X

»Jenseits der Rückkehr?«

Identität, Arbeit, Zukunft: Darum kreiste das Gespräch der Schriftstellerin Olga Grjasnowa und der Schauspieler Ayham Majid Agha mit der Hamburger Literatur-Professorin Doerte Bischoff im Rahmen der Hamburger »Tage des Exils«. Die Schriftstellerin mit Wurzeln in Aserbeidschan und der Schauspieler und Regisseur aus dem syrischen Deir ez-Zor waren am 16. Oktober zu Gast im Haus 73 im Hamburger Schanzenviertel. Das Gespräch unter dem Titel »Jenseits der Rückkehr? Zusammenleben im Exil« ist das zweite Event im Rahmen der von der Körber-Stiftung initiierten »Tage des Exils« – und der erste gemeinsame Auftritt des Künstlerpaares, das sich 2013 in Deutschland kennengelernt hat.

Es sind die Etiketten, die nerven: Olga Grjasnowa sagt, sie sei einfach eine deutsche Schriftstellerin. Dennoch findet sie sich immer wieder unter der Rubrik »Migrationsliteratur« einsortiert. Ayham Majid Agha will als Schauspieler und Regisseur wahrgenommen werden –und nicht bloß Bestandteil von gut gemeinten Theaterprojekten mit Flüchtlingen sein. Die beiden leben zusammen in Berlin-Neukölln und haben mittlerweile zwei Kinder. »Es ist schon kompliziert: Wir benutzen in unserer Familie vier Sprachen«, sagt Agha. Er redet mit den Kindern arabisch, Grjasnowa russisch. Die Kinder sprechen deutsch, die Eltern verständigen sich auf englisch – auch hier auf der Bühne. 

Fremde, zerstörte Heimat

»Jenseits der Rückkehr« lautete die Überschrift des Abends – und tatsächlich ist die Perspektive vieler Exilanten für die beiden eigentlich keine: Olga Grjasnowa ist mit elf Jahren nach Deutschland gekommen. »Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr«, sagt die Schriftstellerin. Damals sei das noch Teil der Sowjetunion gewesen, die gesamte Bevölkerung ihrer Heimatstadt Baku habe sich innerhalb der letzten 20 Jahre komplett ausgetauscht – da »brauchte man eine Zeitmaschine, wenn man zurück wollte«.

Auch Agha hat seine Heimat verloren: 80 Prozent der Stadt, aus der der 38-Jährige stammt, sind zerstört – und im ganzen Land hat das verhasste Assad-Regime die Oberhand. Er, der einst in syrischen Dörfern interaktive Theaterprojekte aufführte und in Damaskus Theaternachwuchs ausbildete, sieht sich nicht als Oppositioneller, sondern als Widerstandskämpfer – auch von Deutschland aus. Sein syrischer Pass: abgelaufen. Dass er in Deutschland gelandet ist, war eher ein Zufall, weil er 2013 wegen Problemen mit seinem Visum nicht mehr in den Libanon zurückkonnte. »Exil bedeutet eine neue Welt, die alles in Ihrem Leben verändert«, sagt Agha. 

Er hat am Berliner Gorki-Theater eine künstlerische Heimat gefunden – mit Projekten wie »Winterreise«, »Die Hamletmaschine« und seinem eigenen Text »Skelett eines Elefanten in der Wüste«. Aber Teil des dortigen »Exil Ensemble« will er nicht mehr sein  – auch wenn dafür Fördergelder privater Stiftungen fließen. Die in vielen Fällen falsche Kategorisierung als Flüchtling mache ihn wütend: »Über einen Iren, der in Frankreich arbeitet, würde das auch niemand sagen.« Nicht auf die Herkunft reduziert werden, sondern als professioneller Künstler anerkannt werden: Das ist das Ziel.

Olga Grjasnowa ist mit der Flüchtlingsgeschichte ihrer jüdischen Großmutter aufgewachsen, die im Zweiten Weltkrieg von Weißrussland nach Baku floh: »Das war keine Geschichte von Migration, sondern eine vom Überleben«, sagt sie. Von einer großen jüdischen Familie seien nur die Großmutter und ihr Bruder übrig geblieben. Grjasnowa , Jahrgang 1984, kam 1996 als »Kontingentsflüchtling« nach Deutschland. Ihr Romandebüt »Der Russe ist einer, der Birken liebt« (2012) erzählt die Geschichte einer Einwandererfamilie und kam bei der Kritik exzellent an. Kurios fand die Schriftstellerin allerdings, dass sie 2015 den mittlerweile abgeschafften Chamisso-Förderpreis bekam, der sich an Autoren »nichtdeutscher Sprachherkunft« richtet: »Deutsch ist eigentlich die einzige Sprache, die ich spreche.« Im Englischen sei sie sich nie ganz sicher, ob sie sage, was sie meine. »Wenn mein Mann und ich streiten, lauf’ ich schnell mal aus dem Raum und schlage im Wörterbuch nach«, sagt sie lachend. Ihr aktueller Roman »Gott ist nicht schüchtern« behandelt eine Fluchterfahrung aus Syrien – zwar hat sie dafür viele Gespräche mit ihrem Mann geführt, aber biographische Züge trägt der Text nicht. »Wer Syrien verstehen will, lese dieses Buch«, schrieb die WELT in einer Rezension. 

Deutsche Vergangenheit, deutsche Zukunft

Es war Doerte Bischoff, die an diesem Abend die bemerkenswerten Verbindungslinien zwischen Gegenwart und Vergangenheit nachzeichnete: Bertolt Brecht, der vor den Nazis in die USA ins Exil floh und bis heute für Aghas Arbeit an deutschen Theatern wichtig ist; der hochrangige Nazi Alois Brunner, der nach dem Krieg in Syrien Unterschlupf fand und dort an der Gestaltung von Foltergefängnissen für das Regime mitwirkte. »Exil betrifft nicht immer nur die Opfer«, sagte Bischoff. Das bestätigt auch Aghas Eindruck, dass die Mehrheit der nach Deutschland geflohenen Syrer aufseiten Assads stünden. »Das stört hier aber niemanden, sie sind ja nicht radikal und gegen Deutschland.«

Aghas Alltagserfahrungen in Deutschland sind nicht durchweg positiv: »Es mangelt an Solidarität mit Schwächeren.« Doch an einen Wiederaufbau seiner Heimat glaubt er nicht. Ohnehin sei es unter dem aktuellen Regime ja nicht möglich, künstlerisch zu arbeiten. So versuche er hier sein Bestes zu geben als Schauspieler, Autor, Regisseur: »Ich bin ein Syrer mit einer deutschen Zukunft.«  Sie sei jetzt 23 Jahre hier und habe nichts Besonderes in ihrem Lebenslauf, außer woanders geboren zu sein, ergänzt Grjasnowa. »In Deutschland gilt man noch als Migrant, wenn die Familie seit fünf Generationen in Deutschland lebt.« Doch sie sieht die Sache pragmatisch: »Für meine Identität als Mutter ist es im Moment das Wichtigste, wie ich den Kinderwagen im Treppenhaus rauf und runter bekomme.«

Weitere Berichte über Veranstaltungen im Rahmen der Hamburger »Tage des Exils«:

»Siegfried Landshut – Vertreibung, Exil, Rückkehr«  
Rainer Nicolaysen stellt den Lebensweg des Hamburger Exilanten vor

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 169
Email schmalbach@koerber-stiftung.de

to top