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  • Die Preisträgerinnen und Preisträger (von links): Josef Martin, Gründer der Seniorengenossenschaft Riedlingen e. V.; Annette Habert, Gründerin der Flechtwerk 2+1 gGmbH, und Dirk Müller-Remus, Gründer der auticon GmbH und der Diversicon GmbH (Foto: Claudia Höhne)
  • - Meldung

    Zugabe-Preise verliehen: Körber-Stiftung zeichnet drei Gründerinnen und Gründer 60plus aus

    Annette Habert (60), Dirk Müller-Remus (63) und Josef Martin (85) wurden am 8. Juni mit dem Zugabe-Preis der Körber-Stiftung ausgezeichnet. Alle drei haben erfolgreiche Sozialunternehmen gegründet und verbinden so die unternehmerische Kompetenz des Alters mit vorbildlicher gesellschaftlicher Wirkung.

    Sie erhielten je 60.000 Euro Preisgeld. Die feierliche Preisverleihung im KörberForum wurde im Livestream übertragen.  

    Auf den Spuren des Stifters Kurt Körber

    Auch im dritten Jahr seiner Vergabe wurde das Besondere des Zugabe-Preises deutlich: Er geht an Menschen, die mit frischem Unternehmergeist, aber auch der Kraft ihrer gesammelten Lebenserfahrung gesellschaftliche Defizite wahrnehmen und persönlich dagegen angehen. Damit seien die Preisträgerinnen und Preisträger ganz auf den Spuren des Unternehmers und Stifters Kurt Körber unterwegs, so Dr. Lothar Dittmer, der Vorsitzende des Vorstands der Körber-Stiftung, in seinem Grußwort. 

    Nichts werde besser »durch Predigen, sondern nur durch vorgelebte Taten«, hatte Körber stets betont und dabei gerade dem Unternehmertum »optimale Handlungsfähigkeit« attestiert, aus eigener Initiative für die Gesellschaft zu wirken. Profit habe Körber nie nur ökonomisch gewertet, sondern immer auch als einen Gewinn zur Zukunftssicherung der Gesellschaft. Lothar Dittmer verwies auf diese Aussagen des Stifters und Unternehmers, die heute wie ein Motto für den Zugabe-Preis seien.

    Dirk Müller-Remus (63): »Ideen umzusetzen, hat nichts mit dem Alter zu tun«

    Ein gleich mehrfach erprobter »Senior Social Entrepreneur« wurde mit Dirk Müller-Remus ausgezeichnet. Im Gespräch mit Moderatorin Inka Schneider, NDR, konnte er von zwei Unternehmen berichten, die er in den letzten zehn Jahren ins Leben gerufen hat. Sie schaffen für Autistinnen und Autisten und Menschen mit neurodiversen Hemmnissen Jobs auf dem ersten Arbeitsmarkt. Der Wirtschaftsinformatiker hatte bei seinem eigenen Sohn die speziellen Stärken von Autistinnen und Autisten erkannt – wie Logik oder Detail- und Mustererkennung. Aber er musste auch erfahren: 70 Prozent aller Autistinnen und Autisten in Deutschland sind arbeitslos. 

    Mit der auticon GmbH und der Diversicon GmbH hat Dirk Müller-Remus schon über 400 Arbeitsplätze geschaffen – seine Unternehmen vermitteln die einzigartig begabten Autistinnen und Autisten in die IT-Branche. Müller-Remus sieht seine Start-ups als »Win-Win-Win-Unternehmen«: Die Autistinnen und Autisten bekommen Arbeit, was gesellschaftliche Kosten senkt. Aber auch die IT-Unternehmen gewinnen: Sie haben leistungsstarke Mitarbeitende – und sammeln Erfahrung mit Neurodiversität.

    Als Vertreter der Jury vor Ort hielt Rudolf Kast, Vorstandsvorsitzender des Demographie-Netzwerks e. V., die Laudatio auf den Preisträger. Aus der Würdigung: »Mit seiner unbeirrbaren Leidenschaft, Benachteiligung in individuellen wie gesellschaftlichen Gewinn zu verwandeln, steht Dirk Müller-Remus Modell für kreative Start-ups älterer Gründer.« Und was sagt der Preisträger selbst zu einer Unternehmensgründung in der zweiten Lebenshälfte? »Ideen umzusetzen und andere zu begeistern, hat nichts mit dem Alter zu tun! Das kann jeder.«

    Josef Martin (85): »Man muss die Dinge selber in die Hand nehmen«

    Josef Martin hat früh vorausgesehen, dass der demografische Wandel lokal gestaltet werden muss und dass immer mehr Ältere nicht allein durch öffentliche und kommerzielle Dienstleistungen versorgt werden können. Schon 1991, mit 56 Jahren, gründete der Agrar-Ingenieur deshalb die Seniorengenossenschaft Riedlingen. Der Verein bietet barrierefreie Wohnungen, eine Demenztagespflege, Hilfe im Haushalt, Essens- und Fahrdienste zu bezahlbaren Preisen. Dafür sorgen Fachkräfte, aber auch viele engagierte ältere Bürger und Bürgerinnen. Sie erhalten dafür eine Vergütung oder können ihre Leistung auf einem Zeitkonto ansparen, um selbst einmal Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Dimensionen der Seniorengenossenschaft sprechen für sich: Sie hat 900 Mitglieder – bei 10.000 Einwohnern. 

    Heute ist Josef Martin 85 Jahre alt und mehr denn je überzeugt: Zukunftssichere Städte brauchen eine bürgerschaftliche Selbstorganisation – aber die muss unternehmerisch gestaltet werden. Dafür trägt er in Riedlingen seit 30 Jahren persönlich die Verantwortung. Sein Leitspruch: »Man muss die Dinge selber in die Hand nehmen.« Menschen im Alter bräuchten gar nicht in erster Linie Pflege, aber Unterstützung im Alltag – »und das kann der Staat nicht alles liefern«. Damit sich aber Bürger und Bürgerinnen organisieren können und selbstverwaltete Seniorengenossenschaften auf die Beine stellen, »brauchen sie Freiraum«. Und hier sieht Josef Martin die Politik dann doch in der Pflicht, diesen Freiraum durch immer neue Regelungen nicht zu verengen. 

    Die Jury zollt dem Oberschwaben für seine Leistung größten Respekt: »Josef Martin sprüht auch Jahrzehnte nach seiner Gründung vor Ideen und verkörpert den Unternehmergeist des Alters par excellence.«

    Annette Habert (60): »Na klar will ich die Welt verbessern«

    Annette Habert hat ihr Unternehmen Flechtwerk 2+1 gGmbH im Jahr 2012 gegründet. Sie vermittelt damit weit entfernt lebenden Vätern und Müttern private Gastgeber für die Übernachtung am Wohnort ihres Kindes und Räume für das Zusammentreffen. Ein Thema mit großer Relevanz, wie sie im Interview schilderte: »Kinder und Familien mit Trennungserfahrung sind die Nomaden unserer Zeit«. Und wenn Elternbesuche an so Elementarem wie Räumen scheitern, dann sieht sie die Bindungssicherheit von Kindern in Gefahr. Die aber zählt zu den Kinderrechten und deshalb setzt sich Annette Habert auch politisch für das Thema ein. Sie will nicht nur Einzelfallhilfe leisten, sondern zielt auf den Systemwandel: »Na klar will ich die Welt verbessern«. 

    Aber die Debatte war ihr nie genug. Und so wurde sie auch ohne jede Erfahrung und »Betriebsanleitung« mutig zur Sozialunternehmerin. Neue Wege gehen und Innovatives wagen? »Es ging nie anders«. Mit großem Erfolg: Rund 1800 Gastfamilien öffnen bis heute ihre Türen für ca. 1400 getrennte Eltern; auch Eltern-Coaching zählt zum Angebot von Flechtwerk. 

    Die Zugabe-Jury sprach auch ihr die größte Würdigung aus. Juror Rudolf Kast in seiner Laudatio: »Mutig und erfolgreich hat sich Annette Habert als Unternehmerin auf Neuland gewagt, sie übernimmt in vorbildlicher Weise Verantwortung, wo sie Defizite sieht, und hat auch für ihr Sozialunternehmen geschaffen, was ihr Lebensthema ist: verlässliche Bindungen und ein tragfähiges Netzwerk.« 

    Für den Zugabe-Preis können ältere Gründerinnen und Gründer jederzeit nominiert werden

    Den Zugabe-Preis vergibt die Körber-Stiftung jährlich seit 2019. Soziale Unternehmerinnen und Unternehmer über 60, die frühestens mit 50 Jahren gegründet haben, können jederzeit nominiert werden. Der Preis soll neue Rollenvorbilder für das Älterwerden sichtbar machen und zeigen: Die Welt zu verbessern, ist in jedem Alter möglich.  

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