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Politischer Mittag mit Wolfgang Gründinger

»Beuten die Jungen die Alten aus?«

18. Oktober 2016, Berlin

»Beuten die Jungen die Alten aus?« - Die Frage begleite ihn durch zahlreiche Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen, werde immer wieder gestellt, erzählte der Politik- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Gründinger beim Politischen Mittag der Körber Stiftung am 18.10.16. Aber die Frage sei falsch gestellt: Es gehe zwischen Jung und Alt in unserer Gesellschaft nicht um ein Ausbeutungsverhältnis, nicht einmal um Rivalität, sondern um gleiche Teilhabe an den Entscheidungsfragen zur Zukunft unserer Gesellschaft. Und genau darüber sprach der sich selbst als Zukunftslobbyist verstehende Sprecher der Stiftung der Rechte zukünftiger Generationen auch beim Politischen Mittag mit verschiedenen Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft: Darüber, dass in einer vom demografischen Wandel geprägten Gesellschaft, in der heute die Hälfte der Bevölkerung älter als 46,3 Jahre alt ist, die Interessen der Jungen mehr vertreten werden müssten. Sein Engagement für Generationengerechtigkeit sei kein »Alten-Bashing«, im Gegenteil: »Wir brauchen die Alten in unserer Gesellschaft, brauchen ihre Zeit, ihr Geld, ihre Macht - und ihre offenen Ohren«, so Gründinger. Denn sie stellten schon heute den größeren und vor allem den politisch wirkungsmächtigeren Teil der Bevölkerung dar. Aber während die Talkshows voll von den Belangen der älteren Generation seien, Rente und Altersarmut politische Debatten auslösten und der aktuelle Zeitgeist der eines »eingeschlafenen Landes« sei, das in den Erinnerungen an die glorreiche Vergangenheit der Babyboomer schwelge, stellte Gründinger fest, dass der Großteil der deutschen Wähler von der Zukunft gar nicht mehr betroffen sei und folglich auch nicht großartig an ihr interessiert, sofern es nicht um die eigenen Kinder gehe.

Die Jugend braucht eine Lobby

Gründinger machte deutlich, dass die Jugend eine Minderheit geworden sei und diese Minderheit keine Lobby habe. Er erhielt dabei viel Zustimmung aus den Reihen der Gäste.
Die politische Ohnmacht der Jugend sei mehr Folge dessen, dass die Jugend nicht gefragt und nicht vertreten werde, als Folge einer faktisch geringeren Wahlbeteiligung der Jugend. Die Minderheitenposition ließe sich zwar durch die Idee eines Familienwahlrechts angehen oder durch ein generelles Kinderwahlrecht, das es den jungen Bürgern ermöglichen würde, das Wahlalter individuell festzulegen. Dies sei aber nur eine Idee und keineswegs die alles entscheidende Lösung im Generationenkonflikt. Zunächst sei, so forderte Gründinger, das Thema Generationengerechtigkeit weiter in den Fokus zu rücken. Selbst beim Thema Altersarmut sei es falsch, nur bei der älteren, betroffenen Generation anzusetzen, denn diejenigen, die bereits von Altersarmut betroffen sind, könne man vermutlich nicht mehr daraus retten. Das beste Mittel gegen zukünftige Altersarmut sei aber, Kinderarmut zu bekämpfen. Denn schon heute wächst 1/5 aller Kinder in Deutschland in Armut auf. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kinder später unter Altersarmut leiden werden, ist groß. Kinderarmut sei aber kein Wahlkampfthema, denn die Wähler, eine Generation, die Zeit ihres Lebens alle Sicherheit gehabt habe, seien an einer Erhöhung der Rente interessiert, nicht an einer Erhöhung des Kindergeldes und einem Ausbau der Kinderbetreuung.

Ab wann ist man eigentlich alt?

Die Teilnehmer des Politischen Mittags zeigten sich sehr offen für Gründingers Argumente, hinterfragten aber sein Botschaftsmanagement. Wie sein konkreter Plan sei, wollten einige wissen und wie man Alter überhaupt definiere. Das Denken in Legislaturperioden sei ihm zu pragmatisch, so Gründinger, ein Plan nur für die nächste Bundestagswahl zu kurz gegriffen: Die Gesellschaft brauche Visionen wie das Kinderwahlrecht – die Welt sei zu komplex, um zu kleinteilig an die Sache heran zu gehen. Alter könne man nicht klar definieren, klar sei aber, dass die Alten sich immer länger jung fühlen: Niemand wolle mehr alt sein, alle wollten nur alt werden. Die Kernaussage ist einleuchtend: Wo bleiben da noch die eigentlich Jungen?

Die Körber-Stiftung lädt zu den Politischen Mittagen regelmäßig renommierte internationale Vordenker, Praktiker, Politiker oder Wissenschaftler zu den Themen Demografie und Zivilgesellschaft ein. Wolfgang Gründinger ist Buchautor der edition Körber-Stiftung (»Wir Zukunftssucher – Wie Deutschland enkeltauglich wird«). In diesem Jahr erschien »Alte Säcke Politik – Wie wir unsere Zukunft verspielen«. Gründinger ist assoziiertes Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome und Sprecher der Stiftung der Rechte zukünftiger Generationen. Er setzt sich für eine Interessenvertretung der jüngeren Generation ein und plädiert für mehr Generationengerechtigkeit in der politischen Entscheidung.

Wolfgang Gründinger: Wir Zukunftssucher
erschienen in der edition Körber-Stiftung

Video: Interview mit Wolfgang Gründinger

Bildergalerie

18. Oktober 2016, Berlin

Fotos: Körber-Stiftung/Marc Darchinger

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