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Politischer Mittag mit Benjamin R. Barber

3. Dezember 2012, Berlin

Prof. Dr. Benjamin R. Barber, Politikwissenschaftler und Berater u. a. der Regierung Clinton, diskutierte in Berlin mit den Mitgliedern des Körber-Netzwerks Bürgergesellschaft und Entscheidungsträgern des Berliner Politikbetriebs über eine kosmopolitisch und global gedachte Zivilgesellschaft und warb für die Thesen seines neuen Buches »If Mayors rule the world«.

Barber, der zur Zeit Senior Research Scholar am Center on Philantrophy and Civil Society an der City University of New York ist, verdeutlichte zu Anfang den Unterschied zwischen der deutschen und der amerikanischen Zivilgesellschaft: In den USA sei der Staat schwach und der Präsident habe letztendlich wenig Macht, was eine starke Zivilgesellschaft begünstige. In den europäischen Wohlfahrtsstaaten sei dagegen der Staat stark, die Zivilgesellschaft häufig schwach. Das Ideal wäre laut Barber eine starke Zivilgesellschaft in einem starken Wohlfahrtsstaat.

Den Bürger nicht zum »Konsumenten von Demokratie« zu reduzieren ist ein weiterer zentraler Gedanke bei Barber. Es sei nicht damit getan, am Wahltag seine Stimme abzugeben, dies bleibe nur »the last act«. Starke Bürger beteiligen sich an diversen Prozessen, Bürger ist man jeden Tag, das unterscheide den »citizen« vom »consumer«. Starke Bürger und starke Bürgergesellschaften sind die Voraussetzung für eine funktionierende demokratische Gesellschaft. Das habe Deutschland nach 1949 gezeigt, das zeige die europäische Erfahrung und aktuell der arabische Frühling. »Revolutionen können Diktaturen stürzen, aber nicht Demokratie aufbauen. Ohne eine starke Zivilgesellschaft bleibt die Demokratie instabil«, so Barber. Europa braucht eine starke europäische Zivilgesellschaft, gerade um Krisen überwinden zu können. Baue die europäische Identität maßgeblich auf dem Euro auf, könne dessen Krise die gesamte Idee der Europäischen Gemeinschaft zum Wanken bringen.

Städte hält Barber für die neuen Laboratorien der Zivilgesellschaft. Sie seien multikulturell und pluralistisch, können schneller reagieren als Staaten, zum Beispiel beim Umweltschutz. Bürgermeister müssen Probleme pragmatisch und zeitnah lösen. Dies gelinge nur mit den Bürgern vor Ort. Auf nationaler Ebene werde Politik mit Distanz und Zynismus betrachtet, in der Nachbarschaft habe sie eine neue Chance. Barbers These »If Mayors ruled the world« wurde von den Gästen des Politischen Mittags auch kritisch kommentiert. Das Gegenargument: Der Staat als oberster Wächter der Demokratie bleibe unverzichtbar.

Aber wer moderiert die Bürgergesellschaft, wenn in der Gemeinde, dem Stadtteil, der Nachbarschaft die Kirche als Sammelbecken wegfällt? Wenn es nicht mehr eindeutig ist, woran wir glauben und junge Menschen sich als Konsumenten mehr angesprochen und wertgeschätzt fühlen als als Bürger? Der Ersatz für eine gemeinsame gelebte Religion seien unsere »common beliefs«. Woran wir alle glauben, trotz unserer Unterschiede. Für die USA sind das die Verfassung, The Bill of Rights, historische Reden wie zum Beispiel »I have a dream« von Martin Luther King. »Und den jungen Menschen müssen wir vermitteln, dass es bei einer starken Bürgergesellschaft um Power geht, um ihre Macht zur Veränderung und Teilhabe«, schließt Barber.

Mit der Veranstaltungsreihe »Politischer Mittag« setzt das Körber-Netzwerk Bürgergesellschaft seine Beschäftigung mit aktuellen Fragen und Herausforderungen der Bürgergesellschaft fort.

 

 

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