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Politischer Mittag mit Marc Freedman

Rethinking Live Courses

7. April 2016, Berlin

Marc Freedman ist Begründer einer amerikaweiten Bewegung. Mit encore.org hat er es geschafft, den Blick der Öffentlichkeit darauf zu lenken, dass jene, die ihre Lebensmitte bereits überschritten haben, über Fähigkeiten und Wissen verfügen, um dringende gesellschaftliche Probleme anzugehen und weiterhin (frz.: »encore«) einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisten können. Er weiß, wie man ein Land wie die USA in Bewegung versetzt und begeistert weltweit einflussreiche Entscheider für das Engagement im Alter. Beim Politischen Mittag der Körber-Stiftung am 7. April sprach Freedman zum einen über die Bedeutung des Engagements im Alter für die Gesellschaft, zum anderen aber auch darüber, wie der demografische Wandel als Chance für die individuelle Lebensplanung angesehen werden kann.

Freedman machte deutlich, dass die Generation 50+ überwiegend produktiv in die zweite Lebenshälfte starten möchte. Dabei unterschied Freedman nicht, ob sich diese Produktivität in einer bestimmten ehrenamtlichen Tätigkeit oder in Erwerbsarbeit wiederfinde: Das Alter sei nicht als eine Befreiung von Arbeit (»liberation from work«), sondern vielmehr als die Freiheit zu Arbeiten (»freedom to work«) zu verstehen.
Auch die Wirtschaft und die Politik müssten diese Potenziale des Alters verstehen lernen und fördern, statt sich lediglich damit zu beschäftigen, wie das Leben immer länger werden kann, wie es z. B. viele Firmen in Silicon Valley tun. Hier zitierte Freedman den berühmten Satz von John F. Kennedy, der bereits Mitte der sechziger Jahre sagte: »It is not enough for a great nation merely to have added new years to life – our objective must also be to add new life to those years.«

Freedman forderte von der Zivilgesellschaft, eine Debatte über die vorherrschenden Lebensvorstellungen zu führen. Mit seinem Bonmot »rethinking live courses« weist er darauf hin, dass bestehende Lebensabschnitte, die im Allgemeinen für Ausbildung, Arbeit, Familie und Freizeit festgelegt sind, überdacht werden müssten, um zu neuen, der Lebensrealität entsprechenden Lebensmodellen zu kommen. Als Maßnahmen dieser zu verändernden Wahrnehmung könnten beispielsweise erweitere Ausbildungsmöglichkeiten dienen – Ausbildungsmöglichkeiten, die sich nicht nur an jungen Leuten orientieren, aber gleichzeitig über das gängige »Edutainment«, der Verquickung von Ausbildung (Education) und Unterhaltung (Entertainment) hinausgingen. Auch entsprechende spirituelle Orientierungsmöglichkeiten, von denen es in der ersten Lebenshälfte viele gäbe, wären denkbar, um Lebensabschnitte besser verinnerlichen zu können, so Freedmans Vorschlag. Eine längere Lebenserwartung sei eben nicht nur ein individueller Gewinn, sondern auch ein gesellschaftlicher. Wenn sich Ältere zum Beispiel für die Belange Jüngerer stark machten, entstünde eine win-win-Situation, von der beide Generationen profitierten. So endete Freedman die Diskussion beim Politischen Mittag mit dem Schlüsselsatz »I am what survives of me.«

Marc Freedman beschäftigt sich Zeit seines beruflichen Lebens mit Engagement-Themen. Im Anschluss an sein Studium der Soziologie und Anthropologie arbeitete er 14 Jahre für Public/Private Ventures (PPV), einer Nonprofit Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Effektivität von kommunalen Sozialstrategien zu verbessern, vor allem in Hinblick auf die Belange junger und alter Menschen. 1995 gründete Freedman Experience Corps, eine Vermittlungsagentur für ältere Menschen in Schulen und Jugendeinrichtungen. Das breite Erfahrungsspektrum führe Freedman schließlich 1997 zur Gründung von Encore.org.

Zu den Politischen Mittagen lädt der Bereich Gesellschaft zu den Themen Demografie und Zivilgesellschaft regelmäßig renommierte internationale Vordenker, Praktiker, Politiker oder Wissenschaftler ein. Eingeladen werden Entscheidungsträger aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Video: Marc Freedman

Bildergalerie

7. April 2016, Berlin

Fotos: Körber-Stiftung/Marc Darchinger

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