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Presse

Meldung

»Für die Freiheit der Anderen«

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu schilderte gestern in der »Rede zum Exil« seinen unermüdlichen Einsatz für politisch verfolgte Weggefährten.

»Wer innerlich frei ist, ist der natürliche Feind jedes diktatorischen Regimes« – mit starken Worten richtete sich der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Liao Yiwu gestern Abend im KörberForum ans Publikum. Yiwu, der in diesem Jahr die »Rede zum Exil« der Körber-Stiftung hielt, hat in China für seine Arbeit mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, ist gefoltert worden. Seit 2011 lebt er in Deutschland im Exil und in Sicherheit – »die ständige Angst ist gewichen«. In seiner Rede beschrieb er eindrücklich, warum sein Blick trotzdem auf die alte Heimat gerichtet bleibt: Den Einsatz für inhaftierte Freunde, Kollegen, Aktivisten in China versteht er gerade im Exil als seine Pflicht.

Schreiben gegen das Vergessen

Die Erkenntnis seiner inneren Freiheit, schilderte Yiwu, habe er erst im Gefängnis erlangt. »Im Gefängnis habe ich zur Genüge Erfahrungen mit der Folter gemacht und ich habe zweimal versucht, mir das Leben zu nehmen. Doch es war auch das Gefängnis, in dem ich gelernt habe, im Geheimen zu schreiben, und in dem ich von einem über achtzig Jahre alten Mönch das Flötenspiel gelernt habe. Beim Flötenspiel habe ich verstanden, ›dass Freiheit im Inneren entspringt‹.« Heute, im deutschen Exil, ist die Musik für ihn ein Bindeglied an die alte Heimat geblieben, etwa wenn er Flöte spiele, »für mich, meine kleine Tochter und nicht zuletzt für meine seelenverwandten Freunde in Unfreiheit.«

Der Handelskrieg Chinas mit den USA sei längst dabei, die Erinnerung an viele politisch Verfolgte in China zu verwischen, beklagte Yiwu. »Die Abgeschmacktheit und Grausamkeit der Welt hat keinen Bedarf mehr an Helden, die für die Demokratisierung ihres Vaterlandes ins Gefängnis gehen, ganz gleich, ob es sich um eine unwichtige Ameise handelt oder um einen Nobelpreisträger – ich habe das verstanden, habe verstanden, dass ich, obwohl ich eigentlich schon genug darüber geschrieben habe, weiter schreiben muss.« Am 22. Mai ist im Fischer Verlag Yiwus neuestes Buch erschienen: »Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand: Texte aus der chinesischen Wirklichkeit.« Die Textsammlung widmet sich dem Massaker am Tian‘anmen-Platz vor 30 Jahren.

Prägende Erfahrungen

Am 4. Juni 1989 hatte das chinesische Militär studentische Proteste am Tian‘anmen-Platz blutig niedergeschlagen. Mit seinem Gedicht »Massaker«, kurz darauf geschrieben und heimlich verbreitet, fiel der damals 30-jährige Liao Yiwu bei den Behörden in Ungnade und wurde verhaftet. Bis heute, 30 Jahre später, prägen die Erfahrungen von Verfolgung und Gewalt sein Leben. Seine bewegende Rede machte deutlich: Ein Leben im Exil sichert zwar das Überleben, lässt aber nicht vergessen.

»Rede zum Exil« bietet Einblicke in Exil-Perspektiven

Nach Ilija Trojanow und Can Dündar ist Liao Yiwu der dritte, der eine »Rede zum Exil« bei der Körber-Stiftung gehalten hat. »Mit diesem Format wollen wir die Herausforderungen des neuen Lebens im Exil deutlich machen, die Schwierigkeiten, aber auch Chancen aufzeigen und Menschen in ihrem Eintreten für offene und freie Gesellschaften unterstützen«, betonte Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Demokratie, Engagement, Zusammenhalt in der Körber-Stiftung, in seinem Grußwort. Die »Rede zum Exil« ist Teil des Fokusthemas »Neues Leben im Exil« der Körber-Stiftung. Damit möchte die Stiftung dazu beitragen, Exilierte in Deutschland stärker in den bürgerschaftlichen Dialog einzubinden und ihre Anliegen in die Gesellschaft zu tragen.

Die diesjährige »Rede zum Exil« bildete den öffentlichen Abschluss der Fachkonferenz »Exilland Deutschland – Herausforderungen in Wissenschaft, Kultur und Journalismus«, für die die Körber-Stiftung mit der Martin Roth-Initiative, der Philipp Schwartz-Initiative bei der Alexander von Humboldt-Stiftung und mit Reporter ohne Grenzen kooperiert hatte.

Materialien zum Download:

  • »Rede zum Exil« von Liao Yiwu in Deutsch (PDF), gehalten am 28. Mai 2019 in der Körber-Stiftung, es gilt das gesprochene Wort
  • Hintergrundtext zum Fokusthema »Neues Leben im Exil« (PDF)
  • Interview mit Sven Tetzlaff, Leiter des Bereichs Demokratie, Engagement, Zusammenhalt in der Körber-Stiftung (PDF)
  • Fotos von Liao Yiwu und der »Rede zum Exil« (Credit: Körber-Stiftung/Jann Wilken)

zu den Downloads

Das Fokusthema »Neues Leben im Exil«

Über die »Rede zum Exil« und die Konferenz »Exilland Deutschland« hinaus engagiert sich die Körber-Stiftung mit ihrem aktuellen Fokusthema »Neues Leben im Exil« für Menschen, die in Deutschland im Exil leben, hier ihre Erfahrungen von Krieg und Flucht, vom Verlust der Heimat und vom Ankommen in einer fremden Kultur reflektieren und den öffentlichen Diskurs bereichern. Die Stiftung macht die journalistischen, künstlerischen, politischen und wissenschaftlichen Aktivitäten dieser Menschen sichtbar und zeigt historische Kontinuitäten auf. Sie stärkt damit Dialog und Zusammenhalt und trägt zu einer lebendigen Bürgergesellschaft bei.

www.koerber-stiftung.de/exil

Pressemeldung zum Download (PDF)

Informationen zum Thema:
Körber-Stiftung
Fokusthema »Neues Leben im Exil«
Andrea Bayerlein
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 177
E-Mail bayerlein@koerber-stiftung.de
www.koerber-stiftung.de
Twitter @KoerberLBG
Instagram @gesichterdesexils

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