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Bedingt dialogbereit

Die Wissenschaft soll intensiver kommunizieren, eine bedeutende Rolle dabei sollen junge Forschende spielen. Wie sich Doktorandenausbildung und Anreizsystem in der Wissenschaft dafür ändern müssten, erläutern Matthias Mayer, Bereichsleiter Wissenschaft, und Friederike Schneider, Programmleiterin Hochschule, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Das Jahr der Wissenschaftskommunikation sollte 2020 werden. Endlich einmal wollte man ganz grundsätzlich nachdenken, in Runden des Wissenschaftsrates und des Forschungsministeriums beispielsweise, um nur zwei prominente Vorhaben zu nennen. Und dann wurde es tatsächlich ein Jahr der Wissenschaftskommunikation, aber gänzlich anders als man geplant hatte: keine Meta-Runden des alltagsentlasteten Nachdenkens, sondern der Ernstfall, Wissenschaftskommunikation sozusagen im Dauer-Elch-Test. Corona, so heißt es, wirke wie eine Lupe zur Sichtbarmachung gesellschaftlicher Zustände, so auch hier: Mit einem Mal liegt die unverzichtbare Rolle nicht nur von Forschung selbst, sondern auch des vernünftig-verständlichen Redens über sie offen vor aller Augen – die Vertrauenswerte steigen und Forscherinnen und Forscher finden sich unverhofft als Personen des öffentlichen Lebens auf den Titelseiten und in den Hauptnachrichten. Aber so uneingeschränkt nötig und lobenswert die Bereitschaft zum Gang in die öffentliche Arena auch ist, war und ist sie für die Beteiligten durchaus ein Schritt aus der Komfortzone und keineswegs immer nur zum Vorteil der Beteiligten – viel Ehr‘, viel Feind‘ könnte man die Lage pointiert zusammenfassen. 

Kommunikation als Chance?

Was heißt das also, wenn künftig für Forschende gelten soll »Schweigen ist Silber, Reden ist Gold«? Was heißt das vor allem für diejenigen, bei denen die politischen Akteure ein besonderes Potenzial sehen, den – so ein Grundsatzpapier des Bundesforschungsministeriums – »bereits begonnenen Kulturwandel hin zu einer kommunizierenden Wissenschaft fortzusetzen«, nämlich beim sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs?

Die Annahme eines besonderen kommunikativen Potenzials ist aus der Perspektive der Early Career Researcher sicherlich eine schmeichelhafte Unterstellung, sie hat aber ein Janusgesicht. Ja, Kommunikation mit der Gesellschaft bietet die Chance, Gehör zu finden für das eigene Thema, Einfluss auf eine Debatte nehmen zu können, heißt aber auch, neben der Herausforderung, aus der Early eine Advanced Career zu machen, sich obendrein um ein Feld kümmern zu sollen, das im klassischen Reputationssystem der Wissenschaft bisher keine Rolle spielt.

Von dieser ungünstigen Startvoraussetzung für einen echten Kulturwandel abgesehen, gibt auch die Empirie keinen Anlass zu Überschwang. Im internationalen Vergleich nehmen sich Ansehen von und Bereitschaft zu Wissenschaftskommunikation beim deutschen Forschungsnachwuchs eher bescheiden aus. Er ist nur halb so aktiv wie der internationale Durchschnitt, findet nur zur Hälfte im Vergleich zu 80 Prozent in den USA, dass ein entsprechendes Engagement positive Auswirkungen auf die eigene Karriere hätte und fühlt sich überdies durch die Ausbildung sehr schlecht auf diese Aufgabe vorbereitet.

Wissenschaftskommunikation braucht Qualifizierung

Was wäre also zu tun, um aus dem Wunschbild Wirklichkeit werden zu lassen? Es gälte zunächst einmal für die Entwicklung und Vermittlung eines entsprechenden wissenschaftlichen Selbstverständnisses zu sorgen und auch dafür, mit einem realistischen Erwartungsmanagement die Anforderungsschraube nicht noch fester zu drehen. Es geht darüber hinaus um eine offene Diskussion der Frage, wie politisch Forscherinnen und Forscher sein dürfen und sollen. Es geht um die Frage, welche Schutzmechanismen erforderlich sind, um gerade Neueinsteiger in den Kommunikationsarenen vor persönlichen Anfeindungen zu bewahren oder sie zumindest darauf vorzubereiten und damit geht es schließlich um die Frage, wie entsprechende Kompetenzen spätestens in der Phase der Promotion überhaupt erworben werden könnten.

Aktuell ist Wissenschaftskommunikation kein obligatorischer Baustein in den Promotionsprogrammen. Hier aber, wo die Universitäten den wissenschaftlichen Nachwuchs ausbilden, sollte eine entsprechende Qualifizierung systematisch verankert werden. Dabei geht es nicht um Coachings in Selbstvermarktung oder Werbung für die Leistung der eigenen Forschungsinstitution und nicht darum der Kommunikationsabteilung den Rang abzulaufen oder den Wissenschaftsjournalismus überflüssig zu machen. Und es geht auch nur zum Teil um den Erwerb konkreter Skills und Techniken. Vielmehr wird hier einmal konkret, was mit der alten Idee von »Bildung durch Wissenschaft« gemeint sein sollte, dass nämlich mit dem Neugier- und Wissensprivileg der Wissenschaft eine Verantwortung einhergeht, dieses zum Wohle der Gesellschaft zu nutzen. Hier sollten sich ein Selbstverständnis von Forschenden ausbilden, das neben der Erzeugung von Wissen auch dessen Verbreitung über die eigene Fachcommunity hinaus als essentiellen Bestandteil begreift, kurz, es geht um die Frage, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in die Gesellschaft hineinwirken und am Meinungsbildungsprozess teilhaben können, indem sie erklären, beraten, sich in Debatten einmischen. Es geht darum, wann es zur Pflicht wird, Fake News nicht unkommentiert stehen zu lassen, die das eigene Forschungsfeld betreffen und wie man Unsicherheiten und die Vorläufigkeit wissenschaftlichen Wissens kommuniziert, aber darauf beharrt, dass methodisch abgesichertes Wissen eine andere Qualität hat als Meinungswissen. Beratend kann die eigene Pressestelle tätig werden, um Ideen für die geeignete Zielgruppenansprache zu entwickeln. Wesentlich wäre aber darüber hinaus der organisierte Austausch mit Forschenden, die in diesem Feld schon länger Erfahrung sammeln konnten, dieser könnte etwa in einem entsprechenden Mentoringprogramm systematisiert werden. Idealerweise sollte man in der Ausbildung Ansprechpartner für das Entwickeln einer eigenen Kommunikationsstrategie finden und sich darüber klar werden, an welcher Stelle, in welchen Formaten und mit welchen gesellschaftlichen Gruppen ein Austausch über die eigene Forschung am sinnvollsten funktionieren kann. Das wäre eine gute Grundlage für eine stärker kommunizierende Wissenschaft.  

Kulturwandel ist nötig - aber nicht nur beim Nachwuchs

Wenn man den Kulturwandel im System vorantreiben will, macht es Sinn, den wissenschaftlichen Nachwuchs in den Blick zu nehmen – allerdings nicht, um die Angelegenheit dort abzuladen und zu hoffen, dass sich die gewünschte Haltung und Kompetenz dann nach oben durchwächst.
Handfeste Strukturreformen gehören aufs Tapet, die Berufungsverfahren ebenso einbeziehen wie die Kommunikationsarchitektur von Wissenschaftsinstitutionen und die Honorierung von gesellschaftlichem Impact nach angelsächsischem Vorbild. 

Denn befristet beschäftigte junge Forschende, die spätestens ab Woche drei ihrer Doktorandenlaufbahn an Publikationserwartungen erinnert werden, können nicht zentrale Träger von Wissenschaftskommunikation sein, wenn diese im günstigsten Fall für ihre wissenschaftliche Karriere nichts bringt und im ungünstigen Fall schädlich ist. Solange junge Forschende von wohlmeinenden älteren Kollegen den Rat bekommen, mit solcherlei Zusatzaufgaben nicht ihre »Zeit zu verplempern« und ein verpatztes Interview den Ruf ruinieren kann, aber ein geglücktes keinen Effekt macht, ist eine effiziente wissenschaftliche Karriereplanung eine, die Wissenschaftskommunikation außen vor lässt. Vor diesem Hintergrund ist es ermutigend, dass sich Jahr für Jahr rund fünfhundert frisch Promovierte am Deutschen Studienpreis beteiligen – einem Promotionspreis, bei dem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Befunde darlegen und als Preisträger in vielfältigen Formaten Wissenschaftskommunikation betreiben. Aus der Erfahrung mit diesem Wettbewerb lässt sich sagen: Das Interesse der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Austausch mit der Öffentlichkeit ist ebenso groß wie der Wunsch, die eigene Arbeit in die gesellschaftliche Debatte einzubringen. Zielführend wäre es, wenn ein solches Engagement am Ende auch in Berufungsverfahren bei der Besetzung von Professuren Beachtung fände. Das aber ist trotz aller Bekenntnisse zur Wissenschaftskommunikation in Deutschland bislang eher nicht der Fall. 

Den Rücken stärken

Wissenschaftskommunikation kann nur aus dem gesamten Wissenschaftssystem heraus gestärkt werden, das dafür die geeigneten Anreizmechanismen entwickeln und dem wissenschaftlichen Nachwuchs Experimentierräume zur Verfügung stellen muss. Zu beachten ist dabei, dass es in manchen Fällen gar nicht mehr möglich ist, Kommunikation abzulehnen: Die sozialen Netzwerke bieten nicht nur vielfältige Möglichkeiten mit der Öffentlichkeit in direkten Kontakt zu treten. Forschenden, die auf kritischen Forschungsfeldern aktiv sind, finden sich gelegentlich unversehens im Zentrum eines Sturms von gefühlten Wahrheiten, Hass-Posts und -Mails wieder. Der Ton ist schärfer geworden. Hier braucht man Klarheit, wie zu handeln ist und eine Institution, die einem den Rücken stärkt. Die sich also nicht nur mit erfolgreicher Kommunikation schmückt, sondern sich ebenso sehr für den Schutz von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in die Schusslinie geraten, verantwortlich fühlt. 

Das ist eine große Verantwortung der Wissenschaftsinstitutionen, die sich dem oftmals auch gerne stellen möchten, es aber mit ihren eigenen Anreizsystemen und zu liefernden Kennzahlen zu tun haben. Hier wiederum ist die Politik gefragt, die richtigen Impulse zum Beispiel durch entsprechende Förderprogramme zu setzen. 

Wir brauchen Transferagenten!

Die könnten dann auch die Rolle der professionellen Wissenschaftskommunikatorinnen und -kommunikatoren stärken. Sollte also wider Erwarten demnächst doch noch einmal Zeit sein für krisenentlastete Grundsatzüberlegungen, wäre darüber zu diskutieren, wie diese ein neues Selbstverständnis als offen agierende Doppelagenten entwickeln könnten. Denn wenn sich aus der derzeitigen Krise eines lernen lässt, so dies, dass es auch in Zukunft einen wachsenden Bedarf nach wissenschaftlicher Expertise und wissenschaftlichem Rat geben wird. Die Gesellschaft erwartet zu Recht, Wissenschaft solle gefälligst einen substanziellen Beitrag zur Lösung realer Probleme leisten. Nun herrscht zwar in der Wissenschaft wenn auch keine Einigkeit, so doch bescheidene Sympathie für diesen Gedanken des Transfers, aber andererseits auch weithin Ratlosigkeit, wie denn ein solcher Transferprozess sinnvoll organisiert werden könnte. Läge, so unser Vorschlag, hier nicht eine schöne Aufgabe für Wissenschaftskommunikatoren, quasi als Transferagenten in verkehrter Richtung, nämlich als diejenigen, die die Fragen der Gesellschaft kennen und die dazu in der Lage wären, diese in die Wissenschaft hinein zu transportieren? Das wiederum hieße Wissenschaftskommunikation nicht nur von den Errungenschaften der Wissenschaft her zu denken, sondern öfter einmal auch von den Anforderungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Kommuniziert würde, was relevant ist. 

Das sind dicke Bretter, für deren Bearbeitung die Chancen in diesem Jahr aber nicht schlecht stehen: In Anja Karliczeks Denkfabrik „#FactoryWisskomm“ kommen in diesem Jahr schon einmal alle Vertreter aus dem deutschen Wissenschaftssystem zusammen, die für entsprechende Reformen relevant wären. 

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