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  • Derzeit saniert die Stadt Hamburg das Bismarck-Denkmal am Hamburger Hafen für mehrere Millionen Euro (Foto: Körber-Stiftung)
  • Das Padrão dos Descobrimentos, das monumentale »Denkmal der Entdeckungen« am Hafen von Lissabon (Foto: Alvesgaspar – Own work, CC BY-SA 4.0)
  • - Meldung

    Steine des Anstoßes – Wenn Denkmäler polarisieren

    Statuen des Reichsgründers und ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck geraten zunehmend in den Blick von Aktivistinnen und Aktivisten und Kritikerinnen und Kritikern – ein Thema der digitalen Jahrestagung des EUSTORY-Netzwerks, bei der die Teilnehmenden zentrale Fragen europäischer Gedenkkulturen diskutiert haben.

    Während die Stadt Hamburg für mehrere Millionen Euro das über 34 Meter hohe und 625 schwere Bismarck-Denkmal am Hamburger Hafen saniert, geraten die Statuen des Reichsgründers und ersten deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck zunehmend in den Blick von Aktivistinnen und Aktivisten und Kritikerinnen und Kritikern. Denn in dessen Regierungszeit wurde Deutschland zur Kolonialmacht, und es mehren sich die Stimmen jener, die sich statt einer Renovierung des Hamburger Denkmals mehr Mittel und Energie für die aktive und kritische Auseinandersetzung mit Verbrechen, Ausbeutung und Rassismus im Kolonialismus wie im Heute wünschen. 

    Diesen Streit nahmen Teilnehmende aus mehr als 20 Ländern Mitte März zum Anlass, sich im Rahmen der digitalen Jahrestagung des EUSTORY-Netzwerks grenzüberschreitend über zentrale Fragen europäischer Gedenkkulturen auszutauschen, die in unseren Gesellschaften verhandelt werden müssen, wenn Orte und Denkmäler buchstäblich zu »Steinen des Anstoßes« werden. 

    Kann eine kritische Distanzierung von gemauerter Heldenverehrung, von in Stein gefassten Mythen kolonialer Praktiken oder auch von imperialer oder rassistischer Formensprache gelingen, ohne die Überreste einer belastenden historischen Epoche einfach verschwinden zu lassen? Diese Frage beschäftigt auch Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte und Direktor der Forschungsstelle »Hamburgs (post-)koloniales Erbe/Hamburg und die frühe Globalisierung« der Universität Hamburg. Im Rahmen der Tagung stellte Zimmerer einem Vortrag vor, wie eine stärkere Sensibilität für Bismarcks Rolle im deutschen Kolonialismus die Bewertung seiner Person und seines politischen Erbes beeinflusst, und erklärte für die Zuhörerschaft aus dem Ausland Besonderheiten der deutschen Debatte (eine Video-Zusammenfassung seiner Keynote in englischer Sprache gibt es hier).

    Zimmerers Input zum Hamburger Denkmalstreit diente den Teilnehmenden im weiteren Verlauf der Tagung als Ausgangspunkt für die Vorstellung von Denkmaldebatten in ihren Ländern. So ging es unter anderem um die in Portugal hochaktuelle Diskussion um das Padrão dos Descobrimentos, das monumentale »Denkmal der Entdeckungen« am Hafen von Lissabon, mit dem sich das EUSTORY-Netzwerk schon bei seinem Jahrestreffen 2017 in Portugal beschäftigt hatte. Errichtet in der Zeit der portugiesischen Salazar-Diktatur und in seiner Monumentalität durchaus mit der Hamburger Bismarck-Statue vergleichbar, werden im Sockel des Denkmals inzwischen Ausstellungen gezeigt, die sich mit Rassismus und Kolonialismus beschäftigen.2021 soll im Stadtgebiet ein Gegendenkmal des angolanischen Künstlers Kiluanji Kia Henda für die Opfer von Versklavung entstehen. Stimmen, die einen Abriss des Denkmals am Hafen fordern, sind dennoch längst nicht verstummt.

    Kolleginnen und Kollegen aus Osteuropa gaben Einblicke in Formen des Umgangs mit postsowjetischen Denkmälern in ihren Ländern nach dem Ende der Sowjetunion. So bietet der öffentliche Skulpturenpark der Tretjakow-Galerie in Moskau, in den nach 1991 sowjetische Denkmäler umzogen, durch Neuarrangements z.B. mit jüngeren Kunstwerken in Erinnerung an die Opfer des Stalinismus einen Anlass zur aktiven Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit – ein Ansatz, der dreißig Jahre später teilweise wieder in der Kritik steht. 

    Wichtig für die EUSTORY-Tagung in diesem Kontext: die Frage nach der Rolle der Zivilgesellschaft. Als Netzwerk von nationalen Schülergeschichtswettbewerben in Europa bieten sich hier vielfältige Möglichkeiten, zur kritischen Auseinandersetzung »von unten« mit Denkmälern vor Ort beizutragen. Beispielsweise Fortbildungen für Tutorinnen und Tutoren oder die größere Sichtbarmachung von EUSTORY-Geschichtswettbewerbsbeiträgen, in denen Schülerinnen und Schüler kreative Formen gefunden haben, ihre heutige Perspektive auf alte Denkmäler an Ort und Stelle in den öffentlichen Raum einzubringen.

    Für viele nationale Debatten ist ein Blick über die Grenze auf Praktiken, Kontroversen und Lösungsansätze in anderen Länder fruchtbar. EUSTORY wird das Thema daher unter anderem mit einer Diskussionsveranstaltung am 9. Juni 2021 im digitalen KörberForum weiterverfolgen.

    Zum Kurzvideo des Vortrags von Jürgen Zimmerer (in englischer Sprache)

    Mehr Beispiele zu Denkmalstreits in Europa gibt es auch auf unserem englischen EUSTORY History Campus mit Beiträgen zu umstrittenen Monumenten in Bulgarien, Serbien oder Ungarn.

    Mehr Informationen zum europäischen EUSTORY-Network unter www.eustory.org (in englischer Sprache)

     


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