+
Programme > Lebendige Bürgergesellschaft
  • - Meldung

    Altersfreundlichkeit im zweiten Coronajahr: Ein kommunales »Thesenbattle«

    2021 beginnt, wie 2020 endet: Corona dominiert alles. Auch die Arbeit für und mit älteren Menschen vor Ort in Deutschland. Einerseits sind die kommunal Zuständigen mit konkreten Fragen wie der Umsetzung von Impfungen beschäftigt, andererseits ringen sie um grundsätzliche und essentielle Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe Älterer.

    Die Einsamkeit Hochaltriger ist und bleibt ein brennendes Thema. Die Kommunen arbeiten unter Hochdruck daran, digitale Möglichkeiten zu schaffen, die es Menschen ermöglichen, trotz physischer Distanz sozial eingebunden zu bleiben.

    Das alles sind Schlaglichter aus einer besonderen Veranstaltung: Für kommunale Entscheiderinnen und Entscheider aus ganz Deutschland bot die Körber-Stiftung nämlich einen ungewöhnlichen Jahresauftakt. Mit einem »Thesenbattle« zum Thema Altersfreundlichkeit setzten sich Verwaltungsangestellte von Flensburg bis Rastatt mit Zitaten und Meinungsäußerungen renommierter Vordenkerinnen und Vordenker auseinander – und glichen die zugespitzten Thesen mit der eigenen kommunalen Realität ab. Im Rahmen des »Stadtlabor Online« entstand so auch ein profunder Ausblick auf das noch junge Jahr. 

    Die soziale Isolation Älterer wird auch 2021 ein zentrales Thema sein

    Zum Thema Isolation debattierte der Kreis entlang einer These der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen: »Die soziale Isolation von Menschen in Pflegeheimen (…) stellt den mit Abstand schwersten Grundrechtseingriff in der Corona-Pandemie dar.« Zu dieser Position gab es große Zustimmung. Aktuell sei die Situation dramatisch. Die Kommunalverantwortlichen sehen großen Handlungsbedarf. Aber auch Auswege: Vor allem in der stationären Pflege könnten die verbindliche Einrichtung von Wlan und auch die Befähigung der Mitarbeitenden sowie Schaffung von Ressourcen zur digitalen Assistenz viel ausrichten. 

    Problematisch gestaltet sich allerdings die uneinheitliche Handhabung der Regelungen durch die Heimbetreiber. Zum Teil seien ausgereifte Konzepte vorhanden, aber es handle sich immer um eine Gratwanderung zwischen dem individuellen Bedürfnis nach sozialem Kontakt und dem Bedürfnis nach Sicherheit, sowohl der zu Pflegenden als auch der Einrichtung selbst. Kein Heim wolle Hotspot werden. Ein grundsätzliches Dilemma, so eine Teilnehmerin: Die Einrichtungen müssten betriebswirtschaftlich handeln. Dabei stehe es nicht ganz oben auf der Agenda, alle Möglichkeiten zur sozialen Begegnung auszuschöpfen. Die Teilnehmenden sind sich sicher: Soziale Isolation wird auch 2021 ein brennendes Thema bleiben und durch die hohe Infektions-Gefährdung von Pflegeeinrichtungen sogar noch zunehmen.

    Digitalisierung braucht Zugänge 

    Digitale Angebote bieten in den Augen der kommunalen Gestalterinnen und Gestalter von altersfreundlichen Lebenswelten eine große Chance – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Einer Forderung von Dagmar Hirche erhielt 100 Prozent Zustimmung. Die Gründerin des Vereins »Wege aus der Einsamkeit«, die Ältere digital qualifiziert, hatte gesagt: »Es muss überall Orte geben, an denen Ältere digitale Kompetenzen erwerben können, in dem Technik erprobt werden kann und Ansprechpartnerinnen und -partner zur Verfügung stehen.« Die Diskutanten wagten zu dieser These sogar einen positiven Ausblick in das Jahr 2021: Es werde eine Steigerung und einen Ausbau der digitalen Möglichkeiten geben. Viele Städte sind bereits mit ganz konkreten Maßnahmen dabei, die digitale Infrastruktur auch in der Arbeit auszubauen. Gleichzeitig müssten Ältere selbst aktiv angesprochen und mitgenommen werden. Kerstin Motzer, Beauftragte für Seniorinnen und Senioren der Stadt Leipzig, betont: »Es fehlen noch niedrigschwellige Angebote, wo man hingehen und auch jede Woche dieselbe Frage stellen kann.« 

    »Wir müssen Angst nehmen und Freude vermitteln, darüber, was man mit digitalen Möglichkeiten alles machen kann«, setzt Heidi Ostmeier aus dem Fachbereich Familien und Soziales der Stadt Gütersloh auf die positive Motivation zur digitalen Teilhabe. 

    Impfbedenken »respektvoll erklärend begegnen«? 

    Im Thesenbattle gibt es auch Standpunkte, die sehr divers gesehen werden. Impfen ist so ein Thema. Die Organisation der Impfzentren ist das eine. Eine eigene Herausforderung stellt der Umgang mit Impfskeptikern dar, die es auch unter den Älteren gibt. An der These von Professor Gerald Haug, dem Präsidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina in Halle können sich viele orientieren: »Impfbedenken müssen wir respektvoll erklärend begegnen«, hatte er konstatiert. Simone Maur aus dem Fachbereich Jugend, Familie und Senioren der Stadt Rastatt jedoch sieht hier zu viel Verständnis und Entgegenkommen. »Ich finde es schade, wenn Menschen nur aus eigennützigen Gründen zur Impfung bereit sind (z. B. weil sie anders nicht mehr in ein Urlaubsland einreisen dürften), aber nicht aus gesellschaftlichen Gründen. Mit einer Impfung schützen wir unsere Mitmenschen. Deshalb ist die Impfung für gesunde Menschen Bürgerpflicht.«

    Ihre Finanzsituation sehen die Kommunen skeptischer als die Bundesregierung 

    Weniger optimistisch sind die Kommunalvertreterinnen und -vertreter in Bezug auf die finanzielle Situation der Kommunen und die Unterstützung durch die Bundesregierung. Die nämlich hatte in der »Drucksache 19/23514« auf eine kleine Anfrage formulieren lassen: »Die Bundesregierung hat die negativen finanziellen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Kommunen, sowohl einnahmen- als auch ausgabenseitig, seit Beginn der Pandemie im Blick. Sie hat frühzeitig auf die erwartete massive Schwächung der kommunalen Finanzsituation reagiert.«
    Die Betroffenen finden: Die finanziellen Folgen von Corona für die Kommunen sind mittel- und langfristig noch nicht absehbar. Die Lage vor Ort sei komplex, Geschäftsstraßen verödeten, Leerstände nähmen zu, Gewerbeeinnahmen sänken, Kleinkunst und Kultureinrichtungen litten. »Es wird ein Problem, unsere Innenstädte zu halten – erst schlagartig verödet, und aktuell sowie auf absehbare Zeit vom alten Umsatz weit entfernt«, sagt Heidi Lyck von der Flensburger Sozial- und Altenhilfeplanung. Auch in anderen Orten liegen Projekte auf Eis, benötigte Stellen werden nicht besetzt und notwendige Entwicklungen können nicht stattfinden. Das fatalistische Fazit einer Teilnehmenden: »Wir müssen alle Lotto spielen.«

    Die Bürger zu Corona mitreden lassen? 

    Offen zeigten sich die Städtevertreterinnen und -vertreter für Ideen von mehr Bürgerbeteiligung beim Thema Corona und Folgen. Dem Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Körber-Stiftung in Hamburg vom Sommer 2020 stimmte jedenfalls eine Mehrheit zu. Es lautet: »Bürgergremien sollten Maßnahmen zur Krisenbewältigung beratend mitbegleiten.« Gerade in Zeiten von radikalen Einschnitten durch die Corona-Pandemie sei es extrem wichtig, durch Partizipation Akzeptanz für die Maßnahmen zu schaffen. Dies erhöhe die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten und gemeinsam die schwere Zeit durchzustehen. Viele Kommunen haben bereits Erfahrungen mit Bürgerbeteiligung gesammelt und sind offen gegenüber neuen Ideen, um die Vielfalt der Gesellschaft in den Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen.

    Wenn es also insgesamt nach den Ergebnissen des Thesenbattles geht, dann wird 2021 ein herausforderndes Jahr für die Kommunen – mit unsicheren Finanzen und bleibender Einsamkeit gerade der älteren Bewohner auf der einen Seite, aber auch vielen Chancen: für die Mitverantwortung der Bürger und Bürgerinnen, wie mit Corona umzugehen sei – und für einen weiteren Schub für die Digitalisierung auf allen Ebenen.


    to top