teilhabe ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meines Tuns. Nur wenn Menschen sich beteiligen, identifizieren sie sich mit uns als Haus und in der Folge vielleicht auch mit dem, was wir als Kunstschaffende tun. So haben wir mit MoinMozart! und WagnerAhoi! Menschen aus Hamburg und ganz Norddeutschland eingeladen, mit uns musikalisch in die jeweilige Spielzeit zu starten und die Saisoneröffnung unter freiem Himmel am Jungfernstieg zu feiern.

Eine »Zauberflöte« findet in der Regel leicht ihr Publikum, aber wie lässt sich ein Publikum für zeitgenössische Musik begeistern?

Wenn zeitgenössische Musik auch zeitgemäße Themen besetzt, wie zum Beispiel den Themenkomplex rund um die Atomkatastrophe in Fukushima in Hosokawas Oper »Stilles Meer«, ist es leichter, Menschen über diese Themen für die Musik zu interessieren. Mit einer Ausstellung des französischen Fotokünstlers Denis Rouvre mit Porträtaufnahmen von Überlebenden des Tsunamis habe ich seinerzeit die Architektur des Hauses genutzt und die Foyers zum Schaufenster in die Stadt werden lassen. Das hat Aufmerksamkeit erregt und uns sicher auch den ein oder anderen Zuhörer ins Haus gebracht. Dennoch bleibt zeitgenössische Musik auch für mich die große Herausforderung.

Wo zeigen sich die Schwierigkeiten hierbei?

Wenn wir im Rahmen der Kooperation mit der »Akademie Musiktheater heute« der Deutsche Bank Stiftung neue Werke auf die Bühne der opera stabile bringen, zeigt sich sehr deutlich, dass gerade die Kombination von Neuer Musik und zeitgenössischem Regietheater vermittelnder Begleitaktionen bedarf. Noch haben wir es nicht geschafft, den Ort der opera stabile so zu positionieren, dass die Zuschauer ganz selbstverständlich den Weg zu uns finden.

Du hast auch mit Geflüchteten gearbeitet. Wie haben sie das Angebot angenommen?

Zunächst haben wir im Rahmen unseres Patenprogramms unser Haus für Geflüchtete geöffnet. Mir ist es wichtig, dass wir darüber hinaus jedoch auch interkulturell arbeiten und unsere Angebote dementsprechend anpassen. Wir können uns vor der gesellschaftlichen Realität nicht verschließen und tun gut daran, diesen Aspekt der Vermittlungsarbeit als Chance zu begreifen. Nachdem ich ein ganzes Schuljahr mit geflüchteten Jugendlichen an einer Gewerbeschule gearbeitet habe, konzentriere ich mich in dieser Spielzeit auf die Zusammenarbeit mit der Stadtteilschule Hafenstraße. Spielerisch und unter Einbezug verschiedenster musikalischer Mittel wollen wir den Spracherwerb der Schülerinnen und Schüler zweier sogenannter Integrationsvorbereitungsklassen begleiten.

Auch das Internationale Opernstudio, das die Körber-Stiftung 1994 mit der Staatsoper gegründet hat, wird in deiner Arbeit mitgedacht. Welche Chance liegt darin?

Wir haben mit den Mitgliedern des Internationalen Opernstudios eine Gruppe hochbegabter junger Opernsänger am Haus, die rein biografisch eine andere Verbindung zu unserem jungen Publikum herstellen könnten. Beim Projekt »opera stabile berührt« im MOJO CLUB standen die Mitglieder des Opernstudios gemeinsam mit Hamburger Jugendlichen von The Young ClassX auf der Bühne. Diese Zusammenarbeit war für beide Seiten äußerst fruchtbar und konnte in einer gemeinsamen Jugendoper unter der Leitung unseres Generalmusikdirektors Kent Nagano erfolgreich fortgeführt werden. Inwiefern vom Sängernachwuchs Impulse für die Zukunft der Oper ausgehen können, haben wir auch in einer groß angelegten Fachtagung im KörberForum diskutiert, gemeinsam mit den Verantwortlichen der Opernstudios im deutschsprachigen Raum.

Was möchtest du in der dritten Spielzeit erreichen?

Ich möchte die interkulturelle Vermittlungsarbeit an unserem Haus weiter stärken und langfristig etablieren. Auch möchte ich wieder ein Partizipationsprojekt ins Leben rufen, das theaterbegeisterte Menschen unter dem Dach der Staatsoper zusammenbringt und sie inspiriert, selbst Musiktheater zu machen. Ein Highlight der Spielzeit wird sicherlich ein Projekt mit den Mitgliedern des Internationalen Opernstudios sein, zu dem ich aber an dieser Stelle noch nichts sagen möchte.

Dann lassen wir uns überraschen!

Kontakt

Stephanie Lubbe
Leitung
Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 172
Telefax +49 • 40 • 80 81 92 - 303
E-Mail lubbe@koerber-stiftung.de

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