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Zurück auf Null

Hakan Mertcan und seine Frau Jona mussten die Türkei Hals über Kopf verlassen, weil der junge Professor einen Friedensappell an Präsident Erdoğan unterschrieben hatte. Im Hamburger Rathaus sprachen die beiden über Meinungsfreiheit, Grundrechte und über ihr neues Leben im Exil. Gekommen waren zahlreiche Hamburger Schülerinnen und Schüler, die dem Bericht des Paares aufmerksam lauschten.

»Mehr als 60 Millionen sind derzeit weltweit auf der Flucht. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Gründe: Krieg, Konflikte, Gewalt, Katastrophen, Armut, Ausbeutung«, sagte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit als Gastgeberin zu Beginn der Veranstaltung im Hamburger Rathaus. Im Falle der Türkei geht es vor allem um politische Unterdrückung. Aktuell sitzen dort Zehntausende Menschen mit fragwürdigen Begründungen in Haft, darunter regimekritische Journalisten, Professoren, Richter und andere Zivilisten. Andersdenkende duldet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan nicht. Wer wegen derartiger Kritik noch nicht im Gefängnis sitzt, dem bleibt oftmals nur die Flucht – und damit der Neubeginn in einem anderen Land. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat das kürzlich im Rahmen der »Tage des Exils« so auf den Punkt gebracht: »Anteilnahme gibt es nur im Detail. Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen im Exil ihre Geschichten erzählen.« Wie ihr Leben zurück auf null gedreht wurde, davon berichteten Hakan Mertcan und seine Frau Jona in einem bewegenden Gespräch im Hamburger Rathaus.

Schönes Leben

Gemeinsam sitzt das Paar auf einer kleinen Bühne. Er in schicker Pulli-Hemd-Kombination. Sie ganz in Schwarz gekleidet, lediglich ein rotes Halstuch als Farbtupfer. Auf die beiden sind die neugierigen Blicke der Schülerinnen und Schüler gerichtet, die gekommen sind, um ihre Geschichte zu hören. Wie ihm seine Arbeit als Professor in der Türkei gefallen habe, fragt der Journalist Johannes von Dohnanyi zu Beginn des einstündigen Gesprächs. »Sehr. Es war ein Traumjob. Ich hatte vorher an vielen verschiedenen Universitäten gelehrt, war mir aber sicher, dass ich bis zur Rente in Mersin bleiben möchte«, antwortet Hakan Mertcan auf türkisch. Ein Dolmetscher übersetzt. »Wir hatten dort ein schönes Leben«, stimmt ihm Jona zu. Während sie spricht, wippt sie nervös mit den Beinen. »Es hat lange gedauert, bis wir unsere Wohnung am Meer endgültig eingerichtet hatten«. Warum sie ihn geheiratet habe? Jona lacht: »Ich habe ihn als Mensch kennengelernt, der großen Wert auf Demokratie, Freiheit und Menschenrechte legt. Das sind Werte, die auch mir sehr wichtig sind.«

Unerwartete Hilfe

Doch der Traum vom gemeinsamen Leben am Meer platzte. 2016 unterschrieb Mertcan gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern einen Friedensappell an Erdoğan: Darin forderten sie die Regierung auf, mit der kurdischen Minderheit Frieden zu schließen. Es sollten nicht weiter unschuldige Menschen sterben. »Am nächsten Tag bezeichnete uns Erdoğan im Fernsehen als Terroristen und Landesverräter«, erinnert sich Mertcan. Doch wer hier wen terrorisierte, wurde schnell klar: »Ich habe in zwölf Jahren Tausende Studenten unterrichtet, ich war für sie ein Vorbild. Nachdem ich den harmlosen Appell unterzeichnet hatte, ließ mich die Universität einfach fallen – sie entließen mich!«, so Mertcan. Damit nicht genug: »Vor unserer Wohnung lauerten seltsame Menschen, die uns auf Schritt und Tritt verfolgten. Wir erhielten Drohbriefe und hatten immer Angst, dass uns etwas zustößt«, erzählt Jona. Als gegen immer mehr Unterzeichner des Appells Untersuchungen eingeleitet und Haftbefehle ausgesprochen werden, fliehen Hakan und Jona mithilfe der Stiftung für politisch Verfolgte und der Zeit Stiftung bei Nacht und Nebel nach Hamburg. »Das war ein Glücksfall. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung«, sagt Hakan.

Ungewisse Zukunft

In der Hansestadt können sie fernab von Erdoğans Schreckensherrschaft sicher leben. Doch die Flucht bedeutet gleichzeitig: zurück auf null. »Wir sind quasi wieder wie Kinder, die am Boden krabbeln. Wir müssen alles neu lernen, etwa die Sprache und Kultur«, so Hakan. Trotz allem fühlen sich die Beiden gut aufgenommen: Hamburg sei eine internationale und weltoffene Stadt. Was ihn jedoch traurig stimme, sei die Tatsache, dass der Umzug keine freie Entscheidung war. Auf die Frage einer Schülerin, wie die Zukunft der Türkei wohl aussehe, antwortet Hakan Mertcan nachdenklich: »Ich denke, dass die Türkei den Weg zur Demokratie zurückfinden wird – jedoch nicht in naher Zukunft. Es wird lange dauern. Und leider müssen in der Zeit zu viele Menschen leiden«, so Hakan.

Die Schüler im Publikum beschäftigt das Schicksal von Hakan und Jona Mertcan. Noch lange nach dem Gespräch diskutieren sie über das gerade Gehörte: »Mich hat es am meisten berührt, dass sie ihrer Familie nicht sagen konnten, dass sie fortgehen müssen«, meint etwa Olivia, 14 Jahre, von der Max-Brauer-Stadtteilschule. Anderen ist durch die Veranstaltung erst bewusst geworden, wie wertvoll das Recht der Meinungsfreiheit ist: »Ich bin dankbar dafür, dass ich in einem Land lebe, wo ich meine Meinung einfach so äußern kann, ohne Konsequenzen und Verfolgung fürchten zu müssen«, so der 14-jährige Arti.

»Man wünscht der Türkei, dass sie zur Demokratie und Rechtssicherheit zurückkehrt. Dann gäbe es für unsere Gäste und andere politisch Verfolgte aus der Türkei keinen Grund mehr Staat und Polizei zu fürchten«, so das Fazit von Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit.

Weitere Berichte finden Sie unter »Tage des Exils«

Kontakt

Sven Tetzlaff
Leitung Bereich Demokratie, Engagement, Zusammenhalt

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 144
E-Mail tetzlaff@koerber-stiftung.de

Hilary Schmalbach
Programm-Managerin
Tage des Exils

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 169
Email schmalbach@koerber-stiftung.de

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