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Leben in »interessanten Zeiten«

In ihrer Keynote beim 6. internationalen Symposium The Art of Music Education verwies Esra Kücük, Direktoriumsmitglied im Berliner Maxim-Gorki-Theater, darauf, dass man früher in China Menschen, die man nicht besonders mochte, ein »Leben in interessanten Zeiten« wünschte. Eigentlich sei es eine Verwünschung gewesen, denn mit »interessant« waren Zeiten voller Krisen, Veränderungen und Unübersichtlichkeiten gemeint. Zweifellos seien es »interessante Zeiten«, in denen wir heute leben, betonte Kücük. Das Spannende und auch entscheidende sei am Ende, ob wir die Veränderungen, die uns umgeben, die unsere Zeit ausmachen, auch erkennen und nicht ignorieren. Und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Einen wunderschönen guten Tag, meine Damen und Herren. Vielen Dank an die Körber-Stiftung für die Einladung in meine alte Heimat Hamburg, wo ich immer wieder gerne hinkomme. Wie wir in der Einleitung hörten geht es beim diesjährigen Symposium um nichts Geringeres als um die Frage, welche Entwicklungen und Herausforderungen unsere Gesellschaften gerade umtreiben und welche Rolle dabei Kunst- und Kulturvermittlung spielen kann?

Um mich dieser Frage anzunähern, habe ich Ihnen blitzlichtartig ein paar persönliche Erlebnisse meiner Arbeit an einem Berliner Stadttheater aus den vergangenen zwei Jahre aufgeschrieben, die pars pro toto für die Entwicklungen stehen sollen, die ich gerade nachdenklich um uns herum beobachte. Und damit Ihnen das Zuhören leichter fällt, habe ich Ihnen meine Erlebnisse in drei Akten zusammengestellt. Los geht‘s:

Vorhang auf 1. Akt 

»Das Zeitalter ist aufgeklärt, [...] woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?« Mit diesem Zitat von Friedrich Schiller aus seinen Briefen »Über die Ästhetische Erziehung des Menschen« haben wir am Maxim Gorki Theater die Spielzeit 2016 eröffnet. Ich stehe vor diesem etwa zehn Meter großen Banner, auf dem Platz der Märzrevolution vor dem ehrwürdigen Bau der Singakademie. Es ist Montag, der 14. März 2016. Einen Tag, nachdem die AfD in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt in die Landtage eingezogen ist. Ein Morgen, der wieder mit der Nachricht im Radio beginnt, dass  hunderte Menschen im Mittelmeer ertrunken sind. Ich stehe da, blicke auf das Banner und bin erstaunt, wie aktuell sich dieses Zitat aus dem 18. Jahrhundert für mich anfühlt.

In diesem Moment denke ich darüber nach, dass die Auseinandersetzung, die bei uns am Theater tagtäglich auf der Bühne verhandelt wird, die Auseinandersetzung damit, dass wir  fortwährend in Gesellschaften des Übergangs leben – dass diese Erkenntnis offenbar vielen Menschen Angst macht.  Und diese Angst reaktionären Bewegungen Aufwind verschafft, Bewegungen, die sich einem rückwärtsgerichteten, gar anachronistischen und im Kern vormodernen Leitmotiv verschrieben haben. Und ich denke… Dieses Thema wird mich in den nächsten Jahren vermutlich nicht nur auf unserer Bühne beschäftigen.

Sechs Monate später, es ist der 12. September 2016, etwa 20:30 Uhr. Auf der großen Bühne spielt gerade »Je suis Jeanne D’Arc«, ein Stück des in Paris lebenden Regisseurs Mikael Serre, der Schillers Tragödie von der Jungfrau von Orleans als Ausgangspunkt nimmt für ein Projekt über Nation, religiösen Fanatismus und den Mythos von Jeanne d’Arc, die über die Jahrhunderte hinweg zur Patronin sowohl der  Linken geworden ist als auch der Reaktionären und Nationalisten und als Ikone der Front National dient, die jedes Jahr zum 1. Mai einen Gedenktag für sie begehen.

Auf unserer kleinen Bühne im Studio zeitgleich ein Talk zwischen dem Verleger Jakob Augstein und Margot Käßmann, der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Ein normaler Abend … bis eine Gruppe die Veranstaltung kapert. Lauthals brüllt es da »Ihr Verräter!«, …. »Ihr Lügner!« Gleichzeitig werden Fahnen ausgepackt, schwarz auf gelben Grund, da drauf ein griechischer Buchstabe. Schon skandiert ein Chor von etwa 20 jungen, adrett aussehenden Männern in Röhrenjeans und Dreitagebart immer wieder gebetsmühlenhaft das Wort: »Heuchler«.

Darf ich vorstellen meine Damen und Herren, die sogenannte Identitäre Bewegung! Das Ganze mitten am Boulevard Unter Den Linden, wenige Meter vor der Neuen Wache, vor der Pietà - der Skulptur von Käthe Kollwitz.

2. Akt

Oktober 2016, wir  veranstalten ein Festival mit dem Titel »Uniting Backgrounds – Theater zur Demokratie«. Der Fokus liegt auf der Gefährdung der Europäischen Demokratien im Anbetracht der neuen neonationalen Trends. Die Idee ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, aus der Sofa Ecke heraus zu kommen – wenigstens auf der Ebene der künstlerischen Auseinandersetzung – und sich auf die Suche zu machen nach einem europäischen »Common Ground«.

Eingeladen ist unter anderem Krzysztof Minkowski, ein in Deutschland lebender polnischer Regisseur. Wir zeigen sein Stück »Die zwei Monddiebe«. Der Titel bezieht sich auf eine polnische Märchenverfilmung aus dem Jahr 1962, in den Hauptrollen spielten damals die zwei Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski als Kinder. Das Stück erzählt auf Basis dieses Märchens allerdings kritisch vom Polen der Gegenwart und von den immer kleiner werdenden Räumen der dortigen Kunstfreiheit.

Eine Woche später erreicht uns ein Schreiben des polnischen Botschafters adressiert an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller – verbunden mit der Frage, wie es sein kann, dass ein solches Stück an einem Berliner Staatstheater spielt.

12. November 2016. Nurkan Erpulat hat Premiere mit seinem Stück »Love it or Leave it«  – eine Dystopie der türkischen Gesellschaft, die sich seit der Gründung der Republik in einem Teufelskreis zu befinden scheint. Das Stück ist schnell erklärt: Wir sehen ein Unrechtssystem und alle schweigen sich zu Tode.

Nicht einmal ein Jahr später schleicht sich diese Dystopie von der Bühne in mein Leben. In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 2017 erfahre ich von der Verhaftung meines engen Bekannten Osman Kavala, ein Kulturmäzen, der seine philanthropische Arbeit in den letzten Jahrzehnten dem türkisch-europäischen Dialog widmete. Er ist seit nunmehr über 100 Tagen im größten Gefängnis Europas.

3. Akt

»Die Geschichte vom Leben und Sterben des neuen Juppi Ja Jey Juden« heißt eine Arbeit bei uns im Studio. Das Stück ist ein Monolog, förmlich die Umarmung einer israelischen Künstlerin, die ihr deutsches Publikum mit ihrer Dankbarkeit in den Schwitzkasten nimmt. Sie erzählt von dem Verlassen ihres Landes, von der freundlichen Aufnahme in Deutschland, den Sprachkursen, dem Stiftungsdschungel, durch den sie sich durchkämpfen musste, um dort anzukommen, wo sie heute ist – als neuer jüdisch-israelischer Star am Himmel der deutschen (Kunst-)Landschaft.

Ganz euphorisiert von der Wortgewandtheit des Textes, der Schauspielwucht und dem zugespitzen Sarkasmus komme ich aus dem Stück und laufe im Foyer an einer Dame vorbei, die ich zu ihrer Begleitung sagen höre: »Das Stück macht doch gar kein Sinn: schließlich ist das doch eine Türkin oder nicht?«

Ich höre diesen Satz und mir schießen tausend Gedanken gleichzeitig durch den Kopf. Ich möchte zu der Dame herüber gehen und sie fragen, ob ihr eigentlich bewusst ist, dass wir 2018 haben und jeder fünfte in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund hat und ich möchte sie fragen, ob sie sich bewusst darüber ist, dass wir in einer Zeit leben, in der in Großstädten wie Frankfurt am Main 75% (also weit mehr als die Mehrheit) der Kinder unter 6 Jahren einen Migrationshintergrund haben, in Augsburg 61% und in München 58% und das das die neue Normalität ist. Das Deutschland von morgen sozusagen. Ich möchte sie fragen, ob ihr bewusst ist, dass die Schauspielerin, die sie gerade als Türkin gelabelt hat, zu den besten deutschen Schauspielerinnen derzeit gehört, das diese Schauspielerin 1981 in Nordenham irgendwo in Niedersachsen geboren wurde und an einer der besten Hochschulen für Schauspielkunst, studiert hat und erst kürzlich von der Fachzeitschrift Theater heute zur Schauspielerin des Jahres nominiert wurde.

Aber all das tue ich nicht. Ich gehe nicht zu ihr rüber. Denn irgendwie kann ich es auch verstehen, dass die Dame das alles zu unübersichtlich findet: Der Text dieses Stückes wurde geschrieben von SIVAN BEN YISHAI, die in Tel Aviv und Jerusalem Theaterregie und szenisches Schreiben studierte und nun in Berlin arbeitet. Regie führte Sascha Marianna Salzmann, die 1985 in Wolgograd geboren, in Russland und Deutschland aufgewachsen ist, die sich ganz expliziert für dieses Stück Sezede Terziyan in der Hauptrolle wünschte.
Ich lasse es, ihr diese Zusammenhänge zu erzählen und ihr zu sagen, dass die Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit doch genau in diesem Stück stattgefunden hat, die sie gerade mit diesem einen beiläufigen Satz zu Nichte gemacht hat. Ich lasse es und vertraue darauf dass es nur noch etwas Zeit braucht, bis das, was wir machen, auch als ein Teil einer vielschichtigen Normalität anerkannt wird.

Drei Schlussfolgerungen aus drei Akten für die nächsten zwei Tage

In China gibt es ein Sprichwort, das man Menschen gegenüber sagt, denen man nichts Gutes wünscht. Dieses Sprichwort bedeutet übersetzt so viel wie: »Mögest du in interessanten Zeiten leben«. Um genau zu sein, handelt es sich bei diesem Sprichwort um eine Verwünschung; denn mit »interessant« sind Zeiten gemeint, die von Kriegen, Krisen, Umstürzen, Veränderungen, Unübersichtlichkeiten und Verunsicherungen geprägt sind. Das macht Zeiten in diesem Sprichwort zu »interessanten Zeiten.«

Ich glaube ob wir wollen oder nicht, wir, die wir gerade hier auf dieser Konferenz zusammen gekommen sind, egal ob Sie gerade aus Berlin kommen, aus Paris, Budapest, Moskau, London, Washington oder aus Finkenwerder hier her gekommen sind - wir alle haben wohl gemein, dass wir in interessanten Zeiten leben. Das Spannende und auch entscheidende wird wohl sein, ob wir die Veränderungen, die uns umgeben, die unsere Zeit ausmachen auch erkennen und nicht ignorieren. Und daraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Wussten Sie dass die Sozialwissenschaft davon ausgeht, dass 90 Prozent der Gesellschaft wesentliche gesellschaftliche Umwälzungen in Zeiten großer Veränderungen gar nicht wahrnehmen. Von den restlichen zehn Prozent nehmen sieben Prozent sie zwar wahr, können sie aber nicht mit gestalten, während nur drei Prozent in der Lage sind, diese Veränderungen zu verstehen und notwendige Maßnahmen zu initiieren und umzusetzen.

Ist es nicht spannend sich einmal die Folgen anzuschauen, die es verursacht, wenn man sich einem unwiderruflichen Wandel versperrt? Oder die Augen verschließt aus einem subjektiven Überforderungsgefühl heraus? Was bedeutet es eigentlich, sich einer gesellschaftlichen Umwälzung gar nicht erst bewusst zu werden? Wie gehen wir mit Veränderungen in der Gesellschaft um die uns zunächst fremd erscheinen?

Die drei Akte in meiner Anekdote stehen für mich für drei Entwicklungen denen wir eine umfangreiche Auseinandersetzung derzeit schuldig sind. Das ist 1. die Suche nach dem Umgang mit Vielfalt und Uneindeutigkeit. Das ist 2. die Suche nach einer Auseinandersetzung mit Demokratie- und Freiheitsabbau, der uns auch hier in Europa direkt und unmittelbar betrifft und das ist 3. die Frage nach einer Haltung im Umgang mit reaktionärem Denken und nationalen Eindeutigkeitsbegehren.

Daraus ergeben sich viele weitere Fragen wie beispielsweise:

Wie ist kulturelle Repräsentation in einer Stadt verteilt? Welche Geschichten werden erzählt? Welche werden bewusst oder unbewusst nicht erzählt? Was erzählen uns diejenigen, die an die Außenränder einer Gesellschaft gedrängt wurden? Welches sind die Stimmen derjenigen, die wir nicht hören?  
Welche Räume lassen sich schaffen für die Aushandlung von Differenz? Wie schaffen wir es aus dem derzeitigen Gefühl der subjektiven Selbstüberforderung herauszutreten? Wie lässt sich an einer Utopie arbeiten, die Demokratie heißt? Demokratie verstanden als komplexer Verständigungsprozess unterschiedlicher Hintergründe.

Wenn rechtsnationales Denken, Versuche die Kunst- und Meinungsfreiheit einzuschränken, wenn Rassismus, Klassismus, Sexismus, Nationalismus Systeme sind, die einen Raum ordnen, müssen dann nicht Theater, Opern, und Museen Räume werden, die anders geordnet sind? Könnten es nicht kleine Fenster sein, durch die wir in eine mögliche Welt blicken? Könnten es nicht kleine Modellstädte sein oder »Heterotopien«, wie es Foucault nennen würde – andersartige Orte, die in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren, indem sie sie repräsentieren, negieren oder umkehren.

Oder mit Adorno gesprochen: »Kunst verschiebt die Utopie in den fiktiven Raum und hat damit Anteil an der gegenwärtigen Welt.« Mit diesen vielen Fragen möchte ich uns anregen in den nächsten zwei Tagen über Kunst- und Kulturvermittlung vor den Herausforderungen von »interessanten« Zeiten, in denen wir leben nachzudenken.
 
Vielen Dank!
 

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