+
Tage des Exils > Interview mit Georges-Arthur Goldschmidt

»In den Tiefen der Seele steht immer der Koffer bereit.«

Als Georges-Arthur Goldschmidt zehn Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern 1938 zum Schutz vor antisemitischer Verfolgung zu Verwandten nach Italien und später nach Frankreich ins Exil. Nach Kriegsende wurde er Deutschlehrer bei Paris, später vielfach ausgezeichneter freier Schriftsteller, Übersetzer und Essayist. Wiederholt verarbeitete er Heimatverlust und Entwurzelung literarisch, zuletzt in seinem kürzlich erschienenen Buch »Vom Nachexil«. Wie blickt er heute auf Exil, seine Muttersprache und sein ehemaliges Heimatland Deutschland?

Ihr kürzlich erschienenes Buch »Vom Nachexil« endet mit dem Satz, dass Ihr Heimweh »als pittoreske Erinnerung« für immer existiere, aber »der Schmerz an Deutschland überwunden war«. Hat die wiederholte schriftstellerische Verarbeitung dazu beigetragen, dass Sie Ihren Schmerz überwinden konnten?

Das Schreiben, das weiß doch jeder, ist dazu da, sollte es überhaupt zu etwas da sein, um eine Brücke über den Abgrund der Einsamkeit und der Fremdheit zu spannen. Das Schreiben befreit und integriert zugleich, es verarbeitet, wie die Analytiker sagen, die Trennung. Wenn man das Glück hat »anerkannt« zu werden und in der Sprache des Aufnahmelandes publizieren kann, hat man kaum noch mit Exil zu tun. Die Trennung ist naturalisiert, sie fungiert als Stoff. Das Heimweh ist die schlimmste Krankheit, die ein Kind befallen kann. Wenn man nicht genug Durchschlagskraft hat, kann man wörtlich daran sterben und sich jedenfalls nie davon ganz erholen, es bleibt hängen. Man vergisst es vollkommen und plötzlich, zu irgendwelcher Gelegenheit, ist es wieder da, ein kurzer Schluchzer nur, der aber nur noch zur Erinnerung gehört. Es ist nach so vielen Jahren ein wenig wie eine Emotion bei einem bewegenden Film im Kino.

Sie haben Ihre autobiografischen oder autofiktionalen Werke teils in deutscher, teils in französischer Sprache geschrieben. Was hat Sie bewogen, »Vom Nachexil«, das von Ihrer kulturellen Verwurzelung in Frankreich handelt, auf Deutsch zu schreiben?

Es gab schon eine frühere Version dieser Schrift auf Französisch, die »Un destin« (Ein Schicksal) betitelt war. Eine Urform davon war bereits im selben Jahr in der Neuen Rundschau erschienen. Meine autofiktionalen Schriften verfasste ich auf Französisch, (»Über die Flüsse«) auf Bitte meines Verlegers. Als ich über den Anfang meiner Zeit in Frankreich zu schreiben anfing (»Die Absonderung«), merkte ich auf einmal, dass ich ein paar Seiten Deutsch geschrieben hatte - wie von selbst - und stellte fest, dass das Erzählen der »französischen Zustände« mir mein Deutsch von der kriminellen Nazilast befreit hatte. Als kleiner Deutscher verdankte ich mein Leben französischen Widerstandskämpfern. Die deutsche Sprache, der ich nur noch auf den Warnschildern der Naziwehrmacht, die Frankreich besetzt hatte, begegnete, erfüllte mich mit Abscheu und Angst - eine Todessprache. Das wunderbare Deutsch meiner Kindheit, das Eichendorffsche »Mondnacht-Deutsch« war wie erloschen. Als ich mich aber 1946 auf das französische Abitur vorbereitete, obgleich ich sieben Jahre lang kein deutsches Wort gehört oder in den Mund genommen hatte, war alles sofort wieder da.

In »Vom Nachexil« unterscheiden Sie zwischen den beiden Begriffen Doppelsprachigkeit und Zweisprachigkeit. Was bedeutet diese Doppelsprachigkeit für Ihr schriftstellerisches Arbeiten?

Als kleiner elfjähriger Knabe wusste ich schon, dass meine »Muttersprache« unwiderruflich verseucht war. Die deutsche Sprache, wie ich sie in mir hatte, war mir verboten worden und gehörte einer ehemals zivilisierten menschlichen Welt, die nun von einem kriminellen Kauderwelsch, der Lingua Tertii Imperii, der Sprache des Dritten Reiches, ersetzt war. Denn nicht nur war Deutsch die Sprache meiner Ausweisung, sondern auch der Vernichtung ihrer selbst.

Der Doppelsprachige, jedenfalls ich, fühlt sich mehr zu Hause in der Schutzsprache als in der verbrecherisch gewordenen Heimatsprache. Das Französische, das ich absolut akzentfrei spreche, ist auch die Sprache eines freien Denkens, die Sprache der Widersprüchlichkeit, mittels der alles Wesentliche entdeckt werden konnte. Das Deutsch kam zusätzlich dazu, als Sprache des Gehorsams und der geistigen Tiefe und man weiß zu genüge, wohin das führt. Zweisprachigkeit ist eine Chance, bei Doppelsprachigkeit geht es um Leben und Tod. Französisch bedeutet Entdeckung der freiheitlichen Vernunft.

Andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Exil sprechen von einer ganz eigenen »Sprache des Exils«. Da Exilierte ähnliche Erfahrungen der Zerrissenheit und Entwurzelung verspüren, eine sie der Blick auf die Welt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Für mich gibt es nur eine einzige Grundsprache, die sich - wie auch mein Alltag -  in der einen oder der anderen ausdrückt: Wo das Deutsche nicht mitkommt, hilft das Französische aus und umgekehrt. Es geht nicht um »Zerrissenheit«, es ging um Verfolgung durch das kriminellste Regime der europäischen Geschichte. Es geht nicht um »Entwurzelung«. Die Menschen - und das ist eben der grundsätzliche Unterschied - brauchen keine Wurzeln. Sie sind nicht zur lokalen Zugehörigkeit verpflichtet, sie haben höchstens eine »Heimat«, aus der sie vertrieben werden können. Was mich persönlich betrifft, ist mein ziviles, historisches und politisches Leben absolut französisch. Das Deutsche ist ein Hintergrund, der natürlich immer irgendwie durchscheint, es ist mit Gefahr und Drohung verbunden. Ich glaub nicht an eine besondere Sprache des Exils; das Exil ist höchstens ein persönlicher Zustand, solange man nicht das Glück hat in eine Zufluchtsgesellschaft integriert zu sein. Es gibt aber auch eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen allen und zwar eine eventuelle Ausweisung, eine Drohung, die je nach den politischen Tendenzen immer möglich sein kann. In den Tiefen der Seele und vielleicht auch an der Oberfläche steht immer der Koffer bereit.

Wie blicken Sie heute auf Deutschland? Bereiten Ihnen die vermehrten rechtsextremen Angriffe Sorgen?

Das heutige Deutschland ist wirklich erstaunlich und bewunderungswürdig, wenn man bedenkt, woraus es entstanden ist: aus einer Zeit des Erstickens, des Mordens, aus dem kollektiven und vom Gros der Bevölkerung mit religiösem Eifer unterstütztem nationalem Verbrechen. Jeder wusste ungefähr Bescheid, ahnte, dass man Menschen verfolgte, einfach, weil es sie als Menschen gab. Trotz einiger heldenhafter Widerstandskämpfer, wie die jungen Leute der »Weißen Rose«, war Deutschland unrettbar verloren. Dank der Alliierten entstand aber das Grundgesetz und daraus das demokratische Deutschland, das immerhin lange brauchte, bis es sich endlich mit Präsident Gauck dazu bekannte. Trotz der völligen Bekehrung zur europäischen Ideenwelt und zur politischen Adhäsion an Europa, schwelt und gärt im Hintergrund der alte Reichsgedanke, die »Deutschheit« als alleinige Macht und Wahrheit. Die leicht zu definierende und zu umgrenzende AfD ist nur ein Deckmantel dazu.

Auch heute leben wieder viele Menschen im Exil, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden. Viele von ihnen finden in Frankreich und Deutschland Schutz. Fühlen Sie eine Verbindung mit anderen Exilierten, ein besonderes Gemeinschaftsgefühl?

Sollte man mit allen Exilierten eine tatsächliche Empathie empfinden, müsste man ihnen zu Hilfe eilen in irgendwelchen Lagern, in Griechenland z.B. und sich jedem einzelnen widmen, alles andere bleibt Theorie. Die politisch Verfolgten und die Wirtschaftsflüchtlinge erleben wahrscheinlich Ähnliches, aber jedes Mal ist es ein individuelles Geschehen, von dem eigentlich nur der Betroffene berichten könnte. Natürlich ist das eine Frage, die jeden angeht, die aber nicht ideologisch, sondern leider nur demographisch beantwortet werden kann. Es geht vielleicht wieder um eine Art Völkerwanderung. Frankreich hatte schon eine lange koloniale Geschichte und hat viele Ausländer integriert, ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung ist aus fremdländischer Herkunft. Viele Migranten müssen erst in die Strukturen der Republik integriert werden. Für Deutschland ist es eine andere Problematik, die genauso wie für Frankreich die Frage der Integration beiderseitig der Gesellschaft stellt.

Das Interview führten Theresa Schneider, Programmleiterin Exil und Hilary Schmalbach, Programm-Managerin Exil bei der Körber-Stiftung.

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

+49 • 40 • 80 81 92 - 144
tetzlaff@koerber-stiftung.de

Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Exil

+49 • 40 • 80 81 92 - 169
schmalbach@koerber-stiftung.de

to top