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Politischer Mittag mit Jean-Philippe Viriot Durandal

Ältere Generationen haben politische Macht – wenn auch nur eine sanfte

5. Oktober 2015, Berlin

Am 5. Oktober berichtete Jean-Philippe Viriot Durandal im Rahmen des vierten Politischen Mittags im Berliner Hauptstadtbüro der Körber-Stiftung über die Ergebnisse seiner bisherigen Forschung zum Engagement Älterer und präsentierte hierbei aktuelle Zahlen aus seiner neusten internationalen Vergleichsstudie.

National wie international beschäftigen sich Politiker und Wissenschaftler mit der Frage, welche Auswirkungen die zunehmende Verschiebung der Alterspyramiden auf unsere Gesellschaft hat. Die einen warnen dabei von einer bevorstehenden Übermacht der Älteren. Andere sprechen gar vor einem drohenden Generationenkonflikt. Dass der Gewinn an gesunden Lebensjahren sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich zu einer »Win-Win-Situation« führen kann, zeigte der französische Soziologieprofessor Jean-Philippe Viriot Durandal mit seiner Forschung. In Berlin sprach er insbesondere über die gesellschaftliche Rolle der älteren Generationen und über ihre »graue« Macht.

Seine These: Dem Engagement der Generationen 60+ wohnt eine nicht unbeachtliche gesellschaftliche Veränderungsmacht inne – jedoch nicht im Sinne einer politischen Interessensvertretung, einer »grauen« Lobby. Vielmehr läge die Macht der älteren Generationen darin, Gesellschaften durch ihr Engagement nachhaltig zu stärken und Debatten zu zentralen Werten und Prinzipien zu prägen. Und diese Macht sei eine politische, wenn auch bisher noch sanfte Macht. Gleichzeitig warnte er allerdings vor Verallgemeinerungen. Schließlich stellten Menschen über 60 Jahren keine homogene Gruppe dar. Sie unterschieden sich maßgeblich in Lebenssituation, Interessen und Gesundheit. Seine vergleichenden sozio-gerontologischen Forschungsarbeiten in Frankreich, Kanada und den USA zeigen darüber hinaus, dass die politische Beteiligung bei den über 77-Jährigen stark abnimmt. Dennoch stärken Ältere durch ihre ehrenamtlichen Aktivitäten in vielerlei Hinsicht die Solidargemeinschaft sowie die Sozialsysteme – ob im Bereich der Bildung, der Integration oder der intergenerationalen Unterstützung beispielsweise von Hochbetagten. Ältere seien weder eine omnipotente Vetomacht, wie oftmals in den Medien dargestellt, noch ein Bluff, so Viriot Durandal. Den Beleg hierfür liefern die Statistiken: So wachse beispielsweise die Zahl der Freiwilligen in Frankreich ab dem 60. Lebensjahr enorm.

Das Mehr an Lebenszeit stelle darüber hinaus auch eine politische Herausforderung dar, auf welche Politiker mit klugen Strategien reagieren müssten, um sozialer Isolation entgegenzuwirken und gesundes Altwerden zu ermöglichen. Begriffe wie »Aktives Altern« und »Soziale Teilhabe« dürften deshalb in keiner Debatte fehlen, wenn es um die Einbindung Älterer in die Gesellschaft geht.

Jean-Philippe Viriot Durandal ist Professor der Soziologie an der französischen Université de Lorraine in Metz. Seit vielen Jahren forscht er zur Rolle von Älteren als aktive Bürger und blickt aus sozialgerontologischer Sicht auf die Engagementpotenziale von Älteren. Er ist zudem Gründer und Präsident des REIACTIS, einem internationalen Netzwerk, das seit 2006 eine Austauschplattform für Soziologen und Humanwissenschaftler sowie Stakeholder ist, die zu den Themenfeldern »Alter«, »Bürgerschaft« und »Sozio-ökonomische Integration« arbeiten.

Zu den Politischen Mittagen lädt der Bereich Gesellschaft zu den Themen Demografie und Zivilgesellschaft regelmäßig renommierte internationale Vordenker, Praktiker, Politiker oder Wissenschaftler ein. Eingeladen werden Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Körber Impuls Demografie Nr. 4:
»Engagement von Älteren in Frankreich und den USA« (PDF)

Interview mit Jean-Philippe Viriot Durandal (Video)

Bildergalerie

5. Oktober 2015, Berlin

Fotos: Körber-Stiftung/Marc Darchinger

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