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Deutsche hinterfragen westliche Staaten- und Wertegemeinschaft: Nur knappe Mehrheit befürwortet Zugehörigkeit

Umfrage der Körber-Stiftung zu Deutschlands Rolle in der Welt, wichtigsten Partnern und außenpolitischen Herausforderungen

Die Zugehörigkeit Deutschlands zur westlichen Staaten- und Wertgemeinschaft befürwortet nur eine knappe Mehrheit von 55 Prozent der Bundesbürger. 31 Prozent der Deutschen bevorzugen eine außenpolitisch neutrale Haltung ihres Landes, sieben Prozent wünschen sich sogar eine Annäherung an andere Länder oder Wertegemeinschaften. Das zeigt die repräsentative Umfrage »Einmischen oder zurückhalten?« der Körber-Stiftung. Für eine von den USA unabhängigere Außen- und Sicherheitspolitik wäre eine Mehrheit von 52 Prozent der Befragten sogar bereit, mehr als doppelt so hohe Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung in Kauf zu nehmen.

»Dass ein Drittel der Befragten Deutschlands Westbindung in Frage stellt, ist Anlass zur Sorge«, kommentiert Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung, die Umfrageergebnisse.

Seit 2014 fragt die Körber-Stiftung die Deutschen regelmäßig nach ihren Einstellungen zu deutscher Außenpolitik. Die Befragung 2019 wurde vom Meinungsforschungsinstitut Kantar Public durchgeführt. Die Umfrageergebnisse werden zusammen mit »The Berlin Pulse«, der außenpolitischen Publikation der Körber-Stiftung, am 26. November 2019 beim Berliner Forum Außenpolitik vorgestellt.

Klimawandel als größte Herausforderung für deutsche Außenpolitik

Der Klimawandel ist in den Köpfen der Deutschen angekommen. 31 Prozent der Befragten sehen im Bereich »Klima und Umwelt« die größte Herausforderung für die deutsche Außenpolitik. 2018 waren es nur fünf Prozent der Bundesbürger. Zugleich empfindet knapp die Hälfte der Befragten (48 Prozent), Deutschland sei in Europa Vorreiter in der Bekämpfung des Klimawandels. 36 Prozent sehen Deutschland hingegen eher als Bremser in Sachen Klimaschutz.
Weitere Herausforderungen für die deutsche Außenpolitik sehen die Deutschen in der Migrationspolitik (26 Prozent) und in den Beziehungen zu den USA unter Trump (23 Prozent). 87 Prozent der Befragten beurteilen eine mögliche Wiederwahl Trumps zudem als »negativ« oder »sehr negativ« für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Abkehr von den USA – Politische Entfremdung spiegelt sich in öffentlicher Meinung wider

Deutsche und Amerikaner unterscheiden sich weiterhin deutlich in ihrer Wahrnehmung der bilateralen Beziehungen: Während 75 Prozent der Amerikaner die Beziehungen laut einer parallel vom Pew Research Center durchgeführten Studie als »gut« oder »sehr gut« empfinden (im Vergleich zu 2018: 70 Prozent), sind fast zwei von drei Deutschen (64 Prozent) der Ansicht, das Verhältnis zu den Amerikanern sei »schlecht« oder »sehr schlecht« (2018: 73 Prozent). Offensichtlich stehen die Deutschen der nach wie vor engen Kooperation mit den USA skeptisch gegenüber: Lediglich 22 Prozent befürworten die Teilhabe Deutschlands am Schutz durch amerikanische Nuklearwaffen. Gefragt nach der relativen Bedeutung der bilateralen Beziehungen verglichen zu Russland geben gerade einmal 39 Prozent der Bevölkerung an, die Beziehungen zu Washington wären wichtiger als die zu Moskau. Auf China bezogen glaubt mit 50 Prozent immerhin die Hälfte der Befragten, dass die Beziehungen zu den USA für Deutschland von größerer Bedeutung seien – ein klares Bekenntnis zum Westen sieht anders aus.

Umgang mit China - Widersprüchliche Wahrnehmung unterstreicht Notwendigkeit öffentlicher Debatte

Im Umgang mit China besteht Uneinigkeit: Zwar würden 60 Prozent eine verstärkte Zusammenarbeit mit China begrüßen, doch nur 9 Prozent sehen Pekings wachsenden Einfluss als positiv. Der Anteil derjenigen, die hierin einen Negativtrend sehen, ist im Vergleich zu 2018 sogar von 42 auf 46 Prozent gestiegen. Darüber hinaus würden 76 Prozent der Deutschen begrüßen, wenn Berlin gegenüber Peking stärker für seine Interessen, beispielsweise in Menschenrechtsfragen, einstünde, auch wenn dies wirtschaftliche Einbußen nach sich zöge.

Zusammenhalt in Europa - Frankreich bleibt wichtigster Partner

60 Prozent der Deutschen sehen Frankreich als wichtigsten oder zweitwichtigsten Partner Deutschlands. Damit ist Paris Spitzenreiter in der öffentlichen Meinung, gefolgt von den USA (42 Prozent), China (15 Prozent) und Russland (12 Prozent). Von den europäischen Staaten landet lediglich noch Großbritannien mit 7 Prozent auf dem fünften Platz der Liste der wichtigsten Partner Berlins. Was den bröckelnden Zusammenhalt innerhalb der Europäischen Union angeht, sehen 37 Prozent der Deutschen die Schuld bei populistischen Regierungen, 33 Prozent finden, die EU sei selbst schuld. Die Europapolitik von Angela Merkel wird von den Deutschen hingegen als positiv wahrgenommen: 56 Prozent sind der Meinung, Kanzlerin Merkel habe mehr für die Zukunft der EU getan als Frankreichs Staatspräsident Macron (17 Prozent).

Die Umfrage

Kantar Public hat im September 2019 im Auftrag der Körber-Stiftung 1.000 Wahlberechtigte ab 18 Jahren in Deutschland zu ihren außenpolitischen Einstellungen befragt. Alle US-Daten wurden durch das Pew Research Center im September 2019 erhoben.

Alle Ergebnisse, Tabellen und Grafiken online verfügbar unter:
www.theberlinpulse.org.

The Berlin Pulse

Die Publikation »The Berlin Pulse« der Körber-Stiftung stellt internationale Erwartungen hochrangiger Autorinnen und Autoren an deutsche Außenpolitik den außenpolitischen Einstellungen der Deutschen auf Basis einer repräsentativen Umfrage gegenüber. Unter den AutorInnen der dritten Ausgabe sind der polnische Außenminister Jacek Czaputowicz, die frühere stellvertretende chinesische Außenministerin, FU Ying, der frühere US-Sonderbeauftragte für die Koalition gegen den Islamischen Staat, Brett McGurk, sowie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Alle Beiträge online verfügbar unter:
www.theberlinpulse.org.

Angebote für Journalistinnen und Journalisten (bitte über den Pressekontakt, Herrn Julian Claaßen, anfragen):

  • Interview mit Nora Müller, Leiterin des Bereichs Internationale Politik der Körber-Stiftung
  • Tabellenbände von Kantar Public mit allen Umfrageergebnissen
  • Alle Infografiken zum honorarfreien Abdruck auf www.theberlinpulse.org
  • Verfolgen Sie die Reaktionen auf die Umfrage und »The Berlin Pulse« über Twitter: #theberlinpulse

Pressemeldung zum Download (PDF)

Pressekontakt
Julian Claaßen
Körber-Stiftung
Telefon: 040 – 808 192 233
E-Mail: claassen@koerber-stiftung.de
Twitter @KoerberIP

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