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    Öffnet die Schulen!

    Die Corona-Krise hat Schwächen des Bildungssystems offenbart – und die Anpassungsfähigkeit vieler Lehrkräfte, Schüler und Eltern. Was wir aus dieser Zeit lernen können, erklärt Julia André, Leiterin Bereich Bildung, in einem Beitrag für Zeit Online

    In Hamburgs Schulen soll bis zu den Herbstferien ausnahmslos im Klassenzimmer und nach Stundentafel unterrichtet werden. Ausflüge, Projektwochen, Klassenreisen – alles untersagt. Die wertvolle Schulzeit, so Senator Rabe in seiner Begründung, müsse optimal für den Präsenzunterricht im Sinne des Lernerfolges der Kinder und Jugendlichen genutzt werden.

    Das ist auf den ersten Blick nachvollziehbar, auf den zweiten Blick fatal. Denn die unüberhörbare Botschaft im Subtext lautet, dass die wesentlichen Lernerfolge im Klassenzimmer erzielt werden, während extracurriculare, außerschulische Aktivitäten hübsches Beiwerk, im Zweifel aber entbehrlich sind.

    Das Gegenteil ist der Fall: Schule allein wird die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert nicht vermitteln können. Mit der Digitalisierung erleben wir die exponentielle Zunahme von Wissen und Informationen. Unser Bildungssystem, in dem Jahre vergehen können, bis neue Lehrpläne und Prüfungsordnungen verabschiedet sind, und eine zeitgemäße technische Ausstattung trotz Digitalpakt immer noch in weiter Ferne liegt, kann mit dieser Veränderungsgeschwindigkeit schlicht nicht mithalten.

    Schule kann die Komplexität unserer gesellschaftlichen Realität und der rasant wachsenden Wissensbestände nicht mehr abbilden; sie muss sich ihr öffnen.

    Es kann also nicht weiter überraschen, dass Kinder und Jugendliche Schule zunehmend als eine Art Parallelwelt erleben; weitgehend entkoppelt von ihrer Lebenswirklichkeit und der Arbeitswelt, auf die sie doch eigentlich vorbereiten soll. Natürlich können wir Schule auch in Zukunft als geschlossenes System betrachten, Lehrpläne weiter aufblähen, über die Einführung zusätzlicher Fächer streiten und den Lehrkräften immer neue Themen und Aufgaben aufbürden. Oder wir entscheiden uns, mutig zu sein und den pandemiebedingten Zwang zum Experiment zu nutzen, um Schule endlich durchlässiger zu machen – nach innen und außen: für neue Berufsbilder, für das Know-How von Expertinnen und Praktikern, für die Verknüpfung mit anderen Lernorten in der Stadt.

    Wie das konkret aussehen könnte? Ein Anfang wäre beispielsweise, dass neue Professionen in Schule Einzug halten und nicht länger Lehrerinnen und Lehrer Aufgaben erledigen, für die es in jeder anderen Organisation eigens dafür ausgebildete Fachkräfte gibt. Systemadministratoren, EdTech-Spezialisten oder auch administrative Leitungen übernehmen Schnittstellenfunktionen, bringen Expertise ein, sorgen für Effizienz, wo es um Effizienz geht, und entlasten so das pädagogische Personal. Solange es nicht ausreichend Informatik-Lehrkräfte gibt, bieten Coding-Initiativen Einführungskurse ins Programmieren an, und um neben fachlichen Grundlagen und Schlüsselkonzepten immer wieder tagesaktuelle Themen und neuste Forschungserkenntnisse zu vermitteln, unterrichten Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig im Tandem mit Fachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Für noch mehr Aktualitäts- und Weltbezug findet Lernen außerdem zunehmend an dritten Orten statt: im Hochschullabor, im Ausbildungszentrum eines Unternehmens, in Archiven, Bibliotheken und Museen, im Sportverein, im Stadtteilkulturzentrum oder im botanischen Garten. In einem Stadtstaat wie Hamburg sind die Wege kurz und die möglichen Partner und Lernorte vielfältig. Und natürlich kümmert sich an jeder Schule ein Community-Manager um den Aufbau und die Pflege dieses Ökosystems.

    Viel zu kompliziert, das kann nicht klappen? Wer sich eines Besseren belehren lassen will, möge sich das an der Aalto Universität erdachte, im finnischen Espoo praxiserprobte und mittlerweile in mehrere Länder weltweit übertragene Modell School as a Service näher anschauen oder auch die im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnete Alemannenschule Wutöschingen. Das ganze Dorf bzw. die ganze Stadt ist die Schule – diese Überzeugung verbindet die Dorfschule im südlichsten Zipfel Baden-Württembergs mit dem skandinavischen Pilotprojekt. Bestimmt kein Zufall ist, dass beide Konzepte aus der Not geboren wurden: Das in Wutöschingen war die Antwort auf eine drohende Schulschließung; in Espoo stand eine Grundsanierung des Schulgebäudes an, ohne dass es entsprechende Ausweichflächen gab. Ermutigung genug also, die aktuelle Krise als Chance zu nutzen!


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