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  • Gabriele Woidelko, Leiterin des Bereichs Geschichte und Politik
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    »Wir unterziehen alle Aktivitäten zur Verständigung mit Russland derzeit einer Überprüfung«

    Gabriele Woidelko, unsere Leiterin des Bereichs Geschichte und Politik, ist eine ausgewiesene Russlandexpertin. In zwei aktuellen Interviews erläutert sie unter anderem, wie der Krieg Russlands gegen die Ukraine die Arbeit unserer Stiftung verändert und wie wir das Handlungsfeld »Internationale Verständigung« jetzt ausrichten.

    Interview in »Politik & Kultur«, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrates (Ausgabe 4/22)

    Zeitenwende – Drei Fragen an Gabriele Woidelko von der Körber-Stiftung 

    Seit Jahren widmet sich die KörberStiftung der Wiederbelebung eines kritischen und konstruktiven Dialogs zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn. Dafür bringt sie unter anderem Politiker, Journalisten und Experten zusammen. Russlandexpertin und Leiterin des Bereiches Geschichte und Politik der Hamburger Stiftung, Gabriele Woidelko, ordnet das Engagement und die Position der Stiftung zum Ukraine-Krieg ein. 

    Der Krieg in der Ukraine ist ein historischer Wendepunkt: Wie positioniert sich die Körber-Stiftung dazu?

    Gabriele Woidelko: Der Angriff Russlands auf sein unabhängiges Nachbarland Ukraine ist ein völkerrechtswidriger Krieg, der sich gegen die territoriale, nationale und politische Eigenständigkeit des Landes richtet. Es handelt sich um einen gezielten Angriff auf die Städte und Dörfer, die Infrastruktur und die Menschen in der Ukraine. Der Krieg führt zu unermesslichem Leid in der Bevölkerung und zerstört die Lebensgrundlagen unzähliger Menschen. Russland muss seine Angriffe deshalb sofort beenden. Die Folgen des Krieges für die europäische und internationale Friedens- und Sicherheitsordnung sind derzeit noch gar nicht abzusehen. Sicher ist aber, dass die Ordnung, die nach dem Ende des Kalten Krieges 1989/1991 entstand, nun ebenfalls in Trümmern liegt. In diesem Sinne handelt es sich tatsächlich um eine Zeitenwende. Unsere Solidarität und Unterstützung gilt jetzt zuallererst unseren Partnern und Kollegen in und aus der Ukraine. 

    Verständigung mit Russland zählt seit Jahrzehnten zum Kern der Arbeit der Körber-Stiftung. Wie wird dieser Teil Ihrer Arbeit zukünftig aussehen? Inwieweit ist ein konstruktiver Dialog mit Russland überhaupt noch möglich? 

    Wir unterziehen alle Aktivitäten zur Verständigung mit Russland derzeit einer Überprüfung. Eines ist klar: Jegliche Zusammenarbeit mit denjenigen, die die Invasion politisch, verbal oder in anderer Weise unterstützen und damit die Zerstörung der europäischen Friedens- und Sicherheitsordnung und das Leid in der Ukraine befeuern, ist für uns ausgeschlossen. Wichtig ist aber auch: Wir dürfen es nicht zu einer pauschalen Verurteilung alles Russischen kommen lassen. Tausende Russinnen und Russen sind derzeit selbst Verfolgte in ihrem eigenen Land, oft bleibt ihnen kein anderer Ausweg als das Exil. Das betrifft beispielsweise unsere langjährige Partnerorganisation MEMORIAL International, die mittlerweile verboten wurde. Aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Medien- und Kulturschaffende, die durch politische Repressionen aus dem Land gedrängt werden und mit denen wir oft seit Jahren verbunden sind. Diese Menschen verdienen auch weiterhin unsere Unterstützung. Und sie werden diese Unterstützung von uns auch bekommen. Für einen konstruktiven Dialog braucht es immer zwei Parteien, die an einem Austausch ernsthaft interessiert sind. Solange Russland in der Ukraine Städte und Menschen bombardiert, solange Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer gezwungen sind zu fliehen, solange es täglich neue Meldungen von Tod und Zerstörung gibt – so lange halte ich einen Dialog mit offiziellen Vertretern Russlands jeglicher Couleur und den Unterstützern des Systems Putin für ausgeschlossen. Und auch im Falle eines Friedens wird es Jahre dauern, bis das zerstörte Vertrauen auch nur annäherungsweise wieder hergestellt werden kann.

    Wie wird die Körber-Stiftung das zentrale Handlungsfeld »internationale Verständigung« weiter ausrichten? Was gilt es, in ihrer Funktion als Brückenbauer jetzt zu tun?

    Derzeit arbeiten wir vorrangig an kurzfristiger Soforthilfe: Wir unterstützen unsere Partner in der Ukraine dabei, die persönlichen und beruflichen Folgen des Krieges abzumildern. Wir helfen ihnen, anderen zu helfen. Also beispielsweise Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die vor dem Krieg innerhalb der Ukraine fliehen mussten und die jetzt Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten benötigen. Und wir unterstützen auch weiterhin liberale Kräfte der russischen Zivilgesellschaft wie beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen von MEMORIAL International, von denen einige Russland bereits verlassen haben. Mit unseren Partnern, die durch Russlands Krieg gegen die Ukraine ins Exil gezwungen werden, werden wir mittelfristig Möglichkeiten identifizieren müssen, wie und wo sie ihre Arbeit weiterführen können. Als operative Stiftung sind unsere reinen Fördermöglichkeiten leider sehr begrenzt. Aber zum Glück gibt es in Deutschland weitere Stiftungen, Vereine sowie auch öffentliche Träger, die sich ebenfalls sehr engagieren und mit denen wir gut zusammenarbeiten. Was die langfristige Perspektive angeht, so werden wir in unserem Handlungsfeld internationale Verständigung vor allem über die Themen internationale Außen- und Sicherheitspolitik, aber auch über Fragen der Erinnerungskultur und Geschichtspolitik neu nachdenken müssen. Wie können demokratische Kräfte über nationale Grenzen hinweg der Instrumentalisierung von Geschichte als Waffe entgegentreten? Wie müssen wir zukünftig über die Entstehung von Kriegen und Friedensprozesse nachdenken? Welche Botschaft wollen und können wir über die Grenzen Deutschlands hinaus mit Gedenktagen wie dem 8. Mai verbinden? Das sind nur einige Beispiele für die Themen, die auf dem Tisch liegen.

    zum Interview in »Politik & Kultur« (PDF; Seite 24)

     

    Interview im »Rotary Magazin«, Titelthema »Kultur im Schatten«

    Gespräche reißen ab, Kooperationen enden: Gabriele Woidelko über die Herausforderungen des Krieges für die Körber-Stiftung.

    zum Interview im »Rotary Magazin«


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