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Politischer Mittag mit Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger

Neue Lebensarbeitszeit: Ein »Care-Zeit-Budget« zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit

6. Juli 2016, Berlin

Zum aktuellen Fokusthema »Neue Lebensarbeitszeit« der Körber-Stiftung liefern die Familienexpertin Karin Jurczyk und der Rechts- und Politikwissenschaftler Ulrich Mückenberger eine innovative Idee, die sie beim Demografiepolitischen Mittag der Körber-Stiftung am 6. Juli in Berlin einem exklusiven Kreis von Vertretern aus Bundesministerien, Bundestag, Wissenschaft, Unternehmen und Sozialverbänden vorstellten – das so genannte »Care-Zeit-Budget«.

Der gesellschaftliche Ausgangspunkt: Unsere klassischen Lebensverläufe und Lebensarbeitszeiten werden sich im demografischen Wandel ändern. Wir leben immer länger, wir sind im Alter fit und aktiv wie nie. Es gibt schon deshalb keinen Grund, an den linearen, in der Regel dreiteiligen Erwerbsbiografien von einst – Ausbildung, Arbeit, Ruhestand – festzuhalten. Karin Jurczyk und Ulrich Mückenberger bezweifeln insbesondere die Sinnhaftigkeit eines »altersnormierten Renteneintritts«. Sie glauben aber darüber hinaus, dass Berufsbiografien noch aus einem anderen Grund flexibler werden müssen: Sie sehen die zunehmenden Sorgebedarfe im demografischen Wandel, vor allem bezogen auf die Pflege der wachsenden Gruppe der Älteren, und sprechen sogar von einer »Krise der Care«.

Ein rechtlicher Anspruch auf Sorgezeiten

Jurczyk und Mückenberger haben deshalb ein Sozialmodell entwickelt, das das Verhältnis von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit neu im Lebenslauf regulieren will – individuell zu nutzen, aber gesamtgesellschaftlich verantwortet und geregelt. Der alten Normbiografie mit ihren meist starken beruflichen und privaten Belastungen in der Lebensmitte, der »Rush hour des Lebens«, setzen sie die Idee von »Atmenden Lebensverläufen« entgegen. Konkret soll ein »Care-Zeit-Budget« dazu beitragen, Sorgezeiten im Lebenslauf und der Berufsbiografie berücksichtigen und absichern zu können, egal, ob es um die Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen oder auch die Sorge um die eigene physische und psychische Gesundheit geht.

Dieses Care-Zeit-Budget ist gedacht als ein individuelles Guthaben bzw. ein rechtlicher Anspruch darauf, selbstbestimmt die eigene Lebensarbeitszeit für Care-Bedarfe unterbrechen oder reduzieren zu dürfen. So gäbe es in jeder Erwerbsbiografie festgelegte Zeitbudgets – vielleicht anteilig zum gesamten Erwerbsverlauf, vielleicht pauschal mehrere Jahre –, über die der Einzelne verfügen kann, wenn er Sorgetätigkeiten ausüben will. Jurczyk und Mückenberger können sich für die Organisation und Finanzierung des Care-Zeit-Budgets ein 3-Ringe-Modell vorstellen. Demnach wären Kinder- oder Altenpflege im Zentrum: Als klassische Tätigkeiten für die Gesellschaft könnten sie (wie schon bislang Kinder- oder Pflegezeiten) als Lohnersatz aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Aus- und Fortbildungen innerhalb des Care-Zeit-Budgets wären über die Arbeitgeber abzusichern und für Tätigkeiten, die dem Einzelnen selbst zugutekommen – Muße, Rekreation – sehen die Vordenker des Care-Zeit-Budgets durchaus auch eine individuelle Verantwortung.

Erwerbstätige als Teil einer sorgenden Gemeinschaft

Die Teilnehmer des Demografiepolitischen Mittags – Experten für Arbeits- und Zeitpolitik – zeigten sich sehr offen für den Vorschlag und unterstützten die beiden Referenten beim Nachdenken über die konkrete Umsetzung ihres Vorschlags. Denn es brauche, darin bestand Konsens, ein Gesamtkonzept, um Erwerbsarbeit und Arbeitsbiografien im demografischen Wandel so zu gestalten, dass auch Arbeitende zur Vision einer »Sorgenden Gemeinschaft« beitragen könnten. »Sorgetätigkeit ist der Sockel der Gesellschaft« – auch für diese Einschätzung bekam Karin Jurczyk Zustimmung.

Die Vordenker des Care-Zeit-Budget-Konzepts sind beide Mitglieder im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Dr. Karin Jurczyk leitet beim Deutschen Jugendinstitut in München die Abteilung Familie und Familienpolitik und ist Autorin zahlreicher Studien zur Situation von Familien in Deutschland. Professor Dr. Ulrich Mückenberger ist Sachverständiger in zahlreichen Kommissionen zu Vereinbarkeit von Arbeit und Leben und Reformen in der Arbeitswelt. – Bei den Demografiepolitischen Mittagen der Körber-Stiftung geben renommierte deutsche und internationale Vordenker, Praktiker, Politiker und Wissenschaftler Impulse für die Gestaltung des demografischen Wandels.

Körber Impuls Demografie Nr. 5:
»Arbeit und Sorge vereinbaren: Ein Carezeit-Budget für atmende Lebensläufe« (PDF)

Videos

Interview mit Karin Jurczyk

Interview mit Ulrich Mückenberger

Bildergalerie

6. Juli 2016, Berlin

Fotos: Körber-Stiftung/Marc Darchinger

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