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Deutsch-Polnisches Geschichtsbuch: Politisches Projekt im Praxistest

Seit einigen Jahren sitzen deutsche und polnische Historiker an einem gemeinsamen Geschichtsbuch, das unter dem Titel »Europa – unsere Geschichte« (Europa - Nasza Historia) deutsch-polnische Perspektiven besonders berücksichtigen soll. Zwei erste Bände sind bereits erschienen, aber der heikelste Band über das 20. Jahrhundert ist noch in Arbeit. Anlässlich des Schulstarts in Polen, Anfang September, der stets mit dem Jahrestag des Kriegsbeginns 1939 zusammenfällt, fragte die Journalistin Gemma Pörzgen nach den Chancen des ambitionierten Unterfangens, das gleiche Buch im Geschichtsunterricht beider Länder zu verwenden.

Es ist ein hochpolitisches Projekt, das der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bereits im Herbst 2006 angeregt hatte. Zwei Jahre später wollten die Außenministerien beider Länder die Idee umsetzen und beauftragten die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission damit, ein Konzept zu entwickeln. Im Mai 2008 begann die Arbeit an dem Schulbuch, das für das Gymnasium gedacht ist und in vier Bänden die Historie von der Antike bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts in Form eines regulären Geschichtsbuchs abhandeln soll.

Alle Bände erscheinen auf Deutsch und auf Polnisch, aber mit identischen Inhalten. Zahlreiche Institutionen und Experten aus beiden Ländern sind in das ambitionierte Projekt eingebunden. Die Kosten in Millionenhöhe tragen beide Länder. Schon bei der Vorstellung des ersten Bandes 2016 in Berlin zeigte sich auch der damalige Außenminister Witold Waszczykowski von der nationalkonservativen PiS als promovierter Historiker von dem Projekt ebenso begeistert wie Steinmeier.

Symbolkraft schützt das Schulbuchprojekt

Seither glauben viele Experten, dass die hohe Symbolkraft das ambitionierte Schulbuchprojekt schützt, sogar vor der politischen Instrumentalisierung von Geschichte, wie sie der PiS-Regierung vorgeworfen wird. Zwar gibt es Stimmen, die befürchten, dass vor allem der vierte Band, der sich mit dem 20. Jahrhundert befasst, unter der PiS-Regierung niemals in polnischen Schulen zum Einsatz kommen wird. Andere Stimmen, vor allem aus dem Kreis der beteiligten Historiker, sind da weitaus optimistischer.

»Was die Inhalte angeht, können wir völlig unbeeinflusst arbeiten«, sagt der Historiker Marcin Wiatr vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung, das für die wissenschaftliche Koordination zuständig ist. Es gebe bislang zum Glück keine politische Einflussnahme auf die Arbeit der Fachleute. Der Historiker erklärt sich das vor allem damit, dass beide Seiten ein großes Interesse an dem Zustandekommen dieses Schulbuchprojektes hätten. »Ich bin positiv gestimmt und erwarte keine Probleme«, sagt auch Wiatrs polnischer Kollege, der Historiker Dominik Pick vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften. »Das Projekt erfährt auch in Warschau viel politische Unterstützung.

Auf polnischer Seite erhofft man sich, dass in deutschen Schulen viele Themen, die für Polen wichtig sind, endlich auch in den deutschen Schulunterricht einfließen. Als Beispiel nennt Wiatr, dass deutsche Schulkinder bislang kaum etwas über die polnischen Teilungen im 19. Jahrhundert erfuhren und die historischen Zusammenhänge rund um zentrale Gedenktage wie den Warschauer Aufstand 1944 in Deutschland kaum bekannt sind. »Umgekehrt wird man sich in Polen mit dem Widerstand gegen die NS-Diktatur beschäftigen können«, sagt Pick über den vierten Band. »Stauffenberg und die Weiße Rose sind für die polnischen Schulen ganz neue Themen.«

Konstruktive Zusammenarbeit der Historiker

Beide Historiker betonen, dass es den Experten trotz der aufgeheizten polnischen Geschichtsdiskussion unter der regierenden PiS-Regierung unverändert sehr gut gelinge, die historischen  Themen sachlich zu behandeln und unterschiedliche Perspektiven zu diskutieren.  Unter den Fachleuten, die nun schon seit vielen Jahren eng zusammen arbeiteten, gebe es ohnehin wenige Unstimmigkeiten. »Wir entdecken in den Sitzungen, wie viel uns verbindet, aber auch, was uns trennt und warum es uns trennt«, sagt Wiatr. Auch sein polnischer Kollege Pick, stimmt zu, dass über Fakten selten gestritten werde. Interessanterweise seien es weniger die deutsch-polnischen Themen, die kontroverse Debatten hervorriefen, sondern eher solche Themen wie die Französische Revolution oder die Rolle Napoleons, der in Polen, anders als in Deutschland, als positive historische Figur gelte. In deutschen Schulbüchern sei bislang die Geschichte der Ukraine noch nicht einmal aufgetaucht, nennt Pick ein weiteres strittiges Thema bei der gemeinsamen Schulbuchentwicklung. »Geschichtsunterricht ist immer noch national aufgeladen«, sagt Wiatr und betont die Europäische Perspektive der neuen Bände, die den Blick stärker als bisher auf die Geschichte von Grenzregionen lenke, sei es Schlesien oder Südtirol. »Wir brauchen den Blick auf die Nationalstaaten in den Schulen, aber es darf nicht dabei bleiben.«

Die ersten beiden Bände sind bereits erschienen, der dritte Band soll im Mai 2019 kommen. Mit besonderer Spannung wird der vierte Band über das 20. Jahrhundert erwartet, der sich den schwierigsten Kapiteln der deutsch-polnischen Beziehungen widmen wird. »Auch diese Arbeiten laufen parallel schon«, sagt Wiatr und nennt 2020 als zu erwartendes Erscheinungsdatum.

Schwieriger Weg in die Schulen

Ob dieser heikle vierte Band mit seiner Behandlung des Zweiten Weltkrieges unter der PiS-Regierung wirklich Chancen hat, den Weg in die Schulen zu finden, wird sich in naher Zukunft erweisen. »Bislang wird das Projekt vom Bildungsministerium unterstützt«, beobachtet auch der Slawist Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt die bisherige Unterstützung für das Gesamtprojekt.  Er ist voll des Lobes für die bisher vorliegenden Bände: »Es ist ein hervorragendes Projekt und die Bücher sind sehr gut gelungen.« Aus seiner Sicht bieten sich auch methodisch für beide Länder große Chancen, die sehr unterschiedliche Tradition der Geschichtsvermittlung zusammenzubringen. Während in Polen Geschichte eher erzählend unterrichtet werde, arbeiteten deutsche Lehrer im Unterricht sehr stark mit der Analyse historischer Quellen.

An eine Zukunft der Werke als reguläre Schulbücher in beiden Ländern, glaubt Mack nicht. Die vier Bände ließen sich in die Lehrpläne der 16 deutschen Bundesländer nur schwer integrieren, sagt er. Vermutlich würden sie eher als zusätzliches Lehrmaterial zum Einsatz kommen, wenn Lehrer mit ihrer Klasse beispielsweise eine Klassenreise nach Polen planten oder gezielt nach Zusatzmaterial suchten.  In Polen würden zudem gerade schrittweise die Gymnasien abgeschafft, für die diese Geschichtsbuch-Reihe eigentlich konzipiert war. »Das könnte eine Hürde für die Genehmigung werden.« Auch Wiatr räumt ein: »Diese Bücher müssen ihren Weg in die Schule erst finden.« Dafür brauche es einen langen Atem und die Lehrer müssten stärker in den Prozess eingebunden werden.

Hürden lauern aber auch im deutschen Föderalismus. In Bayern wurden die bisher erschienen Bände als reguläres Schulbuch gar nicht erst nicht zugelassen, wie das bayerische Kultusministerium bestätigt. Zwar stelle das Geschichtsbuchprojekt ein Signal für die deutsch-polnische Verständigung dar und unterstütze die Zusammenarbeit in Europa, aber: »Das deutsch-polnische Lehrwerk deckt den bayerischen Lehrplan nicht vollumfänglich ab«, heißt es auf Anfrage aus dem bayerischen Kultusministerium. Unter anderem würden darin die Blütezeit Athens unter Perikles und die höfische Kultur der Stauferzeit nicht oder zu knapp behandelt. Dennoch finanziere die bayerische Staatsregierung im Rahmen der Kultusministerkonferenz die Erarbeitung der vier Einzelbände gerne mit. »Der Einsatz dieser Geschichtsbücher an bayerischen Schulen ist generell möglich und erwünscht.« Deshalb werde das Buch als gewinnbringende Ergänzung des Geschichtsunterrichts empfohlen.

Die Robert-Jungk-Oberschule in Berlin wäre als deutsch-polnische Europaschule eigentlich ein idealer Einsatzort für das neue Geschichtsbuch. Schulleiter Robert Knaack ist da sehr aufgeschlossen: »Das ist grundsätzlich ein hochinteressantes Projekt.« Knaack ist mit der Entstehungsgeschichte des Prestigeprojekts bestens vertraut, seit die Außenminister beider Länder im Juni 2016 den ersten Band in seiner Berliner Schule feierlich der Öffentlichkeit vorstellten. Trotzdem kamen die bisher vorliegenden Bände in der Europaschule noch nicht zum Einsatz. »Wir gucken uns sehr genau an, welche Bücher wir anschaffen«, erläutert Knaack und verweist auf den klammen Etat an Berliner Schulen. Hinzu kommt, dass Berlin gerade neue Rahmenpläne einführt, bei denen unklar sei, ob das neue Schulbuch dazu passen werde. Auch der hohe Besuch der Außenminister hat in der Schule wenig Spuren hinterlassen. Knaack bedauert, dass sie der ganzen Schule gerade einmal ein einziges Schulbuch übergeben hätten und nicht etwa mal einen Klassensatz zum Ausprobieren. »Das war ganz schön ungeschickt damals.«

Kontakt

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Telefon +49 • 30 • 206 267 - 60
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