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  • Karin Haist, Altersexpertin der Körber-Stiftung (Foto: Claudia Höhne)
  • Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift "Alternative Kommunalpolitik"
  • - Meldung

    Kanäle offenhalten in der Corona-Krise

    Mitten im aktuellen Lockdown interessieren sich lokale Verwaltungen für innovative Ideen, trotz Kontaktbeschränkungen ihre älteren Bürgerinnen und Bürger zu erreichen und zu versorgen. Eine Studie der Körber-Stiftung, im Sommer 2020 durchgeführt vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung, liefert Antworten. Ein aktueller Artikel von Karin Haist, Leiterin der Projekte demografische Zukunftschancen in der Körber-Stiftung, stellt diese Studie vor.

    Im Mittelpunkt steht die Innovationskraft der Kommunen in der ersten Phase der Pandemie. Die Autorin und Altersexpertin kommt zu dem Schluss: »Die Bürgermeisterämter, Sozialdezernate und Altersreferate haben sich als innovative Krisenmanager bewährt und Lösungen für die Information, Versorgung und soziale Einbindung ihrer älteren Bewohner geschaffen. Ein großer Vorteil der lokalen Ebene sind dabei ihre entwickelten Ökosysteme: Kommunikation und Kooperation in überschaubaren Räumen, gewachsene Strukturen und Netzwerke.«

    Der Beitrag von Karin Haist ist erschienen in Heft 1/2021 der Zeitschrift Alternative Kommunalpolitik.
    Weiter unten finden Sie eine gekürzte Version.

    Die Studie »Kommunale Innovation. Altersfreundlichkeit in Zeiten der Corona-Pandemie« ist in der Reihe »Spotlight Demografie« erschienen. Sie ist kostenfrei bei der Körber-Stiftung bestellbar.

    Kanäle offenhalten in der Corona-Krise

    Das lokale Altersmanagement besteht die Bewährungsprobe und zeigt die Innovationskraft der Kommunen

    Im März 2020 rückte das Corona-Virus aus den Schlagzeilen über Geschehnisse in fernen Orten plötzlich mitten in unsere Städte. Quasi über Nacht herrschten Kontakt- und Besuchsverbote, verwaisten die Straßen und Plätze. Öffentliche Begegnungsorte mussten schließen, und ältere Menschen waren von Angeboten der Altenhilfe abgeschnitten, ja überhaupt isoliert, zuhause ebenso wie in Seniorenwohneinrichtungen. 

    Zu den vielen Aufgaben einer kommunalen Verwaltung gehört auch die Fürsorge für ihre älteren Bürgerinnen und Bürger. Wie die Städte und Gemeinden unter dem Eindruck der ersten Welle der Pandemie versuchten, altersfreundlich zu bleiben und den Kontakt mit den Älteren aufrechtzuhalten, ist Gegenstand einer qualitativen Befragung, die das Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung für die Körber-Stiftung durchführte. Das Ergebnis, das sich aus den befragten zwölf Kommunen sicherlich auf viele übertragen lässt: Die Bürgermeisterämter, Sozialdezernate und Altersreferate haben sich als innovative Krisenmanager bewährt und Lösungen für die Information, Versorgung und soziale Einbindung ihrer älteren Bewohner geschaffen. Ein großer Vorteil der lokalen Ebene sind dabei ihre entwickelten Ökosysteme: Kommunikation und Kooperation in überschaubaren Räumen, gewachsene Strukturen und Netzwerke. 

    Fenstergespräche und Whatsapp-Sprechstunde

    Was das konkret heißt, wird am Beispiel der vielfältigen Ideen deutlich, die vor Ort entstanden sind, um die Kommunikationskanäle zu den Älteren offenzuhalten. Ältere waren für die Verwaltung nach Ausbruch der Pandemie oft gar nicht mehr zu erreichen. Denn bisher waren die Angebote der Gemeinden meist an den öffentlichen Raum gebunden. Es waren »Komm-Strukturen«: Beratung, Begegnung und Geselligkeit, aber auch präventive Gesundheitskurse oder Lernangebote fanden in kommunalen Begegnungsorten statt. Und die waren nun dicht. 

    In Kassel reagierte die Altenhilfe auf das erzwungene Schließen von Seniorentreffs mit ungewöhnlicher aufsuchender Arbeit: Die Mitarbeitenden aus den dezentralen Anlaufstellen starteten Telefonketten, aber sie liefen auch durchs Quartier, um über Fenster und Balkone die Sorgen ihrer Klientinnen und Klienten zu erfahren. Die »Kasseler Fenstergespräche« sind ebenso spontan und unbürokratisch entstanden wie das Angebot der Stadtbibliothek Arnsberg, auf Wunsch den Nutzern und Nutzerinnen am Telefon 15 Minuten lang Geschichten oder Gedichte ihrer Wahl vorzulesen – auch das ein Angebot, das sich vor allem gegen drohende Vereinsamung richtet. 

    Aber innovative Kommunikation in Corona-Zeiten, das ist manchmal auch schlicht eine besonders pfiffige Idee, Informationen zur Pandemie so zu verpacken, dass sie möglichst viele Menschen erreichen und sie darin bestärken, verordnete Maßnahmen zu verstehen und zu akzeptieren. Viele Verwaltungen errichteten Corona-Hotlines; in Tirschenreuth in der Oberpfalz bewarb die Stadt über Zeitung, Rundfunk und soziale Medien die Angebote ihrer zentralen Hilfsplattform »LebenPlus«. In Arnsberg erhöhte die Fachstelle Zukunft Alter die Frequenz ihres Info-Rundbriefs: Bis heute erscheint er wöchentlich, enthält Infos rund um das Virus, aber auch Hilfsangebote, Erfahrungsberichte, Nützliches und Heiteres. Die Gemeinde Muldestausee im Kreis Anhalt-Bitterfeld hält ihre Bürgerinnen und Bürger über die mitunter komplexen Corona-Anordnungen des Landes mit Schautafeln in verständlicher Sprache und vielen Piktogrammen auf dem Laufenden – und das im Netz, in Aushängen, über Social Media oder auch Flugblätter. Auch eine Whatsapp-Sprechstunde des Bürgermeisters wird in der Krise gern genutzt. Im sächsischen Weißwasser setzte der Oberbürgermeister sein Angebot der »Gerüchteküche«, ein Gesprächsangebot auf dem Marktplatz, auch in der Krise fort – wann immer die Kontaktbeschränkungen es zuließen. Mit seiner persönlichen Präsenz will er falschen Gerüchten, Fake News und Verunsicherungen vorbeugen. 

    »Die kreativen Köpfe sind in den Gemeinden und Städten«

    Die Verantwortlichen für das kommunale Altersmanagement haben die Corona-Zeit auch selbst als Herausforderung erlebt, in denen es darum ging, entschieden und unkonventionell zu handeln. Das wurde bei einer Gesprächsrunde auf dem 11. Körber Demografie-Symposium deutlich. Susanne Jungkunz, Leiterin der strategischen Sozialplanung der Stadt Oldenburg in Oldenburg, lobte, wie agil sich ihre Verwaltung auf die Pandemie einstellen konnte und wie man aus verschiedenen Blickwinkeln, aber immer kooperativ reagiert habe: »Die Corona-Transformation hat so viel angetriggert. Dahinter können wir nicht wieder zurück.« Franz Stahl, langjähriger Bürgermeister der Stadt Tirschenreuth, sieht die »kreativen Köpfe sind in den Gemeinden und Städten«. Und Ferid Giebler, Bürgermeister von Muldestausee in Sachsen-Anhalt, hat mit seinen Mitarbeitenden in der Corona-Krise einen kleinen kreativen Zirkel gebildet. Wo nötig, könne »die Verwaltung auch mal schnell umstrukturiert werden«. Die Kommunen seien leistungsfähig: »In der Krise kann man sich bewähren.«

    Vertrauen entsteht lokal

    Dass zupackende Reaktionen, persönliche Gesprächsangebote und die Informationsvermittlung gerade im kommunalen Nahbereich in der Corona-Zeit essentiell sind, schätzt auch die Weltgesundheitsorganisation so ein. Der WHO-Sonderberater des Generaldirektors für den Kampf gegen Covid 19, der britische Arzt Dr. David Nabarro, ist überzeugt, dass Restriktionen und Notfallmaßnahmen von oben nicht ausreichen, um der Covid-Pandemie global Herr zu werden: »It’s all about trust« – nur durch Vertrauen in die Maßnahmen und die Handelnden dahinter könnten Menschen überzeugt werden, sich an Spielregeln zu halten und sich und andere zu schützen. Und dieses Vertrauen in die Krisenbewältigung entstehe nur vor Ort, »nur durch lokale Führung«. Den Kampf gegen die Pandemie, so Nabarro auf dem Körber Demografie-Symposium, könne global nur gewonnen werden durch funktionierende Gesundheitssysteme, Hygienemaßnahmen jedes Einzelnen – und »Leadership«, eben vor allem auch im kommunalen Kosmos. 

    Die Ideen, die in vielen Kommunen so spontan und kreativ für das Wohlbefinden der älteren Bürgerinnen und Bürger in der Pandemie entstanden sind, dürfen insofern auch durchaus als Ausweis einer kommunalen Innovationsfähigkeit insgesamt gewertet werden. Es sind soziale Innovationen, die die Lebensumstände der Menschen vor Ort verbessern und dem Gemeinwohl dienen. Die Kommunen sind ein guter Nährboden für solche Innovationen, zu diesem Schluss kommt die Befragung von Berlin-Institut und Körber-Stiftung. Die Studie führt das auch auf die Subsidiarität zurück, das Prinzip der Verantwortung der kleineren Einheit: »Die kleinräumige Zuständigkeit für Krisenbewältigung und Lösungen führt in Deutschland zu einer Vielfalt an innovativen Konzepten – der viel zitierte ‚Flickenteppich‘ ist aber kein Nachteil, sondern bildet einen riesigen Schatz.«


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