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Eine neue Sichtbarkeit in Europa

Eine der ältesten Städte Europas ist Kulturhauptstadt 2019: Plowdiw im Süden Bulgariens. Für das EU-Land eine Chance, mehr Aufmerksamkeit auf seine kulturelle Vielfalt zu lenken. Ein Gespräch mit Swetlana Kuyumdzhiewa, der Künstlerischen Direktorin von »Plowdiw 2019«.
Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen 
 
 
Welchen Effekt hat der Titel »Kulturhauptstadt 2019« für die Stadt Plowdiw?

Wir freuen uns über die große internationale Aufmerksamkeit. Der Titel verleiht der Stadt eine ganz andere Sichtbarkeit in ganz Europa. Außerdem konnten wir für die örtlichen  Kultureinrichtungen ganz neue, internationale Partnerschaften entwickeln. Das ist eine völlig neue Erfahrung. Plowdiw war immer ein wichtiges Kulturzentrum in Bulgarien, aber das nun europaweit ausweiten zu können, ist ein echter Erfolg.

Bulgarien liegt häufig eher im Schatten des Interesses und der medialen Aufmerksamkeit. Hilft die Kulturhauptstadt Plowdiw gerade dabei, das zu verändern?

Ja, es gibt dadurch ein neues kulturelles Interesse. Bisher stand eher das politische Geschehen in Bulgarien im Vordergrund, aber jetzt geht es um unsere Kulturprojekte und unsere Kreativität. Das ist sehr positiv. Auch die Stadt selbst verändert sich. Wir hören verschiedene Sprachen in den Straßen, es kommt viel Publikum aus anderen Ländern – das gab es alles vorher in Plowdiw so nicht.

Wer profitiert stärker – die Tourismusbranche oder die Kulturschaffenden vor Ort?

Ich denke, dass alle von der Kulturhauptstadt profitieren -  die Tourismusbranche und die Künstler der Stadt. Wir haben versucht, die örtliche Kulturszene sehr stark einzubeziehen und sie im Programm unterzubringen.

Es gab Kritik daran, dass die Roma-Bevölkerung der Stadt nicht ausreichend in der Konzeption der Kulturhauptstadt berücksichtigt wurde. Was sagen Sie dazu?

Wir haben in Plowdiw eines der größten Roma-Viertel in Europa. In Stolipinovo leben rund 50.000 Menschen. Deshalb gehörte es zu den größten Herausforderungen, sie in unser Programm einzubinden. Aber niemand hat da von uns Wunder erwartet. Vor allem die internationale Jury hat gleich verstanden, dass eine echte Zusammenarbeit schwer zu erreichen ist. Wir  machen uns keine Illusionen: Mit Mitteln der Kunst und Kultur allein lassen sich nicht plötzlich innerhalb eines Jahres jahrzehntelange gesellschaftliche Probleme lösen. Da braucht es eine politische Strategie.

Aber die Kultur kann einen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten?

Ja, deshalb haben wir uns stärker auf Bildungsaktivitäten konzentriert, denn das hat unter den Roma-Kindern und Jugendlichen einen nachhaltigeren Effekt. Wenn man in der Roma-Nachbarschaft ein Konzert organisiert, kann man das schnell als Erfolg verkaufen. Da bucht man eine Anlage, macht viel Lärm und lockt viele Leute an, aber das wollten wir eben nicht. Wir wollten etwas Nachhaltigeres für die Roma in dieser Gegend anbieten und haben uns für kleinere Projekte entschieden. Wenn die internationalen Partner zum Jahresende wieder abziehen, bleiben die bulgarischen Kulturorganisationen zurück.

Ein deutsches Projekt wollte am Ufer des Flusses Maritsa als architektonische Intervention eine Brücke zwischen den getrennten Lebenswelten von Roma und der anderen Stadtbevölkerung bauen. Was ist daraus geworden?

Das Projekt einer Brücke über den Fluss war die Idee der deutschen Architekten Martin Kaltwasser und Maik Ronz. Dann hat es doch nicht in den Zeitplan gepasst und das Budget hat für die Idee nicht ausgereicht. Jetzt ist das Goethe-Institut Bulgarien beteiligt, das daran arbeitet, die Idee mit einem lokalen Architekturbüro vielleicht doch umzusetzen. Es soll eine architektonische Intervention werden, sie hängt aber sehr stark von der Mitwirkung der Roma ab.

Wer sind die Besucher, die nach Plowdiw kommen. Sind es vor allem auswärtige Gäste oder auch  Bulgaren aus anderen Teilen des Landes?

Es kommen Leute aus aller Welt. Plowdiw ist eine multiethnische, multikulturelle Stadt. Jetzt reisen viele kulturinteressierte Besucher zu uns, vor allem aus anderen europäischen Ländern. Wer in diesem Jahr Bulgarien besucht, kommt auch ein paar Tage nach Plowdiw.

Hat sich das Konzept der europäischen Kulturhauptstädte bewährt und gelingt es damit, ein Land wie Bulgarien in Europa noch stärker zu integrieren?      

Das ist genau die Idee, mit diesem Konzept marginalisierte Städte und Länder noch stärker in Europa zu integrieren und mehr Aufmerksamkeit dorthin zu lenken. Für Bulgarien ist diese Kulturhauptstadt eine sehr interessante Erfahrung, denn sie lehrt uns vieles auch für unsere eigene Kulturpolitik.

Was wird nach 2019 von der Kulturhauptstadt in Plowdiw bleiben?

Ich hoffe, dass es uns gelingt, einiges aus dem Kulturprogramm in Plowdiw fortzuführen. Außerdem sind viele internationale Partnerschaften entstanden, die hoffentlich auch nach 2019 weiter bestehen werden.

Die Kunsthistorikerin und Kuratorin Svetlana Kuyumdzieheva gehört zu den wichtigsten Persönlichkeiten der bulgarischen Kunstszene. Sie arbeitete zehn Jahre als Galeristin in der Hauptstadt Sofia und dann in zahlreichen Kultureinrichtungen im In- und Ausland. Sie ist eine der Gründerinnen der ersten Kuratoren-Vereinigung in Bulgarien. Im Team mit anderen Kunstexperten entwarf sie die Kulturstrategie für die Stadtregierung von Plowdiw von 2014 bis 2024 und ist heute die Künstlerische Direktorin von »Plowdiw 2019«.


»Zusammen« als Motto

Jedes Jahr vergibt die Europäische Union den Titel »Kulturhauptstadt Europas« an zwei Städte, die damit in das Licht der Aufmerksamkeit rücken. Die EU möchte so die Vielfalt des kulturellen Erbes in Europa stärker herausstellen und den Bürgern ein besseres Verständnis füreinander ermöglichen. In diesem Jahr sind es das bulgarische Plowdiw im Süden des Landes und das italienische Matera.

Plowdiw hat als Motto »Zusammen« gewählt. Der Bürgermeister Iwan Totew sagte in seiner Eröffnungsrede zum Jahresbeginn, dies sei ein wichtiges Schlüsselwort für die rund 8000 alte Stadt, in der orthodoxe Bulgaren, Katholiken, Muslime, Armenier und Roma friedlich zusammen lebten.

Plowdiw ist mit 350.000 Einwohnern die zweitgrößte und älteste Stadt Bulgariens. Es gilt als eines der kulturellen Zentren des Landes. Dort wurde das erste professionelle Theater des Landes gegründet, der erste bulgarische Buchverlag und die erste Druckerei. Im Kulturhauptstadtjahr erlebt Plowdiw mehr als 500 Veranstaltungen, ein Jazzfestival, Theater- und Opernaufführungen und eine Puppenparade.

Dafür stellt Brüssel auch Fördergeld zur Verfügung, das ein attraktives Programm von Kulturveranstaltungen unterstützt und zahlreiche Besucher aus ganz Europa anlockt. Der Titel wird seit 1985 jedes Jahr neu vergeben, seit 2004 an mindestens zwei europäische Städte -   eine liegt in einem neuen Mitgliedsland und die andere in einem alten.

Die nächsten Kulturhauptstädte 2020 sind das kroatische Rijeka und Galway in Irland.

Zur Programmseite Plovdiv 2019


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