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Heimat im Topf – wo die Erinnerungen hochkochen

Der Titel klingt fast ein wenig bescheiden: »Das Jüdische Kochbuch aus Hamburg«. Tatsächlich ist dieses Buch mehr als eine Aneinanderreihung von Rezepten und Zutaten. Es ist zugleich Anekdotensammlung, Erinnerungsbuch und Geschichtsbuch, das einen Teil der jüdischen Geschichte des letzten und aktuellen Jahrhunderts präsentiert. Die Vorstellung des Werks fand im gut besuchten Nienstedtener »Landhaus Baur« statt und war Teil der Veranstaltungsreihe »Tage des Exils« der Körber Stiftung. Veranstalter und Ausrichter des Abends war die Hermann Reemtsma Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ).   

Rückblick: Es sind vor allem die kleinen und alltäglichen Dinge des Lebens, die sich fest in der Erinnerung eines Menschen verankern. Dazu zählen das tägliche Kochen, das  Ritual der Zubereitung, die vertrauten Gerüche und Zutaten, das gemeinsame Speisen und die Unterhaltungen am Küchentisch. Diese Momente sind es, die Exilanten mit ihrer alten Heimat verbinden. In kaum einer anderen Epoche mussten so viele Menschen ins Exil flüchten wie im Nazi-Deutschland der 1930er- und 1940er-Jahre. Schätzungsweise 300.000 Juden verließen ab 1933 aus Angst vor Verfolgung und Vernichtung das Land. Viele zog es über Umwege in die USA. 60.000 Flüchtlinge fanden in Palästina, dem späteren Israel, eine neue Heimat.

Kulinarisches Neuland

Für die Betroffenen bedeutete dies einen absoluten Neuanfang. Das galt auch für die Immigranten in Palästina. Sie mussten sich an eine fremde Umgebung, eine andere Sprache und ein anderes Klima gewöhnen. Doch nicht nur das. Auch kulinarisch betraten die deutschen Juden eine vollkommen andere Welt. Mit diesem Thema befasste sich Viola Alianov-Rautenberg, Historikerin und Expertin für Deutsch-Jüdische Geschichte in ihrem Einführungsvortrag. Sie stellte eines der erfolgreichsten Kochbücher zu dieser Zeit vor: »Wie kocht man in Eretz Israel?« aus dem Jahr 1936.

Angeleitet von der seinerseits äußerst populären Autorin Erna Meyer, lernten die deutsch-jüdischen Hausfrauen darin, wie die klassischen Nahost-Gerichte gekocht werden. Dabei lernten sie auch regionale Zutaten wie Auberginen, Zucchini, Oliven, Reis oder Olivenöl kennen. Die Rezeptvorgaben hatten durchaus einen zionistischen Hintergrund: »Durch die Umstellung der Kochgewohnheiten sollte nicht zuletzt auch die örtliche Landwirtschaft unterstützt werden«, erklärt Alianov-Rautenberg. Doch nicht immer hat die »Umerziehung« geklappt. »So mancher Hamburger Ehemann verlangte auch in Israel täglich seine lieb gewonnenen Bratkartoffeln», so die Historikerin.

Rezepte der Erinnerung

Gleichzeitig geriet in Deutschland mit der Flucht der jüdischen Mitbürger auch deren traditionelle Kochkultur in Vergessenheit. Dieses wichtige kulturelle Erbe haben Gabriela Fenyes, Barbara Guggenheim und Judith Landshut nun zu retten versucht. Die drei Frauen machten sich auf die Suche nach privat aufbewahrten Rezepten. Dazu schrieben sie jüdische Menschen aus aller Welt an, die einst aus Hamburg geflüchtet waren. »Die positive Resonanz darauf hat uns tief berührt und unsere Erwartungen bei Weitem übertroffen“, sagt Initiatorin Barbara Guggenheim.  „Uns erreichten Mails, Faxe und Briefe mit Rezepten und handschriftliche Rezeptbücher.« Darin enthalten: typische jüdische Gerichte wie gehackte Leber, Pessachtorte  oder Berches, das auch  Challat genannte jüdische Feiertagsbrot. 

Manchmal waren es statt Rezepte nur Fragmente und bruchstückhafte Erinnerungen an »Mameles Küche«. Es sind diese Zeugnisse einer fast ausgelöschten Gemeinschaft, die dem Kochbuch eine ganz besondere Note verpassen. Ein wichtiger Grund für den Erfolg des Projekts war nach Auffassung der drei Autorinnen auch der spezielle Charakter der Quellenforschung. Schließlich ging es hier nicht um die Schrecken der Judenverfolgung und das unermessliche Leid der Shoa, sondern um ein »Thema das mit positiven Erinnerungen verknüpft ist«. Wichtig war es den drei Buchautorinnen, die Vielfalt der jüdischen Bevölkerung in Hamburg zu dokumentieren. »Ob osteuropäische Juden, persische Juden oder Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten – sie alle sind mit Rezepten vertreten.« Und egal, woher die Rücksendungen kamen, „»Immer wieder konnte man merken, welch tiefe Verbundenheit die aus Hamburg geflüchteten Bürger für ihre alte Heimat empfinden – trotz der schlimmen Dinge, die passiert sind«, resümierte Guggenheim.

»Das Jüdische Kochbuch aus Hamburg – The Jewish Cookbook from Hamburg« (deutsch und englisch), herausgegeben von: Gabriela Fenyes, Barbara Guggenheim, Judith Landshut, 288 Seiten, Dölling und Galitz Verlag, Preis: 23 Euro.

Weitere Berichte finden Sie unter »Tage des Exils«.

 

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 169
Email schmalbach@koerber-stiftung.de

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