Der Fluch eines Flüchtlings

Im Bürgerhaus Lenzsiedlung lasen die beiden syrischen Brüder Ahmad und Hussam Al Zaher aus der Anthologie „Fluchtpunkt Hamburg – Texte im Exil“. Die Veranstaltung fand im Rahmen der von der Körber-Stiftung initiierten Hamburger »Tage des Exils« statt.

Plötzlich mit leeren Händen dastehen: So muss sich anfühlen, was der Journalist Ahmad Al Zaher empfindet: »Alles, was ich gelernt hatte, was ich wirklich konnte, war Schreiben.« Damit hat der heute 36-jährige Journalist seinen Lebensunterhalt verdient, bevor er vor drei Jahren vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland floh – auch, weil er seinen Beruf dort nicht mehr frei ausüben konnte. Hier, im Exil, »stehe ich ratlos zwischen einer sehr schwierigen Sprache und Leuten des alten Kontinents Europa. Mein Schicksal hat mich hierher gebracht, um mein Leben weiter zu leben«.
Al Zaher liest im Bürgerhaus Lenzsiedlung in Lokstedt einen Text, den er für die Anthologie »Fluchtpunkte Hamburg – Texte im Exil« verfasst hat. Er liest ihn auf arabisch, weil er sich das Deutsche noch nicht so recht zutraut. »Gejammer eines Flüchtlings« ist das Stück überschrieben, und das ist nicht nur ironisch gemeint. Denn Al Zaher wirkt in seiner neuen Heimat ein wenig verloren, sein Schicksal macht ihm sichtlich zu schaffen. »Das Gefühl der Entfremdung folgt uns, egal, wo wir sind.« In »Fluch eines Flüchtlings« erzählt er von einem Freund, der es in der Fremde nicht mehr aushielt und nach Syrien zurückgekehrt ist. Aber die Heimat war nicht mehr wie früher, die »Menschen, die wir kannten, sind jetzt nur noch lebende Körper ohne Seele oder Gefühle.«

Schwieriges Unterfangen

Melodiös hört sich das an auf Arabisch, für die meisten im Publikum ungewohnt. Reimer Boy Eilers vom Hamburger Verband deutscher Schriftsteller (VS) liest die Passagen anschließend auf deutsch. Eilers, der die Veranstaltung auch moderiert, ist einer der Herausgeber der Anthologie. Der VS habe den geflüchteten Schriftstellern, Journalisten und Bloggern eine Stimme geben wollen. »Das Exil ist für die, die mit der Sprache arbeiten, besonders hart – sie verlieren das wichtigste Instrument, um ihren Beruf auszuüben.« Eilers schlägt den Bogen zum Exil deutscher Autoren während der Nazizeit, zitiert den österreichischen Feuilletonisten Alfred Polgar: »Die Fremde ist nicht Heimat geworden, aber die Heimat Fremde.« Und er berichtet über die Schwierigkeiten bei der Produktion des Buches. Auf der Suche nach Autoren habe man beispielsweise in Flüchtlingsunterkünften Flugblätter in verschiedenen Sprachen verteilt, ohne auf besondere Resonanz zu stoßen. Doch plötzlich sei es losgegangen – unter anderem mit einer anonymen Einsendung, deren Urheber bis heute unbekannt ist. Insgesamt 22 Autoren kommen in dem Buch zu Wort, aus Syrien ebenso wie aus Bosnien oder Bangladesch. Die Exilanten durften auf deutsch, aber auch in ihrer Muttersprache schreiben – die Herausgeber kümmerten sich ums Übersetzen und Redigieren. Herausgekommen ist ein bemerkenswertes Bändchen mit rund 380 Seiten und einem sehr bunten Querschnitt von Autoren unterschiedlicher Herkunft mit verschiedenen Stilformen.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Auch Ahmad Al Zahers jüngerer Bruder Hussam hat an dem Projekt mitgewirkt. Der 30-Jährige hat seine Geschichte auf deutsch verfasst und trägt sie auch selbst vor. Ihr Titel: »Geschichte des Menschen, der ein Flüchtling sein musste oder: Wir sind keine Dämonen und die Deutschen keine Engel«. Die Menschen seien verschieden, das gelte für die Geflüchteten ebenso wie für die Deutschen. Er schreibt, sein Deutsch sei bis heute nicht gut. »Ich weiß nicht warum, dumm bin ich nicht, aber vielleicht kommt es daher, weil die deutsche Sprache sehr genau ist, und ich bin das nicht.« Der drohende Militärdienst hat Hussam dazu bewogen, sich seinem Bruder auf der Flucht anzuschließen. Er hat in Syrien Politik und Bauingenieurwesen studiert und beschreibt sich als Flüchtling, »der zwischen Vergangenheit und Zukunft verloren ging«. Ihn schmerzt, dass fast alle Länder »über mich und meinesgleichen sprechen, als ob wir eine Infektionskrankheit wären«. Da schwingt eine Bitterkeit mit, die an die Aussage seines Bruders Ahmad erinnert:  »Bestimmt habe ich probiert, mich hier zu integrieren, aber wie kann ich es tun, wenn die anderen mich als Vergewaltiger und Frauenschänder bezeichnen?« Und doch: Hussam strahlt eine Menge Optimismus aus. Auch er hat »Heimweh nach seiner Sprache«, aber sein Deutsch wird immer besser. Er hat das »Flüchtling Magazin« mitgegründet und ist dessen Chefredakteur. Mit diesem „kleinen Projekt“ hat er noch viel vor, denn klar sei: »Der Flüchtling muss selber die Initiative ergreifen.« Ob er je nach Syrien zurückkehren wird? Nur, wenn sich die Bedingungen grundlegend ändern. »Wir haben hier die Freiheit erlebt. Kann man da in eine Diktatur zurückkehren?«

Der Geruch von Jasmin

Und so macht sich Hussam Al Zaher viel Gedanken über das Thema Integration: »Wir sind vor dem Krieg geflüchtet und versuchen uns in dieser Gesellschaft ein neues Leben aufzubauen.« Die deutsche Sprache zu beherrschen, mit den Deutschen in Kontakt zu kommen – das sei der richtige Weg. Al Zaher hält den Deutschen in seinem Text auch ein bisschen den Spiegel vor. So wundert er sich, dass wir eher »nicht schlecht« als »gut« sagen, und amüsiert sich über die allgegenwärtige Geschäftigkeit: »Integration bedeutet für mich, wenn ich keine Zeit habe, so wie die Deutschen.« Am Ende gehe es darum, dass »ich machen kann, was ich möchte, ohne dass ich es als Flüchtling mache, sondern als der Mensch, der ich bin«. Auf diesem Weg ist der junge Syrer schon einen gutes Stück vorangekommen.

Und doch, die Sehnsucht ist grenzenlos, wie sein Bruder Ahmad sagt: »Ich habe sogar versucht, Damaskus zu vergessen, aber ich habe festgestellt, dass das nicht machbar ist. Ein syrisches Sprichwort sagt: ‚Wer jemals den Geruch des Damaszener Jasmin gerochen hat, vergisst ihn nie wieder.’ Und das stimmt.« Aber auch Hamburg, die »Stadt des Regens« hat mittlerweile eine Bedeutung in ihrem Leben: »Ob ich, wenn ich wieder nach Syrien zurückkehre, meine jetzige Heimatstadt Hamburg und ihre Straßen, Bäume und Flüsse vermisse?« Die Zerrissenheit zwischen dem Dort und dem Hier, sie ist das bestimmende Thema der Texte, sie ist das bestimmende Thema ihres Lebens.

Die beiden Brüder bekommen im voll besetzten Bürgerhaus Lenzsiedlung viel Zuspruch. Das Stadteilzentrum hat die Lesung im Rahmen der von der Körber-Stiftung organisierten Reihe »Tage des Exils« veranstaltet und ist ebenfalls in Sachen Migration aktiv: Zusammen mit der Uni Hamburg und der HAW wurde gerade ein neues Projekt gestartet, in dem es um die postmigrantische Familienkultur geht.

Die Anthologie: »Fluchtpunkt Hamburg – Texte im Exil« ist im Verlag »Das bosnische Wort« erschienen und ist u.a. bei der Büchergilde Gutenberg für 18 Euro zu haben.

Weitere Berichte finden Sie unter »Tage des Exils«.

Kontakt

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Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

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Programmleiterin
Amal, Hamburg!; Exile Media Forum; Tage des Exils

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Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Tage des Exils

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Dr. Agata Klaus (in Elternzeit)
Programmleiterin
Amal, Hamburg!; Exile Media Forum; Tage des Exils

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