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Politischer Mittag mit Julia Unwin

17. Oktober 2013, Berlin

Julia Unwin, Vorsitzende des Vorstands der Joseph Rowntree Foundation und des Joseph Rowntree Housing Trust, sprach am 17. Oktober 2013 beim Politischen Mittag der Körber-Stiftung mit Entscheidungsträgern aus Politik, Verwaltung, Forschung und Medien sowie mit den Mitgliedern des Körber-Netzwerks Bürgergesellschaft. Sie sprach insbesondere zu den derzeitigen Herausforderungen der britischen Bürgergesellschaft und stellte die Arbeit ihrer Stiftung vor.

Die Stiftungsleiterin aus York, Großbritannien, erläuterte den Einsatz ihrer Stiftung für einen gerechten social change mit Betonung auf der Partizipation benachteiligter Gruppen. Die Arbeit der Stiftung erstreckt sich dabei von konkreten Aufgaben in der eigenen Community bis hin zu größeren Forschungsaufgaben als Basis der öffentlich-politischen Arbeit. Derzeit konzentriert sich die Stiftung auf drei Themen: Armut, lokale Gemeinschaften und alternde Gesellschaft (Poverty, Place and Ageing Society). Sie hat diese in einem Drei-Jahresplan strategisch aufgestellt und richtet sich auch in der internen Organisation danach. Die Arbeit der Stiftung zu allen drei Themen beinhaltet drei Schritte: die Suche nach Ursachen, der Anwendung praxisorientierter Lösungen sowie der politischen Einflussnahme.

Für alle Anwesenden war die Darstellung der Umsetzung der Schwerpunktthemen der Stiftung in konkrete Arbeit besonders interessant. Was manifestiert Armut, wie kann gegen gesteuert werden? Jedes Jahr publiziert die Stiftung einen Armutsbericht über Großbritannien. Sie erarbeitet mit Fokusgruppeninterviews die Bedingungen, die nötig sind für eine britische Gesellschaft ohne Armut. Aktuell verdienen z.B. 25% aller Arbeitnehmer in Großbritannien weniger als das Mindestgehalt und sind damit nicht fähig, angemessen an der Gesellschaft zu partizipieren. Basierend auf dieser Erkenntnis hat die Stiftung die Kampagne »Living Wage« mit ins Leben gerufen.

Zum Thema »Lokale Gemeinschaften« berichtete Frau Unwin zunächst von der letzten Überschwemmung in Großbritannien: die ärmsten Gegenden waren zugleich am stärksten betroffen. Wie können Kommunen also angemessen mit Klimawandel umgehen, welche Implikationen hat die soziale Lage auf die Erarbeitung lokaler Lösungen? Ein weiteres Beispiel ihrer Arbeit ist die Einbeziehung aller Akteure innerhalb eines Gebiets, einer Nachbarschaft oder einer Kommune in der Erarbeitung konkreter Lösungen. Ein konkretes Beispiel kam aus der Arbeit des Housing Trust: Vertreter der Bewohner von Liegenschaften des Rowntree Trust trauten sich nicht an einem Runden Tisch zu sprechen. Daher wurde eine Gruppe eingerichtet, die vor den Sitzungen Beschlüsse extern erarbeitet und dem Vertreter der Stiftung Empfehlungen für die Runden Tische mitgibt.

Was brauchen Familien mit an Demenz erkrankten Angehörigen? Wir wirkt sich die zunehmende Vereinsamung älterer Menschen auf das soziale Gefüge aus, entwickelt sich zu einem politischen Thema? Auf lokalem Level untersucht die Stiftung aktuell die Bedeutung von Einsamkeit im Alter. So sterben zum Beispiel zahlreiche Menschen in Großbritannien an den Folgen von Vereinsamung. Julia Unwin fragte daher auch in die Runde des Politischen Mittags, wie man Menschen sozial verbinden könne: »We have a historic obligation to speak up!«. Unwin fordert die Partizipation der Anwohner ihrer Wohnanlagen in ungewöhnlichem Umfang ein, anstatt nur Dienstleistungen zu geben. Sie richtet sich dabei nach dem Motto der Bürgerrechtsbewegung in den USA: »Nothing about us without us«. Unwins Ziel ist dabei aber nicht nur die Solidarität unter Bewohnern der stiftungseigenen Wohnanlagen für Senioren und sozial Benachteiligter in York; sondern vielmehr auch ein neuer sozialer Vertrag zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Nach einer lebhaften Diskussion in der Runde des Politischen Mittags, in der zahlreiche Aspekte des Vortrags vertieft wurden, aber auch konkrete Themen der deutschen Bürgergesellschaft wie die Rolle der Wohlfahrtsverbände angesprochen wurden, schloss Frau Unwin mit dem Credo ihrer Arbeit: »I am there to make the voices of the poorest heard. We all should make their voices heard!«.

In der Veranstaltungsreihe »Politischer Mittag« lädt die Körber-Stiftung im Rahmen ihres »Körber-Netzwerks Bürgergesellschaft« regelmäßig internationale Vordenker der Bürgergesellschaft zum Austausch nach Berlin ein. Gemeinsam mit Fachleuten und Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien möchten wir wichtige zivilgesellschaftliche Themen in einem geschützten Raum besprechen.

Interview mit Julia Unwin zu Ihrer Person, Arbeit und Vision (Video)

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