Die Erinnerung an die Unabhängigkeit zeigt tiefe Spaltungen in Polen

Am 11. November gedachte Polen seiner Wiederentstehung als Staat am Ende des Ersten Weltkrieges vor genau einhundert Jahren. Die zentrale Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag in Warschau, die ein Zeichen der Einheit und des gemeinsamen Feierns setzen sollte, verdeutlichte jedoch viel mehr die tiefe soziale und politische Spaltung zwischen Regierung und Opposition, die deutliche Kritik an der Beteiligung rechtsextremer nationalistischer Gruppen übte. Als eine der wichtigsten konservativen Stimmen in der öffentlichen Debatte Polens spricht der Historiker Andrzej Nowak über die diesjährigen Feierlichkeiten und erklärt die Bedeutung der Geschichte für die aktuellen innerpolnischen Debatten und Polens internationale Beziehungen.

Professor Nowak, am 11. November vor 100 Jahren kehrte Polen als Staat auf die Landkarte zurück. Wie wurde dieser Tag in diesem Jahr gefeiert?

Leider auf eine Weise, die die tiefe Spaltung der polnischen Gesellschaft offenbart. Es gab die großen von der demokratisch gewählten Regierung und Präsident Andrzej Duda organisierten Feierlichkeiten. Weil die größten Veranstaltungen am 11. November wie schon in vergangenen Jahren von nationalistischen Gruppen organisiert werden sollten, war die Regierung in einer etwas kniffligen Lage. Zunächst verbot die Bürgermeisterin von Warschau, sie gehört der Opposition an, in einer nicht stichhaltig begründeten Entscheidung den Aufmarsch, was dann jedoch von den Gerichten gekippt wurde. Der von Präsident Duda dann in letzter Minute organisierte Aufmarsch sollte für alle offen sein, alle waren zur Teilnahme an den Feierlichkeiten eingeladen. Allerdings kamen auch die nationalistischen Gruppen, die sonst diese Demonstration organisieren. Wichtig festzuhalten bleibt, dass über eine Viertelmillion Menschen an dieser größten Feier in Polen seit 1989 teilnahmen, was zeigt, dass durchschnittliche Polen ein großes Interesse daran hatten, diesen Tag fröhlich und friedlich zu begehen. Andererseits machten die Oppositionsparteien ihren Unmut über die Regierung deutlich. Einen Tag vor dem 11. November etwa verglich Donald Tusk den Präsidenten und die Regierung mit den Bolschewisten und appellierte gleichzeitig an die nationale Einheit. Ein Aufruf zur Einheit, der mit der pauschalen Diffamierung von Millionen von Polen – die diese Regierung gewählt haben – als Bolschewisten einhergeht, kann jedoch kaum als ehrlich bezeichnet werden.

Weshalb spalten die Feierlichkeiten zu Polens Unabhängigkeit das Land so sehr?

Noch unter Präsident Komorowski hatte die Regierung sich von einem traditionellen Patriotismus zu distanzieren versucht. Dadurch wurde der Wunsch nationalistischer Gruppen, diesen Tag zu feiern, als gegen die Regierung gerichtet wahrgenommen. Sie stilisierten die Demonstration zu einer Art Kampf zwischen einer neuen, pan-europäischen Zukunft und dem traditionellen Patriotismus. Mit der Zeit führte das zu einer immer tieferen Polarisierung und letztlich zu einer Kaperung der zentralen Feierlichkeiten in Warschau durch radikalere nationalistische Gruppen. Die neue Regierung der Partei »Recht und Gerechtigkeit« fand sich daher in einer schwierigen Situation. Einerseits hegt sie gewisse Sympathien für den traditionellen Patriotismus, andererseits war und ist die Partei im Kern pro-europäisch. Weil die PiS allerdings versucht, Polens traditionellen Patriotismus und Konzepte nationaler Identität zu integrieren, nähert sie sich auch einem nationalistischem Verständnis polnischer Identität. Um nicht mit den nationalistischen Feiern identifiziert zu werden, organisierte die Regierung in den vergangenen beiden Jahren daher eigene Veranstaltungen in Krakau statt in Warschau. Bei den Gedenkfeiern zum polnischen Unabhängigkeitstag sind die Spaltungen somit eigentlich bereits seit einigen Jahren sichtbar.

Jenseits der Frage des Patriotismus, die eine Kernfrage ist, wie wichtig waren bei den diesjährigen Feierlichkeiten die geschichtlichen Ereignisse der polnischen Unabhängigkeit vor 100 Jahren?

Insbesondere dieses Jahr war es die offizielle Position, die Polen daran zu erinnern, wie wichtig die Überwindung von Spaltungen ist. Das hat seinen Wert, auch wenn es gute Gründe gibt, die Regierung und den Präsidenten dafür zu kritisieren, dieses Ziel nicht ganz erreicht zu haben. Sämtliche Interpretationen der historischen Entwicklungen, die während und nach 1918 zur neuerlichen Gründung eines polnischen Staates führten, betonen wie entscheidend die Überwindung ideologischer und politischer Spaltungen war. Dem Mitte-links-Lager um Józef Piłsudski und dem konservativen Lager unter Roman Dmowski gelang es, Ende 1918 und während des Jahres 1919 für eine kurze aber entscheidende Zeit ihre Differenzen beiseitezulegen und zum Wohle Polens zusammenzuarbeiten. Die Gegner unserer aktuellen Regierung ihrerseits versuchten die Oberflächlichkeit des Bündnisses zwischen Piłsudski und Dmowski aufzuzeigen und präsentierten eine antagonistischere Interpretation eines unvermeidlichen Zusammenstoßes zwischen den ideologischen Lagern.

Die Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkrieges in Paris und Warschau zeigen, wie unterschiedlich der Krieg und das Kriegsende Europa und damit auch die länderspezifischen Erinnerungskulturen geformt haben. Welches ist die polnische Perspektive auf die europäische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg?

Die Feierlichkeiten dieses Jahr bieten Gelegenheit, verschiedene Perspektiven auf den Ersten Weltkrieg und sein Ende aufzuzeigen. Eine Perspektive ist die von den Imperien und Nationalstaaten, die vor dem Krieg bestanden und mit unermesslichen und beispiellosen menschlichen Kosten an ihm teilgenommen haben. Dies ist eine legitime, vor allem in Westeuropa verbreitete Perspektive. Deutschland ist gewissermaßen ein Sonderfall, da die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg hier stark von der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg geprägt ist. Für viele Länder in Mittel- und Osteuropa, zu denen auch Polen gehört, liegt die Schwierigkeit darin, dass der Krieg für sie einen positiven Ausgang nahm und dies als Chance zur Realisierung eigener nationalistischer Ziele auf den Trümmern der imperialistischen Ordnung wahrgenommen wurde. Unglücklicherweise überlebte das System der neuen bzw. wiederentstandenen Nationalstaaten in Mittel- und Osteuropa im Angesicht der imperialistischen Ambitionen der Sowjetunion und Nazi-Deutschlands, für die der Hitler-Stalin-Pakt symbolisch steht, keine 20 Jahre. Während dies die unterschiedlichen Perspektiven erklärt, ist es wichtig zu betonen, dass Polen, wie viele andere Völker Mittel- und Osteuropas, ebenfalls am Ersten Weltkrieg teilgenommen hat. Ungefähr 600.000 Menschen polnischer Herkunft starben im Kampf für fremde Mächte während des Krieges. Wichtig festzuhalten bleibt auch, dass die Zerstörungen an der Ostfront massiv auf polnischem Gebiet stattfanden. Beide Aspekte werden in der westlichen Erinnerung weitestgehend vernachlässigt…

… genau wie auch viele Konflikte die mit der Entstehung von Nationen in Mittel- und Osteuropa einhergingen, wo das Ende des Krieges oft statt Frieden eine Fortsetzung der Konflikte bedeutete. Welche Herausforderungen und welche Chancen ergeben sich aus der Erinnerung an diese schwierige Zeit der Staatsentstehung in Mittel- und Osteuropa?

Heute sind wir in einer besseren Lage als noch vor dreißig Jahren, weil Staaten wie Litauen, Weißrussland und die Ukraine trotz aller Unterschiede auf eine gelebte Unabhängigkeit und stabile staatliche Verfassung zurückblicken können. Alle haben ihre eigene Geschichtsschreibung entwickelt, manchmal auch unter Einbezug nationalistischer Standpunkte, haben aber somit ihre Perspektiven auf die Geschichte mit denen der anderen konfrontiert. Ich beobachte einen natürlichen und positiven Trend der Pluralisierung der Perspektiven auf die schwierigen Aspekte unserer gemeinsamen Geschichte und der Konflikte, die es gab. Die Herausforderung liegt meines Erachtens nicht in der polnisch-litauischen Vergangenheit, da unsere Beziehungen wahrscheinlich nie besser waren. Auch in der Debatte mit Weißrussland sehe ich derzeit keine unüberbrückbaren Probleme. Deutschland kann in diesem Kontext auch nicht genannt werden, da die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit in unseren beiden Ländern sehr differenziert ist, obwohl das wahrscheinlich nicht für den Zweiten Weltkrieg gelten kann, denn hier bestehen noch ungelöste Fragen. Die größten Herausforderungen sehe ich in den Beziehungen Polens zu seinen Nachbarn nach dem Ersten Weltkrieg im Fall der Ukraine. Ähnlich wie mit Deutschland werden die Konflikte der Zwischenkriegszeit – wie etwa der ab November 1918 geführte Kampf um Lwów/L’viv/Lemberg – durch das Prisma späterer Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg wie das Wolhynien-Massaker betrachtet.

Wie problematisch ist es, die Geschichte des ersten Weltkriegs und die Erinnerung daran mit der des Zweiten Weltkriegs zu vermischen?

In Osteuropa passiert genau das. Ein Aspekt, der das verdeutlicht, betrifft die polnisch-jüdischen Beziehungen. Die Gewalt gegen Juden in der letzten Phase des Ersten Weltkrieges und 1919-1920, während der Konflikte um die Ziehung der polnischen Grenzen zur Ukraine und der Sowjetunion, wird in der westlichen Geschichtsschreibung zunehmend als ein Vorspiel des Holocaust gesehen, was einen fragwürdigen Zusammenhang suggeriert, insbesondere in Hinblick darauf, auf wessen Täterschaft der letztere zurückzuführen ist. In Diskussionen zur osteuropäischen Geschichte kommen derartige, nicht haltbare Thesen oft auf den Tisch. Der Erste Weltkrieg und seine Nachwirkungen werden aus der Perspektive des Zweiten Weltkriegs betrachtet, der, anders als in Westeuropa, den Ersten Weltkrieg deutlich überschattet.
Vielen Dank für Ihre Antworten, Professor Nowak.

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Andrzej Nowak ist Historiker und Public Intellectual sowie Professor für Osteuropäische Geschichte an der Jagiellonen-Universität in Krakau sowie am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Von 1980 bis 1989 arbeitete er bei mehreren antikommunistischen Untergrundzeitschriften in Polen, zwischen 1995 und 2012 war er Chefredakteur der konservativen politisch-kulturellen Zweimonatsschrift ARCANA und veröffentlichte darüber hinaus mehr als zwanzig Bücher zur Osteuropäischen Politik- und Geistesgeschichte. Andrzej Nowak war Gastprofessor und Dozent unter anderem an den Universitäten in Columbia, Rice, Duke, Harvard und Virginia sowie in Cambridge, Toronto, Tokio und an der Masaryk-Universität in Brünn. Aktuell ist er Mitglied des Nationalen Rates für Entwicklung sowie Präsident des Beirates am Zentrum für Polnisch-Russischen Dialog und Verständigung.

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