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»Wir erleben eine lebhafte Debatte über 1968 «

Um einen neuen, liberaleren Sozialismus – darum ging es den Reformern im »Prager Frühling«. Seine Niederschlagung im August 1968 bekräftigte den Macht- und Hegemonialanspruch der Sowjetunion und machte zugleich die Hoffnungen vieler Menschen hinter dem »Eisernen Vorhang« zunichte, Missstände kommunistischer Regime reformmieren zu können. Welche Bedeutung die Erinnerung an den Prager Frühling in Tschechien in diesem Jahr hat und welche politischen Positionen dabei vertreten werden, erläutert der Politikwissenschaftler Vladimir Handl.

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen

Wie wurde dieses Mal an den sowjetischen Einmarsch 1968 in die Tschechoslowakei erinnert? Hat es eine große Debatte gegeben?

Da ist einmal der offizielle Diskurs, vor allem in den staatlichen Medien. Dort waren die Ereignisse von 1968 sehr präsent. Das ist jedes Jahr so und zu jedem runden Jahrestag. Aus meiner Sicht wird das Thema jedes Jahr besser historisch aufbereitet. In der Vergangenheit wiederholten sich viele Aussagen und die eigene Opferrolle stand stark im Vordergrund. Es war fast schon eine Pflichtübung geworden, die dann viele Leute nicht mehr ansprach. Was wir jetzt erleben, ist eine lebhafte Debatte. Außerdem nähern sich die staatlichen Medien dem Thema stärker analytisch an und zeigen ein differenzierteres Bild. Es geht nicht mehr nur um die Systemfrage, sondern menschliche Schicksale spielen eine größere Rolle. Und das auf allen Seiten. Man kann sich heute ein sehr viel differenzierteres und kritischeres Bild machen, selbst vom sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew, dem sowjetischen Politbüro und dessen einzelnen Mitgliedern. Es sind wenige Pauschalurteile zu hören. Das ist eine sehr positive Entwicklung, die sich auch in den privaten Medien zeigt.  

Erreicht diese lebendige Diskussion denn die breite Öffentlichkeit in Tschechien?

Die Mehrheit der Bevölkerung sieht den Prager Frühling sehr positiv, als Zeit des Wandels, der neuen Freiheit und großer Kreativität. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes wird als Verbrechen, Tragödie und Unterbrechung einer hoffnungsvollen Entwicklung gewertet. Ich schätze mal, dass rund 70 Prozent der Tschechen das heute so sehen. Aber es gibt auch eine andere Sicht einer wachsenden Zahl von Leuten, die sich vor allem in den sozialen Medien mit Verschwörungstheorien beschäftigen und anti-westlich sind.  

Historische Themen werden heute in einigen EU-Staaten bewusst politisch instrumentalisiert. Ist das etwas, was Sie beim Gedenken an 1968 in Tschechien auch beobachten?

Ja, das passiert und ist teilweise ziemlich abstrus. Es gibt Leute, die behaupten, der Prager Frühling sei eine Verschwörung des Westens gewesen, vor allem der Amerikaner. Diese hätten die Absicht verfolgt, Russland zu schwächen und das östliche Lager zu spalten. Angeblich hätten die Russen den Einmarsch gar nicht gewollt, Breschnew und die sowjetische Führung seien damals manipuliert worden und in eine Sackgasse geraten. Das sind eher marginale Stimmen, aber sie sind durchaus ein bemerkenswertes, neues Phänomen. Unter diesen anti-westlichen Stimmen ist vor allem eine These zu hören, die wirklich abenteuerlich ist. Da wird behauptet, die Ukraine sei damals an allem schuld gewesen und nicht etwa die Russen.  

Sie meinen die Äußerungen von Tschechiens Kommunistenchef Vojtech Filip. Er hat sogar behauptet, dass Breschnew ein Ukrainer gewesen sei und dass ukrainische Soldaten  angeblich den Hauptteil der Invasionstruppen gestellt hätten.

Genau, aber das ist nicht nur er. Ich erlebe diese Argumentation auch bei Debattenzirkeln im Internet, an denen ich mich beteilige. Da kursiert diese merkwürdige Version schon seit mehr als einem halben Jahr. Hunderte Leute beteiligen sich an der Diskussion und verbreiten das weiter. Sie behaupten, es wären die Ukrainer gewesen, die im Politbüro für den Einmarsch gestimmt hätten. Es seien ukrainische Truppen gekommen und nicht die russischen.

Worauf zielen diese Leute ab, wollen Sie Russland auf Kosten der Ukraine von der historischen Schuld entlasten?

Sie halten das eben für eine anti-russische Kampagne. Ihre Äußerungen entsprechen ganz der heutigen Rhetorik unter Präsident Wladimir Putin, die Russland als Opfer darstellt. Dieses Narrativ verbreitet sich bei uns jetzt auch. Aber das ist eine Minderheit von Leuten, die das glaubt. Sie sind in Deutschland mit dem Milieu der AfD vergleichbar.

In Tschechien zählt diese Gruppierung offenbar eher zum linken Rand und nicht zum rechten, wie in anderen Staaten. Hängt das damit zusammen, dass sich die tschechischen Kommunisten anders als in anderen osteuropäischen Staaten nie reformiert haben und deshalb zum Sammelbecken dieser Kräfte werden?  

Die Kommunistische Partei ist eine sehr geschlossene Gruppe von Leuten, die die Symbole der Partei, deren Ideologie und Sprache beibehalten haben. Sie ist ein Sammelbecken für viele Leute, die mit dem alten Regime untergegangen sind. Sie fühlen sich ihrer Würde beraubt. Ich bin selbst bis Anfang der 1990er Jahre Kommunist gewesen. Meine Frau und ich sind aus der KP ausgetreten, als wir gemerkt haben, dass die Partei sich nicht ändern will. Wir hatten versucht nach der Perestroika eine Sozialdemokratisierung der Partei voranzubringen, aber das blieb ohne Erfolg. Viele meiner Freunde und Familienangehörigen sind noch in der Partei. Sie fühlen sich durch die anti-kommunistische Welle beleidigt und sind mit anderen »out-laws« solidarisch, eben auch mit Russland.

Ist für diese Leute gerade 1968 ein wichtiges Schlüsseldatum, für das man bewusst ein anderes Narrativ in die Welt setzen will?

Die Partei hatte im Jahr 1989 noch 1,5 Millionen Mitglieder, heute sind es nur noch 30.000 Leute. Das ist eine ganz andere Größenordnung, aber man kann die Situation auch etwas breiter betrachten. Es gibt eine »Anti-Establishment-Opposition« von Menschen, die sind links und rechts zugleich. Für sie ist die Emotionalisierung von Themen wichtig und die Frage von Identität. Da geht es nicht um Fakten oder eine echte Debatte über Ereignisse. Da bringen sie nichts ein. Sie solidarisieren sich vor allem mit sich selbst.

Passen bei diesen Leuten, von denen Sie sprechen, eigentlich die Kategorien von links und rechts überhaupt noch?

Nein, bei dieser »Anti-Establishment«-Bewegung weiß man nicht mehr so richtig, ob sich die Leute als rechts oder links verstehen. Sie haben allerdings eine ziemlich ähnliche Vorstellung von der Rolle des Staates. Er soll in die Gesellschaft eingreifen und sie wollen ihn vor vermeintlicher Bedrohung von außen schützen, beispielsweise vor den Flüchtlingen. Wir haben zwar in Tschechien keine Flüchtlinge und sie bedrohen uns nicht, aber es geht diesen Leuten eben um die Abwehr des Westens und vor allem der Amerikaner. Die russische Politik und die Verbrechen der russischen Seite werden dagegen gerne relativiert. Damit wird auch das eigene Leben wieder rehabilitiert. Als hätte die Sowjetunion damals den Sozialismus in der Tschechoslowakei für die nächsten 20 Jahre gerettet und die Konterrevolution des Westens verhindert.
 
Ist das denn eine reine Minderheitenansicht oder haben Sie Sorge, dass solche Positionen zunehmend Anhänger in Tschechien finden könnten?  

Was 1968 angeht, bin ich eigentlich sehr zuversichtlich, dass das in absehbarer Zukunft nicht  passieren wird. Der Prager Frühling und 1968 sind in Tschechien wichtiger Teil der Erinnerungskultur, auch bei der jüngeren Generation.

Wie passen die von Ihnen beschriebenen Entwicklungen zu den Spaltungstendenzen, die wir auch in anderen Gesellschaften innerhalb der EU erleben, sei es in Polen oder in Ungarn?

In Ungarn und Polen ist diese konservative Revolution mit klaren ideologischen Prämissen verbunden. Es gibt dort eine Re-Ideologisierung der Gesellschaften, etwa im Sinne der Nationalisierung und mit Blick auf wahre Werte des Christentums. Das gibt es in Tschechien nicht. Bei uns gibt es stattdessen eine totale Entleerung der Politik. Wir haben keine Inhalte. Das ist auch bedrohlich, aber vielleicht etwas weniger. Bei uns gibt es eine Verwaltung und ein professionelles Beamtentum, aber wir haben in Tschechien keine Meinungsführer unter den Politikern, sondern nur leere Köpfe. Sie haben keine Ideen und keine Programme, für die sie Menschen gewinnen könnten. Das ist ganz anders als in Polen und in Ungarn.

Der tschechische Politologe Vladimir Handl ist Dozent und Forscher an dem Lehrstuhl für Deutsche und Österreichische Studien, Fakultät der Sozialwissenschaften der Karlsuniversität in Prag, sowie externer Mitarbeiter des Instituts für Internationale Beziehungen in Prag. Der Experte für deutsche und tschechische Außenpolitik sowie die Beziehungen zwischen Deutschland und den vier Visegrad-Staaten studierte am Moskauer Staatlichen Institut für Internationale Beziehungen und war unter anderem Berater in der Abteilung für Auswärtige Politik der tschechischen Präsidentialkanzlei sowie Gastwissenschaftler und Dozent an zahlreichen Forschungseinrichtungen in Deutschland und Großbritannien.

 

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