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Wo ist der Ort der Religion – heute?

Beim 6. internationalen Symposium The Art of Music Education berieten 170 Expertinnen und Experten aus 15 europäischen Ländern darüber, wie Konzerthäuser den gesellschaftlichen Wandel mitgestalten können. Dabei spielte auch die Frage eine Rolle, inwieweit Kultur heute Religionsersatz geworden ist. Milad Karimi, Religionswissenschaftler, Übersetzer des Koran und Professor für Kaläm, islamische Philosophie und Mystik zog in einem viel beachteten Vortrag Parallelen.

 

Die Besonderheit der Kultur besteht darin, dass sie sich nicht einfach konservieren lässt. Jede Kultur ist Ausdruck und Inhalt des Lebens, der Dynamik, der Vielfalt. Die Kultur ist immer auch ein Individuum überschreitendes Ereignis, welches Gemeinschaft stiftet, aber auch als Kultur zum Kultus und Ritus wird. Für ihre Gestaltung wird das Kulturelle zugleich räumlich, ja zuweilen zur Institution. Jede Kultur will aber über sich hinaus. Inmitten einer Kultur zu stehen, inmitten einer Kultur zu leben, bedeutet Teil einer großen Inszenierung zu sein, die ihre eigene Rituale und »Heiligen« hervorbringt.

Unser gewohnter Gang in Kulturstätten, in periodischer Form, Saison für Saison, Woche für Woche, erzeugt eine organische Bindung, stiftet das Kollektiv, ein Kollektiv. Damit ist Kultur zugleich Kulturerlebnis und -ereignis – mit ihren Riten und Chiffren. Ist sie darin nicht der Religion verwandt – als eine gleichsam ananyme Religion? Ich möchte deshalb auf die Parallelen und Analogien zwischen Kultur und Religion hinweisen auch wenn ich zunächst über Religion spreche: Spätestens seit dem 11. September 2001 durfte uns auf höchst drastische Weise klargeworden sein, dass wir ohne ein Verständnis der Religion die Welt und damit uns selbst nicht adäquat verstehen können.

Die These, dass die Religion aus dem Bewusstsein des modernen oder postmodernen Menschen verschwunden sein wird, scheint widerlegt zu sein. Wir hören nicht selten das Mantra der Wiederkehr der Religion. Ist aber die These tatsachlich widerlegt? Oder ist dieser Schein eine tiefe Verblendung. Was ist, wenn die Religion restlos verschwunden ist? Vielleicht ist die Religion so sehr verschwunden, dass wir nicht einmal bemerken, wie sehr sie abwesend ist. Und was tun wir, um diese Abwesenheit zu kaschieren? Wir schreien umso lauter: Religion! Die religiösen Akteure sind dabei nicht weniger verlegen. Sie spielen Religion, sie spielen sich selbst wie in einer Reality-Show ohne Bildschirm. Sie haben sich aber so oft schon gespielt, dass sie zwischen dieser Realität und jener Realität nicht mehr unterscheiden können. Sie betreiben damit Religion in professioneller Weise. Und genau das wird auch von ihnen erwartet.

Die meiste an sie gerichtete Erwartung erwächst durch die areligiösen Menschen. Deren Bild der Religion scheint ganz festgefahren zu sein. Selbst dann, wenn eine moderate Stimme erhoben wird, welche die Religion verdaulicher darstellt, wird ihr widersprochen, indem auf den harten Kern der Religion verwiesen wird, der nicht vergessen werden darf. Sie denken Zuschauer des Spiels zu sein, aber in Wahrheit sind sie Teil des Spiels. Und die Erwartungen der Gläubigen, die Tag für Tag Erbauung, Trost und Versprechungen erhalten, woran sie schon lange nicht mehr glauben, werden auch erfüllt. Es sind dem Namen nach Gläubige, weil sie das Spiel beherrschen, aber es nicht mögen. Sie haben sich damit abgefunden, dass Religion, was sie auch genau sein mag, irgendwie dazu gehört, aber keine ernsthaften Konsequenzen hat. (Man mag darin ruhig Parallelen zum Kultur-»Gebrauch« eines Bürgertums sehen). Gott kann sein, aber wenn nicht, macht es auch nichts.

Umso beunruhigender ist es, wenn es Menschen gibt, die den Anschein erwecken, wirklich zu glauben. Das sind die Fundamentalisten. Sie haben das Spiel der Religion am besten durchschaut, weil sie erkannt haben, dass sich mit der Religion Geschäfte machen lassen oder zumindest Politik. Sie inszenieren eine Religion, die es reiner nicht geben kann. Worin sieht man die Reinheit des Religiosen? Am einfachsten im Angesicht der monumentalen Vergangenheit. Daher rührt auch die gespielte Rückständigkeit. Daher überspielen sie den Glauben. Andernfalls können sie nichts verkaufen. In ihnen fließt das reine Blut der Religion – so scheint es. Was bleibt, ist die wachsende Bedeutung der Religion in der Gegenwart. 

Und gerade diese fundamentale Frage können wir nicht beantworten, weil wir nicht zu unterscheiden vermögen, was religiös und was inszenierte Religiosität ist. Dies ist zudem deshalb ein Dilemma, weil Religion selbst eine große Inszenierung ist, Ritualität, immer und immer wieder durch den Akt der Wiederholung der Vergänglichkeit zu entfliehen, scheint der Kern der Religion zu sein; ob wir das Gebet in Ritus vollziehen oder sein Leben in Ritualität vollführen. Ist heute noch die Religion überhaupt im Stand, Sinn zu stiften? Wo bleibt ihr Mehrwert, wenn wir im kulturellen Erlebnis selbst unsere Sinnsuche verortet haben? Der Religion als Ausdruck der Selbsttranszendierung scheint allmählich ihre Monopolstellung, die sie vielleicht nie hatte, aus den Händen zu geben. Aber was ist der Preis dafür? Offenbar geschieht jenseits der Religion erneut Religion – Katharsis im Gewand des kulturellen Erlebnisses, das nicht Erlebnis genug sein kann.

Doch der Ort der Religion in unserer pluralen und säkularen Gesellschaft ist – und das ist bedeutsam – allein der Mensch. Zu seiner Würde gehört, religiös sein zu dürfen, nicht im Stillen und Verborgenen, sondern im Dienste der Menschheit. Der Mensch ist ein Wesen der Öffentlichkeit. Die Religion kann Träger der Kultur sein, den Menschen zum Besten erheben, aber sie kann auch Träger der Gewalt und des Übels sein. Für beide Erscheinungen gibt es genügend Beispiele. Auch hier liegt der Verweis auf die Kultur nahe, deren Schutzfunktion vor Unrecht und Barbarei wir nach dem 20. Jahrhundert anzweifeln müssen. Nicht also die Religion ist es, die dieses tut und jenes unterlässt, sondern wir selbst sind es, die gefragt sind, unsere Religiosität im besten Sinne mit dem Leben zu verflechten. Wo ist jedoch der Ort der Religion in einer säkularen Gesellschaft? Ist die Religion bloß eine Moschee-Anstalt? Oder eine Produktionsfirma der Moral? Muss sie nicht selbst erst zur Moral erhoben werden, müssen wir nicht heute mehr denn je nach dem Sinn der Religion selbst fragen? Kann aber die Religion als Legitimation einer säkularen Gesellschaft gelten? Was sichert den Zusammenhalt in einer Gesellschaft?

Wie Jürgen Habermas in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels hervorhebt, muss der säkulare, freiheitliche, weltanschaulich neutrale Staat ein Interesse an Religionen und Weltanschauungen haben, er darf sie nicht hindern, weil er ein Interesse an den Quellen haben muss, aus denen sein Selbstverständnis herrührt. Die Religionen sind wiederum Habermas zufolge gewarnt, nicht in Konkurrenz zu demokratischen Entscheidungen zu treten. Die Verfassung in Deutschland bevorzugt keine Religion, obgleich sie selbst religiös geprägt ist.

Das Wagnis der Religion spiegelt das Wagnis des Menschseins wider. In diesem Sinne muss die Religion mehr als eine Trostinstanz nach Leiderfahrungen sein, denn die Potenziale dieser Religion wären verloren, wenn man sie nicht mobilisieren würde. Jede Religion kann moralische Verantwortung verkörpern, aber die Religion muss mehr sein als bloßer Moralismus. Die Religion, und in diesem (meinem) Fall der Islam, muss präsent sein, Gesicht zeigen, sich politisch einmischen, an der Gestaltung und an dem Zusammenhalt der pluralen Gesellschaft partizipieren, nicht nur als bloße Stimme der Distanzierung von Gewalttaten, als leere Worte eines Gottesdienstes; vielmehr als Wagnis für den Frieden. Wenn sich die Religion auf eine bloße kulturelle Größe reduziert hat, die wir heute genauso gut und ohne irgendwelche aufgesetzten und irrationalen Gebote und Verbote im Café, Kino oder Disco, Im Theater oder Opernhäusern erleben können, dann hat die Religion tatsächlich nur noch eine antiquarische Bedeutung. Ihr Ort ist dann zurecht das Jenseits, jenseits der eigentlichen Gesellschaft. Was Goethe aber mit der heute schon sprichwörtlichen Gretchenfrage zeigte, ist der Umstand, dass die Frage nach der Religion eine existenzielle Frage ist, die in einem die ganze Person erfasst. Sie hätte also nicht genauso gut fragen können: Nun sag, wie hast du’s mit der Mayonnaise? Mit der Religion steht der Mensch als Mensch in Frage.

Es geht bei Religion wesentlich um den dort vorgetragenen Inhalt und nicht um die Bezeichnung, weil es nicht um Religion, sondern um Religiosität, das heißt um die Erhebung des Menschen zum Absoluten geht.
Wir dürfen diese Dimensionen des Lebens nicht vergessen, wenn wir uns einen Dialog der Kulturen wünschen und wir können sie in vielfältiger Weise entdecken, herausarbeiten, vermitteln – sei es in der Religion, sei es in einer lebendigen Kultur. 

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