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»Forschen beginnt mit einer Frage: Was hat Geschichte mit mir zu tun?«

Seit dem 1. September 2018 läuft die 26. Ausschreibung des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Zum Thema »So geht´s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch« sind bundesweit Schülerinnen und Schüler auf Spurensuche, erforschen und entdecken die Geschichte ihrer Familien und Heimatorte. Heike Wolter, Geschichtsdidaktikerin an der Universität Regensburg, erläutert im Interview, was dieses forschend-entdeckende Lernen auszeichnet, wo Fallstricke liegen und wie man ein Projekt erfolgreich zum Abschluss bringt. 

Frau Wolter, Sie haben im Sommer 2018 eine Handreichung zur Methode des forschend-entdeckenden Lernens veröffentlicht. Was genau ist darunter zu verstehen?

Diese Form des Lernens greift auf unsere ganz natürliche menschliche Neugier zurück. Forschend-entdeckendes Lernen orientiert sich an eigenen Fragen. Es ist jene Form des Lernens, die Kinder intuitiv anwenden, bevor sie später das ›Lernen lernen‹: Forschen beginnt mit einer Frage. Etwas weckt unsere Neugier und wir versuchen auf allen möglichen Wegen, Wissen dazu zu generieren und Antworten zu finden. Ein Vorteil dieser Methode besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler autonomer arbeiten können. Das motiviert.

Worin liegt der Reiz des forschend-entdeckenden Lernens mit Blick auf Geschichte?

Das forschend-entdeckende Lernen eignet sich besonders gut für regional- und familienhistorische Themen. Jeder Mensch fragt sich doch: Wer bin ich in der Welt? Was macht mich aus? Und woher komme ich? Antworten auf diese Fragen lassen sich zuerst in der eigenen Umgebung und bei den Menschen um einen herum finden und dann kommt immer die Rückfrage: Was hat Geschichte mit mir zu tun? Das ist ja auch genau der Ansatz beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten: Ich erforsche meine Umwelt und ihre Geschichte. Warum liegt hier ein Stolperstein? Warum steht dieses Pestkreuz am Wegesrand und welche Geschichte hat das Gebäude, an dem ich jeden Tag vorbeikomme? Das sind alles Fragen aus dem eigenen Alltag, denen forschend-entdeckend nachgegangen werden kann und muss – diese Geschichten stehen in keinem Schulbuch. Zugleich lassen sich im Kleinen größere Zusammenhänge erfassen.

Welche Rolle hat die Lehrkraft in einem historischen Forschungsprojekt?

Lehrer haben beim forschend-entdeckenden Lernen eine andere Rolle als im ›normalen‹ Unterricht. Sie sind dazu da, Schülern ›Leitplanken‹ zu geben. Diese Projekte sind eher autonom angelegt, aber der Prozess muss deswegen nicht vollkommen frei von Lenkung sein. Tatsächlich halte ich beispielsweise eine gute Zeit- und Arbeitsplanung am Anfang für unabdingbar – dabei kann auch gut auf die Bedürfnisse einzelner Schüler in Gruppenarbeiten eingegangen werden.

Eigentlich lernen Schüler und Lehrer gemeinsam, sie machen sich zusammen auf den Weg. Das gibt Lehrern die Möglichkeit, auch selbst an der Aufgabe zu wachsen. Wichtig ist, dass sie offenbleiben und ehrlich sind. Wenn ich als Lehrerin an meine Grenzen stoße, muss ich das thematisieren und gemeinsam mit den Schülern eine Lösung finden. Ein Beispiel: Ich habe mit Schülerinnen und Schülern die Geschichte eines KZ-Außenlagers erforscht. Einer der Zeitzeugen sagte: »Wenn ihr das schon erforscht, macht doch bitte einen Film draus.« Nun habe ich aber keine Ahnung, wie man einen Film macht. Das habe ich meinen Schülern auch gesagt und sie organisierten sich selbständig einen Videoworkshop mit einer Fernsehjournalistin. Am Ende stand ein Film über ein wichtiges regionalhistorisches Thema, den auch der Zeitzeuge selbst noch sehen konnte. Im Prozess haben alle etwas gelernt. Auch ich.

Wir, das Team des Geschichtswettbewerbs, merken leider immer wieder, dass angefangene Wettbewerbsbeiträge nicht eingereicht werden. Woran liegt es, dass immer wieder Projekte auf der Strecke bleiben? Und wie kann man dem entgegenwirken?

Es gibt in fast allen Projekten eine Phase, in der Widerstände und Hindernisse auftreten. Selbst wenn alle erhofften Quellen gefunden wurden, können Zeitmangel oder die anstrengende Textarbeit zum Problem werden. Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass das normal ist und dazugehört. Forschen und Entdecken funktionieren über Umwege. Nur so kann man neue Dinge erfahren. Wenn es wirklich gerade nicht weitergeht, rate ich ganz konkret zu einer Pause. Zwei Wochen, zum Beispiel in den Weihnachtsferien. Wichtig ist dabei, vorab einen Plan zu machen, wie es anschließend weitergeht und die Motivation erneut aufzubauen. Hier sind besonders die Lehrer gefragt. Man kann etwa für das Frühjahr eine Präsentation der Projektergebnisse in der Schulaula anberaumen oder die Lokalzeitung für einen Bericht über das Projekt gewinnen. Auch der Projektzeitplan kann angepasst werden. Niemand, der seit Wochen oder Monaten an einem Projekt arbeitet, sollte aufgeben.

Was lernen Schüler beim forschend-entdeckenden Lernen, was sie im regulären Unterricht nicht lernen?

Während früherer Unterricht kaum Fragen der Kinder zuließ, stattdessen Wissen abfragte, erfahren Kinder und Jugendliche hier: Wenn ich eine Frage stelle, bin ich schon auf dem richtigen Weg. Diese Entwicklung von Geschichte vom Wissensfach zum Denkfach spiegelt sich in der Kompetenzorientierung wieder. Es geht nicht mehr nur darum, Wissen zu erwerben, sondern daraus etwas machen zu können. Beim kompetenzorientierten forschend-entdeckenden Lernen erlernen Schüler etwa, sich und ihre Aufgaben zu organisieren und zu planen, aber auch Verantwortung zu übernehmen, vor allem in Gruppenprojekten. Zudem fördert der Umgang mit unterschiedlichen Quellen und Präsentationsformen ihre Methoden- und Medienkompetenz. Und nicht zuletzt entwickeln sie Selbstbewusstsein.

Welche Kompetenzen brauchen Kinder und Jugendliche aus Ihrer Sicht?

Wir erleben derzeit eine Individualisierung der Gesellschaft, Anfechtungen der Demokratie, Digitalisierung – um nur einige aktuelle Themen zu nennen. Um diesen Anforderungen gewachsen zu sein, müssen Schüler mündig sein. Das geht nur, wenn sie auf der festen Grundlage von beständigem Wissen denken sowie kritisch konsumieren und auch kritisch selbst produzieren können. Der Geschichtsunterricht kann hier unter anderem durch das forschend-entdeckende Lernen wichtige Grundlagen legen. Ein konkretes Beispiel: Das Internet wird zur Hauptinformationsquelle. Schüler müssen lernen, diese Quellen und ihre Urheber zu prüfen. Wer steht im Impressum? Wer hat das geschrieben und warum? Gerade in der regionalen Erforschung von Themen wird aber auch schnell klar: Die Welt lässt sich nicht in Gänze digitalisieren. Zu vielen Themen wird man im Netz nichts finden. Darin sehe ich auch eine große Chance. Die Schüler erforschen das Thema vielleicht als Erste, können den ersten Wikipedia-Eintrag dazu erstellen und somit viel darüber lernen, wie Wissen im Netz generiert wird – und wie man es kritisch prüfen kann. 

Das Interview führte Christine Strotmann, Programm-Managerin beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Heike Wolter ist Akademische Rätin in der Abteilung Geschichtsdidaktik an der Universität Regensburg. Sie ist in der Lehrerausbildung aktiv, wo sie den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten an Studierende heranträgt, und hat als Lehrerin selbst Schülerinnen und Schüler im Geschichtswettbewerb tutoriert. Zuletzt veröffentlichte Heike Wolter: Forschend-entdeckendes Lernen im Geschichtsunterricht. Wochenschau-Verlag. 2018. 

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