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Siegfried Landshut – Vertreibung, Exil, Rückkehr

Im Rahmen der »Tage des Exils« hat der Historiker Rainer Nicolaysen, Leiter der Arbeitsstelle für Universitätsgeschichte der Universität Hamburg, den Lebensweg von Siegfried Landshut nachgezeichnet. Landshut ist einer der prominenten historischen Exilanten, die die Veranstaltungsreihe in den Blick nimmt. In seinem Vortrag  im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) hat Nicolaysen das Schicksal und die wissenschaftliche Leistung Landshuts gleichermaßen beleuchtet. Weil Landshut Jude ist, wird er 1933 von der Hamburger Uni entlassen und muss aus Deutschland fliehen. Nach dem Krieg kehrt er an seine alte Wirkungsstätte zurück – und wird zum Mitbegründer der Politikwissenschaft in Deutschland. Der Historiker Nicolaysen freut sich, dass Landshut rechtzeitig zu seinem 50. Todestag im Dezember eine »Wiederentdeckung« erfährt – auch dank einer Ausstellung im HIS, die das Leben und Wirken Landshuts in übersichtlicher Form aufbereitet.

Wenn die Familie im ägyptischen Exil mal wieder nichts zu essen hat, erzählt Siegfried Landshut seinen Kindern mit großer Ausdauer griechische Sagen – geistige Nahrung statt der richtigen sozusagen. Seine Gemütslage schildert er in einem Brief: »Sie können sich wohl denken, dass es nicht leicht ist, herausgerissen aus der vertrauten Welt (...) und ausgeliefert an eine Umgebung und an Umstände, die mir äusserst fremd, ja feindlich sind, die Besinnung und die Contenance zu bewahren, vor allem, wenn die Sorge um Frau und Kinder alles erschwert und bitter macht.«

»Veränderte Verhältnisse«

»Vertreibung – Exil – Rückkehr«: Das Thema des Vortrags benennt die drei großen Phasen, in die sich das Leben Siegfried Landshuts gliedern lässt. 1897 als Sohn weitgehend assimilierter Juden in Straßburg geboren, nimmt er unmittelbar nach dem Abitur als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Studium der Nationalökonomie und Philosophie startet er seine wissenschaftliche Karriere und kommt 1925 für einen Forschungsauftrag nach Hamburg, wo er zwei Jahre später eine Stelle als Hochschulassistent erhält. »Doch die Unabhängigkeit seines Denkens und seine scharfsinnige Argumentation haben seine berufliche Existenz oft erschwert«, analysiert Nicolaysen. Weil er Jude ist, werden seiner Habilitation wiederholt Steine in den Weg gelegt. Mit seiner »Kritik der Soziologie« (1929) und den 1932 unter dem Titel »Der historische Materialismus« herausgegebenen Frühschriften von Karl Marx erregt er aber viel Aufsehen in der Fachwelt.

1933 wird seine Habilitation »mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse« endgültig abgelehnt. Landshut verliert als »Nichtarier« seine Stelle an der Uni. Er geht mit seiner Frau und den drei Kindern ins Exil, zunächst nach Kairo. Doch dort kann er kaum wissenschaftlich arbeiten und ist in ständiger Existenznot. Er zieht nach Palästina, wo er eine befriste Stelle an der Hebräischen Universität erhält. Doch trotz der Fürsprache prominenter Wissenschaftler wird nichts Festes daraus. Er lebt in einem Kibbuz und verfasst eine Studie über »Die Gemeinschaftssiedlung in Palästina«, die auch heute noch zitiert wird. Für ihn und seine Familie geht es im Exil »an die Grenze des physisch und psychisch Aushaltbaren«, sagt Nicolaysen. Dabei ist Landshuts Einsatz enorm: So lernt er innerhalb von nur zwei Jahren so gut Hebräisch, dass er in der Fremdsprache Fachvorträge über das Werk Max Webers halten kann. Von 1942 bis 1945 arbeitet er bei einem britischen Radiosender in Jerusalem, nach Kriegsende kümmert er sich – wieder in Kairo – um die »Re-Education« deutscher Kriegsgefangener und erhält schließlich einen Forschungsauftrag in London. »Das bestimmende Moment in seinem Leben bleibt die Entwurzelung«, sagt Nicolaysen.

Alte Seilschaften

17 Jahre muss Landshut unter schwierigsten Bedingungen im Exil leben, bevor er 1950/51 an die Stätte zurückkehrt, von der er vertrieben worden war: an die Hamburger Uni. Kein leichter Schritt, den er sich reiflich überlegt hat. Er will wieder wissenschaftlich arbeiten – und er hat keine Alternative. Landshut nimmt sich vor, nicht über seine Vertreibung zu sprechen und andere nicht anzuklagen. Darin steckt eine »ungeheure Großzügigkeit«, wie Nicolaysen urteilt: Denn der Rückkehrer hat es hier mit Leuten wie dem Historiker Egmont Zechlin, dem Stiftungsvorstand Adolf Rein oder dem Unipräsidenten Otto Brunner zu tun, die sich schon früh zu Adolf Hitler bekannt hatten. Der Geist, der Landshut vertrieben hatte, sitzt wieder an den wissenschaftlichen Schaltstellen. 

Der Remigrant wird zum »respektierten Außenseiter« (Nicolaysen). »Landshut sah sein Fach vor allem als praktische Wissenschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert«, sagt sein Biograf. »Der Begriff Politik ist ja nicht von gestern. Er ist neben Physik, Metaphysik und Ethik einer der ältesten Begriffe zur Bezeichnung einer Wissenschaft, der Wissenschaft von der Polis, der politischen Gemeinschaft, der res publica«, schreibt Landshut.

Neben seiner Hochschultätigkeit unternimmt er auch immer wieder Ausflüge in die politische Erwachsenenbildung – etwa an der Akademie für Gemeinwirtschaft. Den Studiengang Politik in Hamburg baut er quasi im Alleingang auf. Landshut vertritt das Fach 14 Jahre, davon über zehn Jahre als einziger Professor. Die Studenten schätzen den intellektuell anregenden Hochschullehrer, Mitte der 60er-Jahre würdigen seine Fachkollegen seine Leistungen, indem sie ihn zum Vorsitzenden der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft küren. Ende 1968 stirbt Siegfried Landshut. Das Werk eines der Gründerväter der Politischen Wissenschaft ist durch „die Ungunst der Zeit“ in seiner Wirksamkeit so beeinträchtigt worden wie kaum ein anderes, hat der renommierte Fachkollege Wilhelm Hennis einmal beklagt. »Die Ungunst der Zeit« – vielleicht auch deshalb umwehte Siegfried Landshut bei all seinem Engagement laut Rainer Nicolaysen nach seiner Rückkehr in die Heimat »ein Hauch von Traurigkeit«.

Die Ausstellung im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) über Siegfried Landshut läuft bis zum 15. Februar 2019. Außerdem hat das HIS in diesem Jahr zum ersten Mal den Siegfried-Landshut-Preis vergeben. Er ging an den Soziologen Michael Mann von der University of California in Los Angeles. Ganz im Sinne von Siegfried Landshut werden auch Nachwuchs-Förderpreise vergeben.

Weitere Berichte über Veranstaltungen im Rahmen der Hamburger »Tage des Exils«:

»Jenseits der Rückkehr? Zusammenleben im Exil«
Olga Grjasnowa und Ayham Majid Agha im Gespräch mit Doerte Bischoff

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 169
Email schmalbach@koerber-stiftung.de

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