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Mit Begeisterung sollte man sparsam umgehen

Wie nachhaltig prägten historische Erfahrungen von Totalitarismus die Gesellschaften Mittelosteuropas? Welche Folgen hat die Geschichte von Gewalt und die Entfremdung von demokratischer Teilhabe langfristig für die Länder, die nach der politischen Wende einen Neuanfang als demokratische Nationalstaaten suchten? Inwiefern beeinflusst dies bis heute die Position und das Selbstverständnis dieser Gesellschaften in Europa? Die Politikwissenschaftlerin und Totalitarismusforscherin Blanka Mouralová erläuterte anlässlich des Körber History Forums am Beispiel Tschechiens, wie Geschichte bis heute Politik mitbestimmt.

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen


Unterschiedliche historische Erfahrungen beeinflussen bis heute die politische Kultur in den Ländern Ost- und Mitteleuropas. Wie hat die Erfahrung des Totalitarismus die tschechische Gesellschaft geprägt?

Wenn wir über Tschechien sprechen, spielen vor allem diese 20 Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 eine entscheidende Rolle. Es war eine Zeit, in der man an nichts mehr geglaubt hat und in zwei Welten zu leben schien. Da gab es eine formale, politische Welt, in der man Rituale erfüllen musste. Aber an die Ideologie hat keiner mehr geglaubt. Das Vertrauen in die  kommunistische Ideologie war mehr oder weniger verwirkt.

Spielte es eine Rolle, dass diese Ideologie teils gewaltsam verordnet wurde?

Ja, aber sie hat sich eben auch als nicht reformierbar erwiesen, und dadurch entstand eine völlige Aussichtslosigkeit. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings lebten die Tschechen in einer Welt, in der große Ideen ihre Glaubwürdigkeit verloren hatten. Sie hielten es seither für gefährlich, an große Ideen zu glauben. Andererseits gab es das Privatleben, in das man sich zurückziehen konnte, wo ganz andere Werte eine Rolle spielen. Es kam zu einer Zersplitterung des Lebens in das öffentliche Leben, mit dem man nichts mehr anfangen kann, und das private, in dem man alles ausleben wollte.

Was hat das für Konsequenzen?

Für die tschechische Gesellschaft bedeuten diese Erfahrungen heute, dass die Konfrontation mit neuen, schön klingenden Ideen nach der politischen Wende zu Skepsis führte. Das erschwert die Verständigung in der EU. An gemeinsame Erfolge zu glauben, sind wir nicht gewöhnt.

In der EU-Rhetorik wird häufig von europäischen Werten gesprochen. Wie klingt das in den Ohren von jemandem, der die Erfahrungen gemacht hat, die sie eben beschrieben haben?

Mit leeren Parolen kann man wenig anfangen. Dann werden solche Worte auch etwas anders verstanden, weil sie auch in der kommunistischen Zeit zu den Parolen gehört haben. Für den Bürgerrechtler Vaclav Havel war das der Grund, warum er mit der Friedensbewegung in Zentraleuropa nichts anfangen konnte, denn der Begriff »Frieden« war durch seine politische Vereinnahmung in jener Zeit diskreditiert.

Können Sie noch mehr Beispiele nennen?

Solidarität ist auch so ein Begriff, den die breite Bevölkerung nicht versteht. Eigentlich alle Werte, die nicht pragmatisch sind. Die tschechische Gesellschaft ist sehr stark durch Pragmatismus geprägt. Tschechien ist ein atheistisches Land. Es gab keine Kirche, die so stark verankert war, wie beispielsweise die Katholische Kirche in Polen. Die Tschechen waren und sind eher damit beschäftigt, wie sie sich im Kapitalismus neu erfinden und orientieren können.

Ein solches ideelles Vakuum, wie Sie es beschreiben, macht es schwierig, die Zukunft zu gestalten. Aber benötigt die EU nicht doch so etwas wie eine Vision, die alle vereint und ein Gemeinschaftsgefühl schafft?

Man kann in Europa nur einfach zufrieden sein, ohne dort viel machen zu wollen. Den Tschechen fehlt ein Konzept, welche Interessen sie in der EU eigentlich haben. Sie spielen immer noch eine kleine Rolle als Brückenbauer zwischen Ost und West. Dabei ist zu erwähnen, dass die Tschechen offenbar zu Hause und in ihrem Privatleben zufrieden sind. Wenn man es mit Polen vergleicht, bleiben die Tschechen lieber daheim und gehen nicht zum Arbeiten fort in andere EU-Länder oder in die USA.

Ist die Lage in der Slowakei ähnlich?

Nach der Trennung der beiden Staaten vor 25 Jahren war die Slowakei ganz anders als Tschechien damit beschäftigt, sichtbar zu werden. Das Land und die slowakische Gesellschaft  mussten sich nach außen neu definieren. Auf diese Weise wurde das ideologische Vakuum nach dem Zusammenbruch des Kommunismus viel stärker mit einem neuem Nationalgefühl gefüllt. Gleichzeitig ist das Land religiöser als Tschechien.

Dieses Jahr jährt sich die Erinnerung an den Prager Frühling und dessen Zerschlagung 1968. Ist das vielleicht eine Chance dafür, das von Ihnen beschriebene ideologische Vakuum und dessen Folgen zu thematisieren?

Davon bin ich nicht überzeugt. Obwohl das Jubiläum natürlich begangen wird, nutzt die breite Öffentlichkeit kaum Möglichkeiten, diese Fragen zu stellen und sie im internationalen Kontext zu diskutieren. Außerdem sind die Hoffnungen des Prager Frühlings durch die 20 Jahre, die darauf folgten, für die meisten Tschechen nicht mehr lebendig. Auch damit identifiziert man sich nicht. Deshalb ist das Jubiläum kein Anlass, um große Diskussionen anzustoßen.

Das bedeutet, dass dieses Aufbruchsgefühl des Prager Frühlings vor 50 Jahren so nachhaltig zerstört wurde, dass es bis heute nachwirkt?

Die Belebung der Gesellschaft während des Prager Frühlings war echt. Das wurde zerstört. Punkt. Mit Begeisterung sollte man sparsam umgehen. Für viele Tschechen ist das die bittere Lehre aus der Geschichte.  

Die tschechische Politologin Blanka Mouralová beschäftigt sich mit dem Erbe des Kommunismus und der Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit. Sie ist Direktorin der Abteilung für Forschung und Bildung am Institut für die Studien totalitärer Regime in Prag.  

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