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Annäherung oder Abschottung? Repräsentative Umfrage in Russland und Deutschland

Weder gemeinsame Werte noch Zugehörigkeitsgefühl, dennoch klare Mehrheiten für Zusammenarbeit

Kaum Fortschritte auf der politischen Ebene, gegenseitige Wirtschaftssanktionen, ein tiefgreifender Vertrauensverlust – die Beziehungen zwischen Russland und den meisten seiner europäischen Nachbarn stecken in der Krise. Doch wie ist die Stimmung in der Bevölkerung: Sollte man aktiv aufeinander zugehen oder keine Zugeständnisse machen und jeweils eigene Wege verfolgen? Zu diesen Fragen hat die Körber-Stiftung von TNS Infratest im März 2016 zeitgleich repräsentative Meinungsbilder in Russland und Deutschland erheben lassen.

»Die Umfrageergebnisse zeigen im Hinblick auf die Zugehörigkeit Russlands zu Europa eine tiefe Spaltung beider Gesellschaften. Doch gleichzeitig befürworten Deutsche und Russen die Rückkehr zur Zusammenarbeit und eine Fortsetzung der historischen Aussöhnung«, sagt Gabriele Woidelko, Leiterin des Fokusthemas »Russland in Europa«. Dr. Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, betont: »Der Dialog über Verbindendes, aber auch Trennendes ist Voraussetzung für die Lösung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen. Aus unserer Sicht gehört Russland zu Europa.«

Mittlere Jahrgänge sehen Russland nicht als Teil Europas

In der Frage, ob Russland zu Europa gehört, sind die Meinungen geteilt: 48 Prozent der Deutschen und 46 der Russen meinen ja, 50 respektive 51 Prozent verneinen. In beiden Ländern stimmen die Älteren (ab 60 Jahren) mehrheitlich zu und führen in erster Linie die geografische Lage als Argument an. In den Generationen zwischen 30 und 44 Jahren zeigt sich das Gegenteil: Nur 31 Prozent der Deutschen und 39 Prozent der Russen in diesem Alter sehen Russland als Teil von Europa. Die häufigste Begründung: man teile nicht dieselben Werte.

Wertedifferenzen: kritische Presse unerwünscht, Streiks verbieten

Knapp 80 Prozent der Russen vertreten die Ansicht, es sei Aufgabe der Medien, die Regierung zu unterstützen. Das sehen 63 Prozent der Deutschen anders. Rund zwei Drittel der Bürger in Russland würden Streiks und Demonstrationen verbieten, weil sie die öffentliche Ordnung gefährden. Diese Idee lehnt die große Mehrheit der Deutschen (89 Prozent) ab. Auch die Haltung zur Homosexualität unterscheidet sich klar: In Deutschland zeigen sich 78 Prozent der Befragten in diesem Punkt tolerant. In Russland dagegen sind überwältigende 94 Prozent gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Liebe.

Beziehungen sollten nicht an der Ukraine-Krise scheitern

Eine politische Wiederannäherung zwischen Russland und der EU halten 95 Prozent der Deutschen und 84 Prozent der Russen für wichtig. Der Konflikt um Krim und Ost-Ukraine wird zwar als Hauptgrund für die »Beziehungskrise« angeführt, hat aber bei deren Lösung keine Priorität: 35 Prozent der Russen nennen die Terrorbekämpfung als wichtigsten Bereich der Zusammenarbeit, gefolgt von den Wirtschaftsbeziehungen mit 29 Prozent. In Deutschland steht die Lösung des Syrien-Konflikts mit 49 Prozent deutlich an der Spitze.

Klares Votum der Russen und Deutschen: Sanktionen aufheben

Rund 80 Prozent der Russen und 69 Prozent der Deutschen sprechen sich dafür aus, die 2014 verhängten gegenseitigen Wirtschaftssanktionen aufzuheben. Bei der Frage, mit welchem Land sie sich in Zukunft eine stärkere Zusammenarbeit wünschen, nennen die Deutschen Russland an zweiter Stelle direkt nach Frankreich. In Russland belegt Deutschland den ersten Platz, dicht gefolgt von China.

Während knapp die Hälfte der Deutschen Russland als bedrohlich empfindet, nimmt nur ein Viertel der Russen Deutschland als Bedrohung war. Um das Verhältnis von Russland und EU zu beschreiben, wählen die Deutschen am häufigsten den Begriff »Konkurrenten« (37 Prozent), gut ein Drittel der Russen den »Nachbarn«. Für »Freunde« entscheidet sich so gut wie niemand.

Über die Stiftungsarbeit im Feld »Internationale Verständigung«

Seit mehr als 50 Jahren engagiert sich die Körber-Stiftung für internationale Verständigung und einen Dialog über politische, nationale und religiöse Grenzen hinweg. Ihre Dialogformate, Wettbewerbe, Begegnungen und Netzwerke helfen dabei, Sprachlosigkeit zu überwinden, Brücken zu bauen und Debatten anzustoßen. Mit dem Fokusthema »Russland in Europa« widmet sich die Körber-Stiftung der Wiederbelebung eines offenen, kritischen und konstruktiven Dialogs zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn.

Datenbasis der Umfrage:

1.000 Personen in Deutschland, 1.024 Personen in Russland, jeweils Wahlberechtigte ab 18 Jahren; Feldzeit: 22.02. – 08.03.2016.
Stichprobe/Erhebungsverfahren: Repräsentative Zufallsauswahl/Randomstichprobe, per CATI.
Durchgeführt unter Gesamtprojektleitung von TNS Infratest Politikforschung; Interviews in Deutschland: Infratel (Unternehmensgruppe TNS Infratest), Interviews in Russland: CESSI – Russia.

Umfrage zum Download

Weitere Angebote für Journalisten:

  • Interview mit Gabriele Woidelko, Leiter des Fokusthemas »Russland in Europa« (bitte über den Pressekontakt anfragen)

Informationen zum Thema:

Körber-Stiftung
Eeske Anne Wykhoff
Pressereferentin
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon: 040 / 80 81 92 -177
Mobil: 0160 / 741 96 95
E-Mail: wykhoff@koerber-stiftung.de
www.koerber-stiftung.de

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