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Ruhestand ohne Ruhe?

Ausruhen in der Rente? Fehlanzeige. Aktiv, fit, engagiert: Das ist das heutige Leitbild der »jungen Alten«. Wer nicht zum alten Eisen gehören will, bemüht sich auch nach dem Arbeitsleben um Selbstoptimierung, Flexibilität, Mobilität, Produktivität und Effizienz.

Haben die Gebote der Leistungsgesellschaft nun auch den Ruhestand erreicht? Wieviel Rückzug ist erlaubt? Und wie sehr braucht es gleichzeitig das Engagement Älterer, um das gesellschaftliche Gefüge in Zeiten des demografischen Wandels zusammenzuhalten? Darüber diskutierten am 28. Januar der Altersexperte Loring Sittler, Generali Zukunftsfonds, die Soziologin Silke van Dyk und die Psychotherapeutin Petra Feind-Zehr im KörberForum. Die Journalistin Gabriele Heise moderierte das Gespräch.

Ein erfüllter Ruhestand – Was kann man damit tun und was sollte man besser lassen?

Loring Sittler
Ein Zitat von George Bernhard Shaw vorweg: »Ewiger Urlaub ist eine gute Arbeitsdefinition von Hölle.« Jeder muss meiner Ansicht nach also aufpassen, sich im Ruhestand nicht zu Tode zu langweilen. Was muss man hierfür tun? Erstens sollte jeder eine Vier-Säulen-Strategie verfolgen, d.h. Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Engagement und Freizeit über die Erwerbsarbeitszeit hinaus in ein angemessenes Verhältnis zu bringen. Zweitens sollte jeder rechtzeitig damit anfangen und drittens dabei Prioritäten setzen. Was sollte man lassen? Erstens: Nichts tabuisieren und nichts auf morgen verschieben. Zweitens: Beachten, dass das Menschenrecht auf Teilhabe nicht mit dem Alter aufhört. Und drittens: Freiheit nicht mit Freizeit verwechseln.

Silke van Dyk
Tatsächlich kann ich die Frage nur so halb beantworten, weil ich sagen würde, dass es so viele unterschiedliche, erfüllte Ruhestände wie Menschen im Ruhestand gibt. Und ich halte es auch für sehr problematisch, sowohl von wissenschaftlicher als auch von politischer Seite, normativ zu definieren, was Ruhestand sein sollte. Eine ganz große Gefahr liegt auch in der Vereinheitlichung von Menschen höheren Lebensalters. Wir wissen, dass der Ruhestand mittlerweile drei Jahrzehnte, für manche sogar vier Jahrzehnte lang sein kann. Und immer wieder wird nach Gemeinsamkeiten gesucht. Kein Mensch würde sagen, dass sich Menschen zwischen dreißig und sechzig Jahren ähnlich sind oder ein gutes Leben für sie so definieren. Die spannende Diskussion dreht sich für mich eher um die Frage, welche Rahmenbedingungen in einer Gesellschaft geschaffen werden müssen, damit möglichst viele Menschen den Ruhestand für sich erfüllt leben können, wie sie es sich wünschen. Ich möchte daran erinnern, dass dies nicht für alle in gleicher Weise gewährleistet ist.

Petra Feind-Zehr:
Zunächst muss jeder für seinen erfüllten Ruhestand selber sorgen. Und das kann er nur, wenn er seine Stärken und Schwächen kennt und wenn er vor allem darüber nachdenkt, was er eigentlich von seinem restlichen Leben möchte. Was habe ich noch nicht gelebt? Was habe ich noch an Sehnsüchten? Wo sind meine Bedürfnisse? Wie sind meine gesundheitlichen Bedingungen? Und dabei entsteht eine persönliche Vision vom Leben. Ich denke, dass der Eintritt in den Ruhestand eine Sollbruchstelle in der eigenen Biografie ist. Spätestens dann geht es darum, inne zu halten, zu verweilen, zu sinnieren. Warum Verweilen und Sinnieren? Verweilen – nur aus der Langeweile kann Kreativität entstehen. Und Sinnieren führt, man höre den Wortsinn, zum Sinn und außerdem zu den Sinnen. Und ich denke ein erfüllter Ruhestand bedeutet vor allem die Unterschiede in den Sinnen auszukosten.

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