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»Russlands junge Patrioten«

In seinem Buch »Generation Putin – Das neue Russland verstehen« stellt der Journalist Benjamin Bidder die junge, selbstbewusste Generation Russlands vor. Eine von ihnen ist Diana Exusjan aus Sotchi. Beide sprachen im KörberForum über das Selbstverständnis junger Russen und darüber, wie diese das neue Russland formen.

Sechs junge Frauen und Männer aus unterschiedlichen Regionen Russlands hat Benjamin Bidder für sein Buch über mehrere Jahre begleitet. Sie alle sind 1991 geboren und wuchsen auf, während Wladimir Putin in der Politik zum zweifachen Premierminister und dreifachen Präsidenten aufstieg.

»Macht Sie das zu einem Russland-Versteher?« wollte die Moderatorin Gabriele Woidelko mit Verweis auf Bidders lange Jahre in Russland und den Titel seines Buches eingangs vom Autoren wissen. Bidder stimmte zu, mit dem Vorbehalt, dass er den Begriff positiv verstünde. Ihm sei eine ausführliche, vielschichtige Auseinandersetzung mit Russland als Grundlage für eine sachliche Kritik wichtig. Dazu gehöre auch das Verstehen der jungen, selbstbewussten Generation Russlands. Sein Buch zeichne daher nicht nur interessante Einzelschicksale nach, sondern bilde auch den gesellschaftlichen Wandel ab. In den Augen Bidders habe Russland einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Aber im Vergleich zum offensichtlichen wirtschaftlichen Fortschritt vollziehe sich der notwendige Wandel in den Köpfen nur langsam. Das brauche Geduld, denn – wie bereits der russische Soziologe und Meinungsforscher Juri Lewada festgestellt habe – Wandel werde nicht innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten erkennbar, sondern erst im Laufe von Generationen.

Eine Vertreterin der »Generation Putin« ist Diana Exusjan. In Abchasien geboren kam sie 1992 aufgrund der gewaltsamen Konflikte im Kaukasus als Flüchtlingskind mit ihrer Familie in die russische Schwarzmeerstadt Sotschi. Nach der Schule studierte sie dort Public Relations und Jura. Privat engagiert sich die junge Russin in zahlreichen nationalen und internationalen Jugendorganisationen, reiste dafür in mehrere europäische Länder und nach Deutschland.

Während der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi half sie als eine der vielen Ehrenamtlichen den Besuchern und Touristen in der Stadt. Ob Exusjan enttäuscht gewesen sei vom Skeptizismus und der negativen Berichterstattung in den westlichen Medien während der Olympischen Spiele, wollte Woidelko wissen. Enttäuscht nicht, aber vorsichtig sei sie gewesen, wenn sie mit ausländischen Journalisten gesprochen habe. Sie habe befürchtet, dass jedes ihrer Worte negativ ausgelegt würde.

Bidder stimmte Exusjan zu, dass die westliche Berichterstattung im Vorfeld und während der Spiele leider oft vereinfacht und auf bestimmte, meist negative Themen begrenzt gewesen sei. So kurz nach dem Beginn der Proteste auf dem Maidan waren die Umstände schwierig. Er sei dem damals bewusst entgegentreten. Das führte auch zu seinem ersten Kontakt zu Exusjan, dem Porträt von ihr, das er für Spiegel Online von ihr geschrieben hatte. Exusjan ergänzte, wie sehr sie darüber gefreut hatte, denn das Engagement der Freiwilligen sei in den sich überschlagenden politischen Ereignissen vollständig untergegangen.

Ob es einen Konflikt zwischen dieser neuen, jungen und den älteren Generationen in Russland gebe, wollte Woidelko wissen. Sowohl Bidder als auch Exusjan betonten, dass dieses Phänomen ja nicht spezifisch »russisch« sei, sondern sehr der Situation im Westen ähnelt. Die jungen Menschen in Russen erlebten zwar mehr Freiheiten, hätten zugleich aber auch mit viel mehr Unsicherheit und Unklarheit zu kämpfen als noch ihre Elterngeneration. Man erfahre aber weniger einen Konflikt zwischen den Generationen, so Exusjan, als ein unterschiedliches Setzen von Prioritäten.

Bidder ergänzt, dass auch die »Generation Putin« in sich keineswegs homogen sei, sondern ausgesprochen »facettenreich«. Diese Generation hatte und habe die Freiheit, sich selbst zu entscheiden. In der Masse bleibe sie trotzdem oft unpolitisch und müsse, mit den Worten Bidders, noch »wachgeküsst« werden. Die junge Generation in Russland sei damit aber auch nicht anders als ihre Altersgenossen in Europa. Was Bidder immer wieder bei seinen Begegnungen beeindruckt habe, sei allerdings die Diskussionskultur dieser jungen Generation. Sie habe gelernt, offen und kontrovers über Politik zu diskutieren, ginge dabei aber immer zivilisiert miteinander um. Das unterscheide sie deutlich von den Älteren. Hierin sieht Bidder auch eine große Chance für die Russlands Zukunft.

Diana Exusjan betrachtet ihr Engagement auch nicht unbedingt politisch. Sie bezeichnet sich selbst zwar als Aktivistin und Patriotin, bringt aber ein besonderes Verständnis von »Patriotismus« ein: Konkretes Handeln und Taten seien ihr wichtig. »Leeren Worten«, wie man sie beispielweise in »patriotischen« Facebook-Einträgen lese, könne sie wenig abgewinnen. Ein Patriot in ihrem Sinne agiere auf lokaler Ebene und möchte sein unmittelbares Umfeld durch aktives Engagement verbessern. Dafür brauche man keine politischen Parteien, von denen sie eher enttäuscht sei. Dass das von Exusjan beschriebene gesellschaftliche Engagement in Russland anders als in Deutschland bereits als »patriotisch« gelte, fand nicht nur die Moderatorin bemerkenswert.

»Russland in Europa, Russland mit Europa oder doch Russland gegen Europa?« Auf die abschließende Frage, wie denn beide das Verhältnis zwischen Russland und Europa einschätzen, entgegnete Bidder, dass sich Russland politisch gerade gegen Europa stelle, wie bei fast allen Konflikten weltweit erkennbar sei. Gesellschaftlich sehe er aber eine eindeutig europäische Prägung, die er auch in weit von Moskau entfernten Landesteilen erlebt habe. Damit Russland auch politisch ein Teil Europas werde, müssten jedoch alle Seiten noch mehrfach über ihren eignen Schatten springen.

Exusjan stimmte der Einschätzung Bidders nicht ganz zu. Ihrer Meinung nach hieße es bestimmt nicht »Russland gegen Europa«. Derzeit erlebe man eher ein Nebeneinander, trotz der vielen Gemeinsamkeiten. Ihr großer Wunsch bleibe aber ein Gleichheitszeichen zwischen Europa und Russland. Ein Ziel, zu dem das Buch »Generation Putin« einen Beitrag leisten möchte. Es sei ein klares Plädoyer für den Austausch und Dialog, so Bidder. Man solle mehr miteinander- und nicht das übereinander reden, denn »Russland ist sehr viel mehr als nur Putin«.


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