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»Wo ich schreibe, ist die Türkei.«

Exil-Journalist Can Dündar hält in der Elbphilharmonie »Hamburger Rede zum Exil« / Auftakt zur Fachkonferenz »Exile Media Forum« für Medienschaffende

»Lassen Sie uns endlich akzeptieren: Wir leben auf einer Erde von Migranten.« Diesen eindringlichen Appell für grenzüberschreitende Solidarität richtete der vielfach ausgezeichnete Journalist und Autor Can Dündar in seiner »Hamburger Rede zum Exil« am gestrigen Montagabend in der Elbphilharmonie an das Publikum. Dündars Rede war zugleich Auftakt zum ersten »Exile Media Forum« der Körber-Stiftung, das am heutigen Dienstag in Hamburg deutsche Medienschaffende und Journalisten im Exil zusammenführt. Sie diskutieren unter anderem über Hindernisse, die geflüchteten Journalisten bei ihrer Arbeit in Deutschland begegnen, und die Bereicherung, die deren Beiträge für die Gesellschaft bedeuten.

Erfahrungen als Journalist im Exil

Den in Deutschland lebenden Türken Can Dündar hatte die Körber-Stiftung im Rahmen der aktuell in Hamburg laufenden »Tage des Exils« eingeladen, über seine Erfahrungen mit Verfolgung, Flucht und dem neuem Leben im Exil zu reflektieren. Dr. Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, verdeutlichte in seinem Grußwort die Bedeutung von Journalisten im Exil: »Sie setzen sich für Pressefreiheit und Demokratie ein und vereinen diejenigen, die in den Jahren 1933 bis 1945 aus Deutschland in die Türkei verbannt wurden, mit denen, die heute zu uns kommen.«

Als ehemaliger Chefredakteur der türkischen Tageszeitung Cumhuriyet ist Can Dündar wegen seiner offenen Kritik an Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan einer mehrjährigen Haftstraße in der Türkei durch die Flucht ins deutsche Exil entgangen. Die öffentliche Bühne nutzte er gestern, um den Anwesenden einen tiefen Einblick in die verwundete Seele der türkischen Oppositionellen und Exilierten zu geben, aber auch, um von den Chancen zu sprechen. »Das türkische Wort für Exil und Exilant lautet sürgün«, erläuterte er. »Es hat jedoch noch eine Nebenbedeutung: frisch ausgetriebener Spross.«

Brücken zum Exil im Zweiten Weltkrieg

Immer wieder erinnerte Dündar an die Biografien deutscher Intellektueller, die vor den Nationalsozialisten geflohen waren, und zeigte Parallelen auf: »Das Exil ist eine schmerzhafte, entbehrungsreiche, bittere Lebenserfahrung. Aber es hat auch Aspekte, die einem Schriftsteller, einem Künstler, Akademiker, Intellektuellen oder Politiker neue Wege, neue Türen, neue Horizonte eröffnen«, sagte er. Und formulierte, in Anlehnung an Thomas Manns berühmtes Zitat aus dem Exil: »Wo ich schreibe, ist die Türkei.«

Im Anschluss an Dündars Rede gab das Syrian Expat Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Raed Jazbeh und dirigiert von Ghassan Alaboud ein musikalisches Statement für kulturelle Vielfalt ohne Grenzen. Die Exil-Musikerinnen und -Musiker stellten dem Publikum zeitgenössische Werke aus Syrien vor, die zum Teil eigens für das Konzert komponiert wurden.

Erstes Forum zu Exil-Journalismus und deutschen Medien

Kulturelle Vielfalt ist auch beim ersten »Exile Media Forum« für Medienschaffende und Exil-Journalisten heute im Hamburger KörberForum ein Thema. Dr. Carsten Brosda, Hamburger Senator für Kultur und Medien, betont die Wichtigkeit der Fachkonferenz: »Wo die Presse nicht frei ist und wo Journalistinnen und Journalisten deshalb ihre Heimat verlassen müssen, sind wir in der Verantwortung, ihnen den geschützten Raum zu bieten, den sie brauchen, um ihre Arbeit dennoch tun zu können. Denn die Pressefreiheit ist es wert, dass wir gemeinsam jeden Tag aufs Neue dafür kämpfen.«

Die Teilnehmenden diskutieren unter anderem darüber, wie deutsche Medien künftig alle gesellschaftlichen Gruppen besser teilhaben lassen können – sowohl thematisch als auch in der Zusammensetzung der Redaktionen. Dazu kommen Vertreter etablierter Medien wie Julia Stein (Netzwerk Recherche, NDR) und Klaus Brinkbäumer (Der Spiegel) mit Can Dündar und Sheila Mysorekar (Neue Deutsche Medienmacher) ins Gespräch.

In weiteren Podiumsgesprächen berichten heute Exil-Journalisten wie Kefah Ali Deeb von Handbook Germany über ihre Arbeit in Deutschland. Der iranisch-stämmige Schriftsteller SAID, der seit 50 Jahren in Deutschland im Exil lebt, wird in seiner poetischen Keynote über das Leben und Arbeiten in einer neuen Sprache reflektieren.

Materialien zum Download

Weitere Angebote für Journalisten (bitte über Andrea Bayerlein anfragen)

  • Interview mit Sven Tetzlaff
  • Fotomaterial Reden, Syrian Expat Philharmonic Orchestra, »Exile Media Forum«

Das Fokusthema »Neues Leben im Exil«

Über die »Hamburger Rede zum Exil« und das »Exile Media Forum« hinaus engagiert sich die Körber-Stiftung mit ihrem aktuellen Fokusthema »Neues Leben im Exil« für Menschen, die in Deutschland im Exil leben, hier ihre Erfahrungen von Krieg und Flucht, vom Verlust der Heimat und vom Ankommen in einer fremden Kultur reflektieren und den öffentlichen Diskurs bereichern. Im laufenden und kommenden Jahr werden journalistische, künstlerische, wissenschaftliche und politische Aktivitäten dieser Menschen sichtbar gemacht und historische Kontinuitäten aufgezeigt. Die Körber-Stiftung stärkt damit Dialog und Zusammenhalt und trägt zu einer lebendigen Bürgergesellschaft bei.
www.koerber-stiftung.de/exil

Pressemeldung zum Download (PDF)

Informationen zum Thema:
Körber-Stiftung
Fokusthema »Neues Leben im Exil«
Andrea Bayerlein
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de
www.koerber-stiftung.de
Twitter @KoerberLBG
Instagram @gesichterdesexils

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